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«Monster lauern nicht unter dem Bett, sie liegen darin»: Vergewaltiger-Netzwerk reicht bis in die Schweiz

Monatelang sprach die Journalistin Avery Haines mit Männern, die ihre Partnerinnen betäuben, missbrauchen und Videos davon teilen. Dabei stiess sie auf einen neuen Fall in Genf – und brachte die Polizei auf die Spur des mutmasslichen Täters.
von Natasha Hähni
Der Fall Pelicot machte auf eine neue Art von Verbrechen aufmerksam. (Bild: Benoit Peyrucq/AFP)
Avery Haines ist eine mehrfach ausgezeichnete Investigativjournalistin aus Kanada. (Bild: zvg)

Mit dem Fall von Gisèle Pelicot wurde die Welt auf eine Art von Verbrechen aufmerksam, von der zuvor kaum jemand gehört hatte. Männer, die ihre Partnerinnen oft über Jahre betäuben, missbrauchen und die Videos ihrer Taten mit anderen Männern in Online-Gruppen teilen. Recherchen aus den USA, Deutschland und Kanada zeigen: In solchen Netzwerken tauschen sich teils Zehntausende Männer weltweit über ihre Taten aus, geben einander Tipps und handeln mit den Videos.

Spätestens nach den beiden Aargauer Fällen – jenem in Untersiggenthal und einem weiteren im Bezirk Zurzach – wurde klar: Das Phänomen ist weder abstrakt noch weit weg. Es passiert auch hier.

Avery Haines ist eine mehrfach ausgezeichnete Investigativjournalistin aus Kanada. (Bild: zvg)

Avery Haines war eine der ersten Journalistinnen, die sich dem Thema annahm. Sie war monatelang in den Netzwerken aktiv und sprach unter falscher Identität mit Dutzenden Männern. In ihrer Heimat Kanada wurden dank ihrer preisgekrönten Recherche «Sleeping with the Enemy» zwei Männer verhaftet. Einer davon, Bryan Hayward, bekannte sich im Juni schuldig, sieben Frauen betäubt und vergewaltigt zu haben.

Die Spuren, denen die Investigativjournalistin folgt, führen bis in die Schweiz. Zu einem Täter, den sie «Henri» nennt. Erstmals teilt sie ihre Erkenntnisse mit einem Schweizer Medium.

Wie sind Sie auf «Henri» gestossen?

Avery Haines: Als ich in einem Netzwerk wegen Bryan Hayward recherchierte, fiel mir ein Profil auf, das dessen Videos kommentierte. «Henri» sah sich selbst als Filmemacher und gab Ratschläge, wie man Vergewaltigungsvideos kreativer inszenieren könne. Ich schaute mir sein Profil an. Dort waren Dutzende Videos einer Frau zu sehen, die bewusstlos zu sein schien. Aus seinen Kommentaren wurde deutlich, dass er sich für eine Art Steven Spielberg hielt. Für ihn war das Kunst.

Wie haben Sie ihn kontaktiert?

Ich schrieb ihm, lobte seine Aufnahmen und gab vor, einen Mentor zu suchen. Er antwortete, es sei zu riskant, sich auf der öffentlich zugänglichen Pornoseite zu unterhalten, und gab mir eine Adresse bei einem verschlüsselten E-Mail-Dienst. So wurden wir «Brieffreunde» und tauschten Dutzende E-Mails aus. In seinen Nachrichten zeigte sich eine extreme Entmenschlichung der Frau – in diesem Fall seiner eigenen Ehefrau. Er schrieb darüber, wie viel Spass es ihm mache, sie in ein «Spielzeug» zu verwandeln.

Mit der Zeit wurden seine Methoden immer gefährlicher. Anfangs betäubte er seine Frau jeweils einmal vor dem Übergriff mit einem Mittel. Später ergriff er zusätzliche, wesentlich invasivere Massnahmen, damit sie während der Vergewaltigungen bewusstlos blieb. Ich machte mir grosse Sorgen um ihre Sicherheit. Er behauptete auch, Ähnliches über 20 Jahre hinweg mit anderen Frauen gemacht zu haben, und keine von ihnen habe danach irgendwelche Folgen davongetragen. Er gab mir sehr konkrete und drastische Anweisungen dazu, wie man eine Frau betäubt. Ich wusste, ich muss herausfinden, wer dieser Mann ist.

Wie gelang Ihnen das?

