Kerzen und höchste staatliche Ehren: Verstörende Reaktionen auf den Tod von Kriegsverbrecher Mladić
«Raaatko Mladić!», dröhnt der Sprechgesang durch die Nacht. Und Hunderte Menschen klatschen über ihren Köpfen in die Hände. Nein, in der mehrheitlich serbisch bewohnten bosnischen Stadt Zvornik, nur einen Steinwurf von Serbien entfernt, wurde in der Nacht zum Freitag kein Fussball- oder Popstar gefeiert. Sondern der verurteilte Kriegsverbrecher Ratko Mladić, auch bekannt als «Schlächter vom Balkan». Nach dem Tod des früheren Armeegenerals dürfte der Geschichtsrevisionismus in der Region erneut aufleben: Nationalisten verehren den Völkermörder bis heute als Helden.
Mladić war am Donnerstag im Alter von 84 Jahren in einem UNO-Gefängnisspital in Den Haag gestorben. Dort hatte er eine lebenslange Freiheitsstrafe für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord während des Bosnienkriegs (1992-95) verbüsst. In mehreren Städten Bosnien-Herzegowinas haben bosnische Serben nun des Kriegstreibers gedacht, wie örtliche Medien berichten. Kirchen hielten Gedenkgottesdienste ab, auf den Strassen zündeten Trauernde Kerzen an. Unabhängige bosnische Medien berichten von «beschämenden Szenen», die sich nach Mladićs Tod am Donnerstag an mehreren Orten des Balkan-Landes abgespielt hätten.
In einem Video etwa ist zu sehen, wie Hunderte Menschen durch Zvornik ziehen, Mladićs Namen rufen und Bilder des verurteilten Völkermörders sowie serbische Flaggen vor sich hertragen. Der Stadt, von Serbien nur durch den Fluss Drina getrennt, komme besondere Bedeutung zu, wie der Sender N1 berichtet: Hier hätten bosnisch-serbische Kräfte während des Krieges Tausende Menschen getötet, darunter auch viele der 8000 Opfer des berüchtigten Srebrenica-Massakers. Zu ähnlichen Szenen soll es auch im überwiegend serbisch bewohnten Ost-Sarajevo und anderen Siedlungen gekommen sein.
Verhungert oder von Scharfschützen erschossen
Als militärischer Befehlshaber in der bosnischen Teilrepublik Srpska hatte Mladić neben dem Srebrenica-Massaker auch eine führende Rolle bei der Belagerung von Sarajevo gespielt. Die Hauptstadt war fast vier Jahre belagert; Familien verhungerten oder wurden von Scharfschützen erschossen. Dennoch verehren nationalistische Kräfte und einige ethnische Serben Mladić bis heute als Helden: ein Verteidiger des serbischen Volks und des orthodoxen Glaubens. Rund 300 Graffiti soll es in Serbien geben, auf denen General Mladić von Hausfassaden salutiert. 2021 hatte eine Aktivistin eine der Wandmalereien mit Eiern beworfen – und wurde wegen Störung der öffentlichen Ruhe zu einer Strafe von umgerechnet 800 Franken verurteilt.
Tatsächlich genoss Mladić bis zuletzt Rückendeckung aus Belgrad. Zuletzt soll der autoritär regierende Präsident Aleksandar Vučić interveniert haben, um eine frühzeitige Haftentlassung für den schwerkranken Mladić zu erwirken, jedoch erfolglos. Im Frühjahr porträtierte Vučić die Inhaftierung durch die internationale Justiz abermals als Kampf des Westens gegen Serbien, als er erklärte: «Ich verstehe nicht, warum es jemandem nicht gestattet ist, seine letzten Tage ausserhalb einer Gefängniszelle zu verbringen. Aber überrascht mich das wirklich? Nein.» Laut Serbiens Justizminister Nenad Vujić soll Mladić mit höchsten staatlichen und militärischen Ehren beigesetzt werden, vermutlich in Belgrad.
Aushungerungen, Erschiessungskommandos, Massengräber: Bis heute leugnen serbische Nationalisten die Bluttaten der 1990er Jahre. Auch zu einem Völkermord sei es nie gekommen, behaupten sie. Diese Umdeutung der Geschichte, die Leugnung und Relativierung dieser gerichtlich festgestellten Verbrechen, schürt bis heute Spannungen zwischen den ex-jugoslawischen Staaten. Abseits des nationalistischen Lagers ist der Wunsch gross, dass Mladićs Leben als Mahnmal dient. Eine zivilisierte Gesellschaft, meint der Vizepräsident der Republika Srpska und Srebrenica-Überlebende Ćamil Duraković, habe jetzt vor allem eine Aufgabe: Keine neuen Mladićs hervorbringen.
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