Dutzende Tote nach Zugkollision in Spanien – Minister spricht über die Ursache
Das Video zeigt die Unfallstelle
Was ist passiert?
Bei einem schweren Zugunglück sind in Spanien mindestens 68 Menschen ums Leben gekommen. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge stiessen am Morgen nahe Urda in der Provinz Toledo rund 130 Kilometer südlich von Madrid zusammen. Es könne weitere Tote geben, «weil es bislang noch nicht möglich war, bis ins Innere aller Waggons vorzudringen», sagte der Präsident der Region Kastilien-La Macha, Emiliano García-Page, vor Ort vor Journalisten. Die Zahl der Schwerverletzten wurde mit rund 50 angegeben. Zu Ausländern unter den Opfern wurde vorerst nichts bekannt.
In beiden Zügen waren nach amtlichen Angaben insgesamt rund 540 Passagiere von Madrid nach Andalusien unterwegs.
Wie kam es zum Unglück?
Das Unglück sei auf eine «unerklärliche» und «falsche» Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen, sagte Verkehrsminister Óscar Puente. Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte und alle Züge auf einer Strecke von 63 Kilometern standen, sei dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben worden. Ob menschliches Fehlverhalten vorliege, müsse die Untersuchung klären. Mit dem betreffenden Mitarbeiter habe man bislang nicht gesprochen, sagte Puente.

Kurz vor 9 Uhr rammte ein Hochgeschwindigkeitszug zwischen den Gemeinden Urda und Orgaz den anderen von hinten. Beide waren in Richtung Süden nach Andalusien unterwegs gewesen. Der Iryo-Zug war offenbar aus bislang unbekannten Gründen zum Stehen gekommen.
Laut «El País» fuhr der Hochgeschwindigkeitszug 17 Minuten lang auf den stehenden Zug zu. Laut Minister habe der Fahrdienstleiter angeordnet, dass alle im betroffenen Gebiet stehenden Züge wieder normal fahren sollten. Die Ermittlung sollen nun klären, weshalb der Angestellte in der Leitstelle in dieser Zeit offenbar nicht bemerkte, dass ein Zug auf einen anderen zuraste.

Einer der Züge gehört dem staatlichen Bahnunternehmen Renfe, der andere dem privaten Anbieter Iryo.
Was sagen Überlebende?
Überlebende schilderten Medien die dramatischen Momente des Unglücks. Jesús Jerónimo sass in einem Waggon des Renfe-Zuges und arbeitete an seinem Laptop. «Ich spürte plötzlich eine heftige Beschleunigung und wurde mit voller Wucht gegen den Vordersitz geschleudert. Menschen flogen durch die Luft», sagte der 54-Jährige der Zeitung «El País».

«Es war brutal», erzählte Dirk, ein junger Tourist aus dem US-Staat Florida, im RTVE-Interview. «Überall Blut, Schreie. Menschen heulten. Schnell raus hier, habe ich zu meiner Frau gesagt.» Der Pfarrer von Urda kämpfte im Gespräch mit RTVE mit den Tränen: «Es war erschütternd, sehr, sehr hart. Ich konnte einigen Verletzten helfen, andere Betroffene in den Arm nehmen und ihnen Trost spenden.» Ein Psychologe, der in Madrid Angehörige möglicher Opfer betreute, sagte im Fernsehen: «Es ist wie in einem Horrorfilm.»
Zahlreiche Menschen posten auf sozialen Medien Szenen, die das Geschehen kurz nach dem verheerenden Unglück zeigen. Da sitzen Überlebende zwischen den Trümmern, mit Löchern in der Kleidung, und weinen. Einsatzkräfte versorgen auf der Wiese neben dem Bahndamm Verletzte, decken sie mit Wärmedecken zu, halten Infusionsbeutel hoch. Andernorts tragen Helfer Leichen weg vom Ort des Geschehens, mit weissen Tüchern bedeckt.
Rettungskräfte berichten der Zeitung «El País», dass seit dem Morgen die Leichen der geborgenen Opfer in Reihen entlang eines Bahndamms aufgebahrt sind. Auf der anderen Seite des Damms wurden den ganzen Tag über verletzte Fahrgäste versorgt. Die Schwerstverletzten wurden umgehend mit Rettungshubschraubern in die nächstgelegenen Krankenhäuser geflogen.
Was sind weitere Reaktionen?
Der spanische König Felipe VI. und Königin Letizia haben erschüttert reagiert. «Wir sind zutiefst bestürzt und besorgt angesichts des Zugunglücks in Urda (Toledo)», erklärte das Königspaar am Mittwoch auf der Plattform X. «Wir teilen die Trauer der Familien und Angehörigen der Verstorbenen und sprechen den Verletzten sowie allen Betroffenen unser aufrichtiges Mitgefühl aus.»
Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez zeigte sich bestürzt. Er stehe mit Verkehrsminister Oscar Puente sowie lokalen Behörden in Kontakt. Vor Ort werde alles probiert, um den Betroffenen zu helfen und ihre Sicherheit zu gewährleisten. «Meine Zuneigung, Solidarität und Unterstützung gelten allen Opfern und ihren Familien», schreibt Sanchez.

Bundespräsident Guy Parmelin meldete sich am frühen Nachmittag ebenfalls zu Wort. Er sei «tief betroffen» vom Unfall, so der Bundesrat auf X. Er sei in Gedanken bei den Opfern, ihren Familien und den Verletzten. «In diesen schweren Stunden steht die Schweiz solidarisch an der Seite des spanischen Volkes und drückt ihre volle Solidarität aus.»
Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich bestürzt. «Ich habe gerade die erschütternde Nachricht von dem Zusammenstoss zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Toledo erhalten», schrieb sie. Ihr Mitgefühl gelte den Familien und Angehörigen der Opfer. «Europa trauert heute mit euch.»
Wie geht es weiter?
Am Unglücksort waren Feuerwehrleute aus den nahe gelegenen Orten Alcázar de San Juan und Orgaz sowie Zivilschutzkräfte aus mehreren umliegenden Gemeinden im Einsatz. Zudem wurden drei Rettungshubschrauber und zwei mobile Intensivstationen zur Versorgung der Verletzten eingesetzt. Das Innenministerium in Madrid ordnete ausserdem den Einsatz der Militärischen Nothilfeeinheit UME an.
Der Bahnverkehr zwischen Madrid, Ciudad Real und Andalusien komplett eingestellt. Weiter wird der Unfallhergang ermittelt.
Gibt es ähnliche Fälle?
Schon im Januar ereignete sich in Südspanien ein schweres Zugunglück, bei welchem 46 Personen starben und rund 150 verletzt wurden. Gemäss aktuellem Kenntnisstand brach die Schweissnaht einer Schiene, was zur Entgleisung einiger Waggons eines Iryo-Zuges führte. Diese gerieten auf das Gegengleis und rammten einen Alvia-Zug, welcher in die Gegenrichtung fuhr.
Zu einem noch schwereren Unglück kam es im Juli 2013. Damals entgleiste ein Zug in Angrois wenige Kilometer vor Santiago de Compostela mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an einer Kurve. 80 Menschen kamen ums Leben. (dab, watson)
mit Material der dpa
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