Ich gab ihm mehr Informationen über mich und erzählte ihm, dass ich in Kanada lebe. Daraufhin verriet er mir, dass er in Genf wohnt, später auch seinen Vornamen und ungefähr, in welchem Beruf er tätig war. Ich gab diese Angaben bei LinkedIn ein und stiess auf einen Namen. Mit diesem Namen suchte ich auf YouTube und fand ein Hochzeitsvideo. Darauf erkannte ich die Braut als jene Frau wieder, die ich zuvor bewusstlos in seinen Videos gesehen hatte. Diese Informationen gab ich an die zuständige Polizei in Genf weiter.

Was geschah dann?

Die Polizei meldete sich sofort bei mir, und ich übermittelte ihr die Informationen über ihn, sowie den E-Mail-Verlauf mit ihm. Danach hörte ich lange nichts mehr. Weil er mir keine E-Mails mehr schrieb und auch keine neuen Videos veröffentlichte, vermutete ich, dass er festgenommen worden war. Einige Monate später bestätigte mir die Polizei die Verhaftung.

Hatten Sie Kontakt mit dem Opfer?

Ich habe später versucht, sie zu kontaktieren. Vor einigen Monaten konnten wir schliesslich vertraulich miteinander sprechen. Dabei ist mir etwas klar geworden: Frauen wie Gisèle Pelicot und die Frauen im Fall Untersiggenthal in der Schweiz, die sich öffentlich zeigen, sind unglaublich mutig. Aber wir müssen auch verstehen, dass nicht jede Betroffene diesen Weg gehen kann. Diese Frau will im Privaten heilen können. Und daran ist nichts Beschämendes.

Wie Recherchen von «Schweiz heute» ergaben, befindet sich «Henri» (Name der Redaktion bekannt) seit Ende Mai 2025 in Untersuchungshaft. Die Genfer Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage, dass sie gegen den im Kanton wohnhaften Mann ein Verfahren wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung eröffnet hat. Weil die Ermittlungen noch laufen, gibt sie keine weiteren Informationen preis. Aus der Gerichtsdatenbank geht jedoch hervor, dass sich der Beschuldigte bislang nicht gegen die angeordnete Untersuchungshaft gewehrt hat. Er wird beschuldigt, seine Frau betäubt und missbraucht zu haben. Dem Vernehmen nach haben sich bislang keine weiteren Opfer gemeldet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In der Schweiz werden während einer Ermittlung fast nie identifizierende Informationen über den Täter veröffentlicht. In Kanada ist das anders. Kurz nach der Festnahme von Bryan Hayward starteten die Behörden einen Zeugenaufruf mit seinem Bild und seinem Namen. Zurecht?

Die Polizei vermutete weitere Opfer. Inzwischen werfen 14 Frauen Hayward Missbrauch vor, bei sieben bekannte er sich im Juni schuldig. Im Herbst steht er erneut vor Gericht. Auch ein zweiter Mann wurde wegen einer mutmasslichen Gruppenvergewaltigung mit Hayward festgenommen. All das kam durch einen Zeugenaufruf der Polizei ans Licht. Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Sondern darum, dass es zum Zeitpunkt einer Festnahme längst zahlreiche weitere Opfer geben kann. Die Behörden haben die Verantwortung, nach ihnen zu suchen. Viele Frauen wissen nicht, dass sie Opfer einer Straftat geworden sind.

Gibt es etwas, das in der Schweiz besser angegangen wird als in Kanada?

Ich finde die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, im Fall Untersiggenthal auch wegen versuchter Tötung Anklage zu erheben, sehr interessant. Kanadische Staatsanwälte sollten ähnliche Anklagen in Betracht ziehen. Denn in den Videos, die ich gesehen habe, litten Frauen mehrfach unter extremer Atemnot. Auch «Henri» hat mir erzählt, dass seine Frau während der Taten aufgehört hatte, zu atmen.

«Henri» und Bryan Hayward sind Teil einer grösseren Online-Community. Wie sind Sie auf die gestossen?

Kurz nachdem Gisèle Pelicot ihren Fall öffentlich gemacht hatte, kontaktierte mich eine Frau in den sozialen Medien. Sie erzählte mir, dass ihr etwas Ähnliches passiert sei. Ich wollte herausfinden, wer diese Männer waren. Also habe ich ein Fake-Profil auf einer Pornoseite erstellt, von der ich wusste, dass sie oft von Männern besucht wurde, die Videos von bewusstlosen Frauen veröffentlichen.

War es schwierig, in die Gruppen hineinzukommen?

