• Benjamin Quaderer
    Nach fünf Jahren präsentiert Benjamin Quaderer seinen ersten Roman.  (Jens Oellermann)

Durch Recherchen vom realen Datendieb entfernt

Am 9. März erscheint Benjamin Quaderers Erstlingswerk «Für immer die Alpen», an dem der Nendler Autor die letzten fünf Jahre gearbeitet hat, im Luchterhand-Verlag. Darin hat er mit viel Liebe zum Detail und tiefgreifenden Recherchen das Gefühlsleben wie auch die Lebensumstände des Datendiebs Johann Kaiser – angelehnt an die Geschichte Heinrich Kiebers – aufgearbeitet.

Ihr aktuelles Buch handelt von Heinrich Kiebers Leben. Was fasziniert Sie an ihm?
Benjamin Quaderer: Das Buch handelt nicht von Heinrich Kiebers Leben. Das Buch handelt von Johann Kaisers Leben. So heisst der Protagonist in «Für immer die Alpen». Obwohl es zwischen Kieber und Kaiser einige Gemeinsamkeiten geben mag, sind es die Unterschiede, die überwiegen. Der gewichtigste: Heinrich Kieber gibt es wirklich. Johann Kaiser ist eine literarische Figur. 

Fasziniert Sie trotzdem etwas an Heinrich Kieber?
Ja, wahnsinnig viel. Allerdings interessiert mich weniger die Person als solche, sondern mehr das gesamte Setting, das Thema, das der Geschichte Kiebers zugrunde liegt. Mich fasziniert, wofür Heinrich Kieber steht, sein Typus: Ein Aussenseiter und Hochstapler, der es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, ein unzuverlässiger Erzähler par excellence. Das ist das eine. Das andere ist, dass er mit ganz verschiedenen Milieus und Gesellschaftsgruppen in Liechtenstein verstrickt ist. Vom Fürstenhaus über die Sportvereine bis hin zu den Stammtischen der Beizen im Land – jede und jeder scheint eine Geschichte mit ihm zu haben. Über eine Figur wie diese, war dann irgendwann meine These, lässt sich nicht nur eine aussergewöhnliche Biografie, sondern ein ganzer Kleinstaat erzählen. Aus dieser Faszination heraus ist Johann Kaiser entstanden. 

Wie kamen Sie auf den Namen Johann Kaiser? 
Ich habe nach einem Nachnamen gesucht, der liechtensteinisch klingen sollte. Da hat sich Kaiser angeboten. Ausserdem hatte mein Neni eine zeitlang einen Hasen, der auf einem Auge blind war. Den hat er Johann genannt. Der Name hat sich mir deswegen irgendwie eingeprägt. 

Was macht die Figur des Johann Kaiser so spannend?
Dass er so gerne erzählt, und dass er erzählen muss, um am Leben zum bleiben. Zum Zeitpunkt, zu dem die Geschichte einsetzt, befindet sich Johann Kaiser unter neuer Identität in einem Zeugenschutzprogramm. In seiner früheren Heimat gilt er als der grösste Verräter aller Zeiten, was er natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Daher meldet er sich von dort aus zu Wort und unternimmt den Versuch, sein Leben so zu erzählen, wie es – zumindest behauptet er das – wirklich gewesen ist. Das heisst: Er muss die Leute überzeugen. Und um überzeugen zu können, braucht er nicht nur eine gute Geschichte, er muss diese Geschichte auch überzeugend erzählen. Ob ihm das gelingt, ist eine andere Frage. Aber er versucht es und erzählt sich um Kopf und Kragen. Das gefällt mir so gut an ihm. 

Die Geschichte ist voller Details über das Leben eines untergetauchten Menschen. Wie haben Sie sich über ein solches Leben informiert?
Über gewisse Dinge kann man sich informieren, indem man sie selber erfindet. Das ist das Schöne an Literatur. 

Das Buch ist in Ichform geschrieben. Wieviel Johann Kaiser hat schon auf Sie abgefärbt?
Da die Arbeit am Buch ungefähr fünf Jahre gedauert hat, habe ich sehr viel Zeit mit dieser Figur verbracht. Insofern kann ich gar nicht mehr sagen, wer wen wie stark beeinflusst hat. Meinem Umfeld und mir wäre aber zu wünschen, dass mein Einfluss auf die Figur stärker ist als umgekehrt.

