• Roman Banzer, Schaan
    Roman Banzer freut sich, mit dem Literaturhaus Liechtenstein im Herbst mit einem vielseitigen Programm durchstarten zu können.  (Tatjana Schnalzger)

«Es fehlt an Gerechtigkeitssinn»

Roman Banzer, Leiter des Literaturhauses Liechtenstein, schätzt es, in einem Land wie Liechtenstein zu leben. Seine Privilegien sind ihm insbesondere während der Coronakrise bewusst geworden. Ebenso wie seine Meinung, dass das Land mit anderen Menschen geteilt werden muss. Die «Zauderei bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen», wie er es nennt, ist für ihn «beschämend». Über diesen Unmut spricht er im Interview und blickt ausserdem auf die Entwicklung des Literaturhauses, das ziemlich genau vor einem Jahr in Schaan sein neues Zuhause fand.

Herr Banzer, gut ein Jahr ist es nun her, dass das Literaturhaus Liechtenstein nach 18 Jahren ein neues Zuhause gefunden hat. Wie hat sich das Literaturhaus im Zentrum von Schaan eingelebt?
Roman Banzer: Sehr gut. Die Situation ist ideal. Wir sind im Zentrum von Schaan, mit dem Skino, der Buchhandlung, dem Antiquariat haben wir feine Partner, das TAK, der SAL sind nahe. Ich kann mir momentan keinen besseren Ort wünschen, vielleicht auch darum, weil die Architektur, die Gestaltung des Raumes sehr gut gelungen ist. Von Autoren, die bei uns lesen, erhalten wir viele Komplimente für die Atmosphäre, das Ambiente. Ganz wichtig ist auch, dass wir ein eigenes Haus gefunden haben, das stärkt unsere Präsenz und stellt Anforderungen an uns. Das Haus muss bespielt werden, es darf nicht leer stehen, es muss leben.

Wie gelingt Ihnen das?
Jeden Freitagabend, ausser in den Ferien, gibt es bei uns Literatur, als Lesung, als Diskussion, als Buchpräsentation. Jeweils Montagabend läuft das shared-reading-Programm, ein Lesezirkel mit ganz besonderer Ausrichtung, für alle, nicht verkopft, frei, offen, freundlich. Ab Herbst wird das JuLi (Junge Literaturhaus) seine Arbeit aufnehmen. Das freut mich besonders. Kreatives Schreiben, nature writing und spezielle Angebote für Schüler und Jugendliche füllen den Mittwochnachmittag aus. Und immer mal wieder kommt was Neues, die Leute kommen auf uns zu. Im Herbst etwa eine Kooperation mit dem Kunstmuseum unter dem Titel «Parlament der Pflanzen».

Arbeiten Sie auch mit anderen Veranstaltern zusammen?
Das Literaturhaus Liechtenstein will eine Plattform für alle sein. Mit dem TAK und Schlösslekeller stimmen wir uns seit Jahren ab, kooperieren, hatten tolle gemeinsame Projekte. Die Literaturtage hätten heuer zum ersten Mal bei uns stattgefunden, werden das nächste Jahr bei uns sein. Momentan besprechen wir auch mit der IG-Wort-Autoren, inwieweit wir kooperieren könnten. Unser Raum kann aber auch von anderen gemietet werden, für NGOs haben wir spezielle Konditionen. Zusammen mit Frauke Kühn vom Netzwerk Literatur, Vorarlberg, haben wir das Korrespondenz-Projekt «Cara Roberta» lanciert, das auf unseren Webseiten einzusehen ist. Der Südtiroler Schriftstellerverband und Wyborada, St. Gallen, haben sich in der Folge dem Projekt angeschlossen.

Neu war für das Literaturhaus auch, dass es mit dem Filmclub Frohsinn, einer Buchhandlung und einem Antiquariat Mitbewohner unter einem Dach bekommen hat. Wie funktioniert das «Zusammenleben»?
Die Zusammenarbeit mit anderen hängt von Sympathien ab. Ich mag mit unsympathischen Leuten nicht zusammenarbeiten, das ist nicht nur bei mir so. Da kann der andere noch so schlau sein, wenn ich ihn nicht mag, kommt nie was Gescheites dabei raus. Die Leute vom Vorstand, vom Skino, vom Omni, vom Antiquariat, die mag ich, da fühl ich mich wohl. Ich behaupte, das beruht auf Gegenseitigkeit. Auf alle Fälle ist die Atmosphäre bei uns herzlich und einladend.