Nein. Das ist das Erschreckendste daran. Ich musste auch nicht ins Darknet. Diese Männer fühlten sich so sicher und waren so dreist, dass sie sich in den Videos oft nicht einmal unkenntlich gemacht haben. Die Gesichter der Frauen waren fast immer klar erkennbar. Die einzige Vorkehrung, die sie getroffen haben, war, eine Art Geheimsprache zu entwickeln. Andere Männer, die mit dieser Sprache vertraut sind, können die Videos so finden.

Zum Beispiel?

Sie verwenden spezifische Hashtags, mit denen sie auch Sperrungen durch die Websites selbst umgehen. Einige Pornoseiten filtern Wörter wie «Vergewaltigung», «bewusstlos» oder «unter Drogen gesetzt» heraus. Kennt man die Alternativbegriffe, sind die Videos trotzdem leicht zu finden. Ein Mann bot mir seine Sammlung mit Vergewaltigungsvideos an. Ich habe sie in Bitcoin für umgerechnet 30 Schweizer Franken gekauft. Im Ordner – sie nennen sie «Packs» – waren über 3000 Videos von bewusstlosen Frauen. Sie werden gesammelt und gehandelt.

Was hat Sie an den Plattformen am meisten erstaunt?

Der Hass. Es wird mich nie mehr loslassen, wie fest diese Männer ihre eigenen Frauen und Freundinnen hassen. Ein Teil ihres Vergnügens lag jeweils darin, zu wissen, dass die Frauen am nächsten Morgen nicht mehr wussten, was sie ihnen in der Nacht angetan hatten. Damit prahlten sie untereinander – und mir gegenüber. Es geht oft nicht um den Geschlechtsverkehr mit Frauen. Nicht einmal die Vergewaltigung einer bewusstlosen Frau stand meiner Meinung nach im Vordergrund. Es ging darum, die Frauen zu erniedrigen, zu demütigen und zu quälen.

Woran haben Sie das festgemacht?

Es war sehr deutlich, dass ein Teil ihres Vergnügens darin bestand, ihre Erfahrungen miteinander zu teilen und sich über die Frauen lustig zu machen. Darüber, wie leichtgläubig und dumm diese angeblich seien. Die Gemeinschaft, die sich auf diesen Plattformen gebildet hat, geht aber über Prahlerei hinaus. Sie bringen sich gegenseitig bei, wie sie ihre Taten begehen können, ohne erwischt zu werden. Zum Beispiel indem sie die Dosis besprechen, mit der sie ihre Partnerinnen betäuben. Auch Manipulation war ein Thema. Wie sie ihren Frauen einreden, dass sie sich alles einbilden, wenn sie sich am Morgen über ein komisches Gefühl oder Verletzungen beklagen.

Wie sind Sie mit diesen Informationen umgegangen?

Das Schwierigste für mich war, mit Männern in Kontakt zu sein, die mir von ihren Plänen erzählten. Zu wissen, was sie vorhatten, und danach die Aufnahmen ihrer Taten zu sehen. Das war für mich sehr verstörend. Zu sehen, wie das Schlafzimmer, in dem sich die Frauen eigentlich sicher fühlen sollten, immer wieder zum Tatort wurde, war entsetzlich.

Sie haben mehrere Opfer kontaktiert. Wie haben sie reagiert?

Eine Frau, die auch in meiner Reportage vorkommt, haben wir «Melanie» genannt. Als sie 17 Jahre alt war, wurde sie von ihrem Freund vergewaltigt. Er hatte sie überredet, angebliche Diätpillen zu schlucken. Tatsächlich waren es K.-o.-Tropfen. Davon wusste sie bis vor Kurzem nichts. Sie hat sich unglaublich verraten gefühlt. Melanie ist zudem eine Art Legende in dieser Community. Männer weltweit teilen und feiern die Videos von ihr. Hinzu kommt eine falsche Hintergrundgeschichte über sie, die ebenfalls online geteilt wurde. Mitglieder dieser Gruppen haben herausgefunden, wo Melanie wohnt und wo sie arbeitet. Sie musste sich verstecken, hat ihren Namen geändert und ist bis heute nicht mehr auf Social Media zu finden.

Ihre Recherche führte zur Verhaftung von Melanies Täter, Bryan Hayward. Wie kam es dazu?

Mein Fokus in diesen Netzwerken waren kanadische Täter, weil ich in Kanada lebe. Auf einer Pornoseite habe ich ein Profil entdeckt, das die Kanada-Flagge als Profilbild hatte. Der Mann hinter dem Account hatte Videos von Dutzenden Frauen, die meiner Einschätzung nach eindeutig bewusstlos waren. In den Videos gab es ausserdem Hinweise darauf, dass er diese Aufnahmen machte, um Zugang zu privaten Telegram-Gruppen zu erhalten, in denen solche Videos geteilt werden.