Ihrem Buch liegen zahlreiche Recherchen zugrunde. Wie sahen diese aus?
Ich habe sehr viel gelesen. Zur Liechtensteiner Geschichte, zum Finanzplatz und zu Heinrich Kieber, jede Menge Zeitungsartikel aus der Zeit um 2008, überhaupt alles, was mir so in die Finger geraten ist. Auf Grundlage dessen habe ich dann irgendwann angefangen, eine Art Handlungsgerüst zu konstruieren, in dessen Mittelpunkt das Leben eines Liechtensteiner Datendiebs stehen sollte. Je mehr Recherchen ich angestellt habe, je mehr ich gelesen und mich informiert habe, desto mehr habe ich mich vom realen Datendieb entfernt, und desto näher bin ich dem fiktiven gekommen. 

Wie erklären Sie sich das?
Mein Ziel war nie, ein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Roman. Das heisst, ich konnte Dinge in den Fokus nehmen, die sich in Wirklichkeit nicht so abgespielt haben müssen. Ich konnte spekulieren. Ich konnte erfinden. Eine Beobachtung führte zu einer Idee, diese Idee führte zur nächsten und diese zur nächsten und so weiter, sodass das, was die Idee ursprünglich einmal ausgelöst hatte, dann gar nicht mehr so wichtig war.

Was waren die interessantesten Entdeckungen, die Sie bei Ihren Recherchen gemacht haben? 
Das lässt sich nicht so genau sagen. Mir hat es gefallen, mit den Augen eines anderen auf etwas zu blicken, das ich sehr gut kenne. Sich zu überlegen, wie eine Figur wie Johann Kaiser die Fragen beantwortet, die ich mir selber schon lange stelle, hat meinen Blick auf Liechtenstein sicher verändert. 

Inwiefern? 
Liechtenstein ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Ich habe meine ganze Kindheit dort verbracht, was ich hauptsächlich mit positiven Erinnerungen verbinde. Erst als ich dann etwas älter geworden bin, habe ich mich begonnen zu fragen, was das eigentlich für ein Ort ist. Wie es möglich ist, dass es so einen winzigen Staat überhaupt gibt, der noch dazu von einem Fürsten regiert wird, und das im 21. Jahrhundert. Wie aus diesen elf Dörfern innerhalb eines knappen Jahrhunderts einer der reichsten Staaten der Erde werden konnte. Was die Treuhänder und Banken mit diesem Reichtum zu tun haben und woher das ganze Geld kommt, das sie verwalten. Diese Fragen sind nie weggegangen, im Gegenteil: Im Laufe der Zeit sind sie sogar noch drängender geworden. «Für immer die Alpen» ist daher so etwas wie mein Versuch, mich im Gespräch mit Johann Kaiser und den Texten, die ich gelesen habe, mit die-
sen Fragen auseinanderzusetzen. Um mich auf die Perspektive eines Menschen wie ihn einlassen zu können, der durch sämtliche Raster dieses Systems gefallen ist, war ich dazu gezwungen, Liechtenstein in einem anderen Kontext und mit viel mehr Distanz zu betrachten. Und wenn man weiter weg steht, sieht man die Dinge anders. 

Im Buch heisst es unter anderem, Johann Kaiser war mit einem in Mauren wohnhaften Bergsteiger, der stark an Heinrich Harrer erinnert, in Kontakt. Wie viel im Buch basiert auf wahren Begebenheiten und wie viel ist fiktiv? 
Wahrscheinlich ist es am besten, das entscheidet jeder Leser und jede Leserin für sich selbst. Ich würde aber vorschlagen, erst einmal alles als Fiktion zu betrachten. 

Neben dem Fiktiven sind zum Teil sehr viele historische Fakten aneinandergereiht. Haben Sie da nie den Überblick verloren? 
Ich habe den Überblick nie gehabt, insofern konnte ich ihn auch nie verlieren. 

Im Buch gibt es viel Lokalkolorit. Denken Sie, dass dies bei einem ausländischen Publikum auf Interesse stösst? 
Mir war von Anfang an klar, dass ich kein Buch schreiben möchte, das nur für Leute verständlich ist, die in Liechtenstein wohnen oder mindestens eine Doktorarbeit darüber geschrieben haben. Das war auch das Schwierige an der Sache. Wie kann man über etwas sprechen, über das kaum jemand mehr weiss als «Steueroase» und vielleicht noch «Fürst», ohne dabei in so einen Erklärton hineinzukommen? Dass Sie das mit dem Lokalkolorit ansprechen, überrascht mich deswegen etwas. Ich finde eigentlich nicht, dass es so wahnsinnig viel davon gibt. 

27. Feb 2020 / 17:27
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