Inwiefern hat das neue Zuhause den Stellenwert des Literaturhauses beeinflusst?
Der Stellenwert des Literaturhauses ist gestiegen. Wir machen nun das Doppelte oder Dreifache an Programm als in den Jahren davor. Das bringt uns in die Öffentlichkeit. Und das Schöne am Ganzen, unsere Veranstaltungen funktionieren, es kommen Leute, manchmal gar zu viele. So macht es natürlich auch Spass, wenn wir sehen, dass unsere Anstrengungen vom Publikum geschätzt werden, dass sie gerne zu uns kommen, dass sie Stammgäste werden.

Auf eine feierliche Eröffnung folgten verschiedene Veranstaltungen, doch seit März herrschte dann auch im Literaturhaus durch die Coronakrise Stille. Wie haben Sie diese «Stille» erlebt?
So verquer es tönen mag, persönlich ganz angenehm. Ich bin privilegiert, lebe in einem der reichsten Länder der Welt, muss nicht um meinen Lohn zittern, lebe in einem schönen Haus. Endlich mal weniger von dieser Hektik, vom ewigen «Ma sött». Angesichts des Leids andernorts hat sich wieder einmal gezeigt, in welch ausserordentlichen Lage das ganze Land ist, wie reich wir sind. Das müssen wir mit andern teilen! Die Zauderei bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen ist beschämend, macht mich wütend. Plakativ gesagt, unserem Land fehlt es am Gerechtigkeitssinn.

Woran haben Sie in den vergangenen Wochen konkret gearbeitet?
Ich habe gearbeitet, meinen Job an der Uni gemacht, allerdings online im Homeoffice, der Uni-Betrieb lief ja irgendwie weiter. Auch im Literaturhaus gab es zu tun, Veranstaltungen mussten neu aufgegleist beziehungsweise in den Herbst verschoben werden. Der Vorstand hielt seine Sitzungen als Web-Meetings ab und wir haben so auch unsere GV durchgezogen. Das Konzept für das diesjährige Jahrbuch wurde im Team erarbeitet, das läuft jetzt. Und weil wir davon ausgehen, dass im Herbst wieder Lesungen möglich sind, gab es auch hier einiges zu organisieren.

Wie werden Sie diese Zeit bis Ende August noch überbrücken, wie bereiten Sie sich auf die Zeit der Wiedereröffnung vor?
Wir haben schon während des Lockdowns Projekte angestossen, die wir weiterführen wollen. Das erste heisst «Cara Roberta». Hier bitten das Literaturhaus Liechtenstein und das künftige Literaturhaus Vorarlberg ausgewählte Autorinnen und Autoren, die sich zuvor noch nicht begegnet sind, fünf Wochen lang in einen Briefwechsel per E-Mail zu gehen. Die Inhalte ihres Austausches legen die Partnerinnen und Partner selbst fest beziehungsweise überlassen sie dem Zufall. Von Liechtensteiner Seite ist das Peter Gilgen und Hansjörg Quaderer. Wir planen für den Herbst eine miromente-Publikation dazu.

Mit welchem Programm möchte das Literaturhaus im Herbst wieder durchstarten?
Auf die Wiedereröffnung im Herbst haben wir uns mit einem vielversprechenden Programm vorbereitet, das teilweise auf www.literaturhaus.li ersichtlich ist. Es bleibt zu hoffen, dass sich die vielen Kulturträger im Herbst nicht mit einem überreichen Programm das Publikum gegenseitig streitig machen. Aber gehen wir einmal davon aus, dass viel Nachholbedarf besteht und wir uns über ganz viele Besucherinnen und Besucher bei uns freuen werden.