Welche Hinweise?

Eine der Voraussetzungen für die Aufnahme in diese stärker abgeschotteten Gruppen ist, ein Video einer bewusstlosen Frau hochzuladen, und ein Schild mit dem Namen der jeweiligen Telegram-Gruppe auf ihren Bauch zu legen. Der Mann hatte solche Videos auf seinem Profil. Das weiss ich, weil ich selbst dazu aufgefordert wurde.

Haben Sie es getan?

Nein. Ich weiss, dass Investigativjournalistinnen in Deutschland das gemacht haben. Ich fühlte mich aber nicht wohl dabei, ein solches Video nachzustellen. Es war aber auch nicht nötig. So viel ist öffentlich zugänglich. Dieser Mann war zudem so dreist, dass er jeweils neben dem Gesicht seiner Opfer auch sein eigenes zeigte. Er hatte auch Links zu einer Fetisch-Seite auf seinem Profil. Dadurch war es für mich relativ einfach, herauszufinden, wer er ist: Ein 37-jähriger Mann aus Hamilton, Ontario namens Bryan Hayward. Ich kontaktierte die Polizei in Kanada. Anderthalb Wochen später wurde er festgenommen.

Was muss sich im Umgang der Behörden mit diesen Verbrechen ändern?

Es gibt kaum Forschung dazu, wie häufig solche Taten vorkommen. Ich jedenfalls konnte keine finden. Ich hoffe deshalb, dass wir mit dem wachsenden Bewusstsein für diese Verbrechen auch anfangen, zu untersuchen, woher dieses Bedürfnis kommt. Vielleicht ist das naiv, aber ich würde mir wünschen, dass eine Verurteilung in solchen Fällen nicht nur eine Gefängnisstrafe zur Folge hat. Verurteilte Täter sollten auch psychiatrisch untersucht werden. Wir müssen herausfinden, ob es Gemeinsamkeiten gibt, bestimmte Muster. Es reicht nicht, diese Männer einfach wegzusperren. Wir sollten versuchen, zu verstehen, woher dieses Verhalten kommt.

Gibt es Warnsignale für Frauen, die Sie im Verlauf der Recherche sammeln konnten?

Viele. Zum Beispiel, wenn man ohne ersichtlichen Grund ungewöhnlich schnell einschläft. Häufig sagt der Freund oder Ehemann nach einer Betäubung: «Du hast einfach zu viel getrunken.» Wenn die Wirkung des Alkohols viel stärker ist, als sie angesichts der tatsächlich konsumierten Menge sein dürfte, kann das ein Warnsignal sein. Ebenso, wenn man sich am nächsten Morgen ohne erkennbaren Grund extrem benommen fühlt. Auffällig kann auch sein, wenn der Partner übermässig ausführlich zu erklären versucht, warum es einem am nächsten Morgen so schlecht geht.

Ist die Recherche für Sie abgeschlossen?

Nein. Eine der Folgen unserer Recherche beschäftigt mich bis heute: Ich bekomme unzählige Nachrichten von Frauen, die befürchten, dass ihr eigener Partner ihnen so etwas antut. Allein diese Angst ist erschreckend. Stellen Sie sich vor, mit diesem Gedanken leben zu müssen. Manche Frauen bitten mich sogar, mit einer umgekehrten Bildersuche nach ihrem Gesicht zu suchen, um herauszufinden, ob Videos von ihnen in diesen Netzwerken kursieren. Am meisten geblieben ist mir aber die Nachricht einer Frau. Sie ist über 80 Jahre alt. Sie schrieb mir, dass sie noch nie jemandem davon erzählt habe. Erst nach dem Tod ihres Mannes habe sie dessen persönliche Sachen aus einem Bauchgefühl heraus durchsucht und dabei entdeckt, dass er sie über Jahre hinweg auf diese Weise missbraucht hatte.

Der langjährige Ehemann also.

Genau das hat uns der Fall Gisèle Pelicot vor Augen geführt. Schauen Sie sich die Bilder der Männer an, die damals angeklagt wurden. Sie sehen aus wie der Nachbar von nebenan. Wie ganz gewöhnliche Männer. Die Monster, vor denen wir uns fürchten, lauern nicht unter dem Bett. Sie liegen darin.

(mit Mitarbeit von Julian Spörri)

Artikel: http://www.vaterland.li/international/vergewaltigungsnetzwerk-recherchen-fuehren-zu-fall-in-der-schweiz-art-760034

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