Möchte das Literaturhaus auch künftig mit Onlineangeboten einen neuen Weg einschlagen?
Unter der Projektleitung von Werner Hasler arbeitet eine Strategiegruppe an der Konzeption eines Kulturportals, das im Herbst als Pilotprojekt starten soll. Da wird das Literaturhaus sicher mit dabei sein. Ansonsten, wenn ich ehrlich bin, die Resonanz auf «Cara Roberta» ist nicht überschwänglich, aber das Echo von Einzelnen zeigt, dass Inspiration daraus gezogen wird. Literaturvermittlung lebt vom Austausch von Mensch zu Mensch. Einfach gesagt, gibt es zwei Zugänge zur Literatur, ein Buch lesen oder vorgelesen bekommen – und – das Vorlesen kann durchaus auch digital geschehen, vor allem dann, wenn wir Menschen erreichen wollen, denen der Gang ins Literaturhaus nicht möglich ist.

Sind Künstler, denen Ihr absagen musstet, beispielsweise im Herbst wieder verfügbar? Welche Absage hat besonders geschmerzt?
Ja – alle, denen wir absagen mussten, haben für den Herbst wieder zugesagt. Ganz besonders ist die Situation, dass wir dieses Jahr, was bisher in dieser Qualität noch kaum geschehen ist, drei liechtensteinische Debüts als Buchpräsentationen bieten, die ausserordentlich sind. Benjamin Quaderer und die gut besuchte Lesung aus seinem Roman «Für immer die Alpen» konnten wir zum guten Glück noch vor dem Lockdown veranstalten, es war die letzte ­Lesung des Literaturhauses vor dem Sommer. Im Herbst präsentieren wir Anna Ospelts «Wurzelstudien» und Simon Deckerts «Siebenmeilenstiefel». Das ist erfreulich. Absagen haben uns in diesem Fall keine geschmerzt. Allerdings ist es für die Autorinnen und Autoren schwierig bis existenzbedrohend, da sie einen grossen Teil ihres Lebensunterhalts aus Lesehonoraren bestreiten und wir als Literaturhaus hier einen Ort für ihre Auftritte bieten. Natürlich geht es nicht hauptsächlich ums Geld, Bücher wollen vermittelt und gelesen, wollen weitererzählt werden, Lesungen bieten Austausch für beide Seiten, was für Schreibende, die als reine Tätigkeit eher einen einsamen Job ausüben, sehr wichtig ist. Und wie bereits am Anfang erwähnt: Literatur fördert die Empathie und liefert den geistigen Sauerstoff. Dafür steht das Literaturhaus. 

Inwiefern hat die Coronakrise dem Literaturhaus geschadet, gerade auch finanziell?
Die Relevanz der Literatur für die Gesellschaft lässt sich nicht an Zahlen messen. Natürlich sind diese auch wichtig, spannender finde ich allerdings die Erkenntnis aus der Leseforschung, dass das Lesen von Literatur Empathie fördert. Lesen – und hier ist ausdrücklich das Lesen von Literatur gemeint – fördert demnach die Fähigkeit, den emotionalen Zustand oder Kontext einer anderen Person zu verstehen. Unser Veranstaltungsprogramm, die Lesungen, Diskussionen und Buchbesprechungen verstehen sich als Vermittlungsinstanz, wir bieten Literatur, regen an, bieten Stoff, literarischen Sauerstoff, ohne den uns der Schnauf ausgeht. Um auf die Frage nach den Finanzen zurückzukommen: Wir erhalten von Land und Gemeinde namhafte Unterstützungsbeiträge, die wir jetzt natürlich nicht horten, sondern wir werden unserem Auftrag gerecht, Literatur in allen möglichen Formen an möglichst unterschiedliche Altersgruppen zu vermitteln, das heisst, es wird einen reichhaltigen Herbst mit einem umfangreichen Programm und spannende Projekte geben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Literaturhauses?
Ich wünsche mir einen offenen, lebhaften Ort, der möglichst unbedingt sein sollte. Ich wünsche mir spannende, gut besuchte Veranstaltungen, ein spannendes Jahrbuch, genug Geld in der Kasse, wohlwollende Kollegen, freche Stimmen und eine engagierte Kulturpolitik, die dem Reichtum des Landes gerecht wird.

 

25. Jun 2020 / 19:01
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