«Sie gelten als...»: Das sagt Trump in seiner neusten Tirade über die Schweiz
Das ist ein neuer Rekord. Zum 56. Mal hat es der amerikanische Präsident auf das Titelbild der Zeitschrift «Time» geschafft. Keine andere Person der Zeitgeschichte wurde von der Publikation, 1923 gegründet, derart häufig geehrt. Der Anlass für diesen Rekord ist ein Interview mit Donald Trump, in dem er am Montag im Weissen Haus zwei Journalisten 75 Minuten lang Auskunft gab.
Wir haben die Abschrift des Interviews gelesen. Hier sind die fünf Punkte, die besonders auffallen.
Trump ist immer noch wütend über die Schweiz
Der amerikanische Präsident stellt die Schweiz gerne an den Pranger. Er behauptet regelmässig, unser «Elite»-Land sei auf Kosten der USA reich geworden. Auch im «Time»-Interview bekommt die Schweiz deshalb ihr Fett ab. In einer längeren Antwort, die mit einer Stellungnahme zur Künstlichen Intelligenz beginnt und mit dem hohen Zinsniveau in den USA endet, erwähnt er «Switzerland».
Das Land verkaufe Uhren im Wert von Milliarden Dollar, sagt Trump. Und weiter: «Wir haben ihnen ihre Uhr nicht genommen und sie gelten als...» An diesem Punkt steht in der «Time»-Abschrift leider «unverständlich», womit wir nie wissen werden, was der Präsident hier genau sagen wollte.
Dann geht es weiter: «Sie haben den niedrigsten Zinssatz, ein halbes Prozent, und wir zahlen viel mehr als das. Und doch: Wenn ich zur Schweiz sagen würde: ‹Tut mir leid, ich möchte nicht 40 Milliarden Dollar pro Jahr verlieren, nur um eure Uhren zu haben.› Dann würden wir mit einem Schlag 40 Milliarden Dollar einsparen.»
Wahr an dieser etwas wirren Aussage ist: Die Schweiz exportiert viele Uhren in die USA. Der Leitzins allerdings liegt bei 0 Prozent und das jährliche Handelsvolumen zwischen der Schweiz und den USA übersteigt 40 Milliarden – weil die Schweiz ja nicht nur Uhren über den Atlantik liefert. Zudem «spart» ein Land kein Geld, wenn es keine ausländischen Güter mehr importiert. Trump wird es egal sein. Bekanntlich ist er ein Uhren-Fan und bereits im Besitz mehrerer wertvoller Schweizer Stücke.
Trump glaubt schlechten Umfragedaten nicht
Erfrischend an dem Interview ist: Die «Time»-Journalisten reden nicht um den heissen Brei herum, sondern stellen direkte Fragen. Zum Beispiel diese: «Herr Präsident, Ihre Umfragewerte waren noch nie so schlecht.» Trumps Antwort ist bezeichnend. Er sagt, diese Umfragen müssten erfunden sein. Und: Wenn er noch einmal kandidierte, würde er jeden Konkurrenten mit einem Vorsprung von 20 Prozentpunkten besiegen. (2024 gewann er mit einem Vorsprung von 1,5 Punkten.) «Die Demoskopen sind korrupt.»
Die Fragesteller geben sich erstaunt. Sie haken nach und wollen wissen, ob Trumps eigener Demoskop John McLaughlin ihm sage, er sei wenige Wochen vor den nächsten Kongresswahlen in der amerikanischen Bevölkerung beliebt. Die Antwort des Präsidenten: «Ich frage ihn nicht.» Er habe aber gehört, dass McLaughlin erzähle, seine Umfragewerte seien viel besser als die publizierten Werte. Schliesslich boome die amerikanische Wirtschaft. Und schliesslich besitzt Trump einen aussergewöhnlich hohen IQ, wie er an einer anderen Stelle des Interviews betont.
Trump ist wirklich verärgert über die Medien
Der amerikanische Präsident ist wütend darüber, dass die Massenmedien ihn nicht ständig für seine Errungenschaften loben. Auch in diesem Interview – das 75 Minuten dauerte! – beschwert er sich deshalb. Er blafft die «Time»-Korrespondenten an: «Sie haben mir keine einzige verdammte positive Frage gestellt.» (Dennoch machte das Weisse Haus am Donnerstag auf dem offiziellen X-Account Werbung für die Zeitschrift.)
Und natürlich zieht Trump im Interview erneut über einzelne Medienhäuser her, die in seinen Augen immer nur erfundene Geschichten verbreiten. Eins aufs Dach bekommt auch die CNN-Korrespondentin Kaitlan Collins, die Politiker mit ihren gut vorbereiteten Interviews in die Enge treibt. Über die 34-jährige Journalistin sagt der 80 Jahre alte Präsident: «Sie ist ein sehr durchschnittlicher Mensch. Sie ist die unglücklichste junge Person, die ich je gesehen habe.»
Er begründet dieses Urteil zwar nicht, aber in der Vergangenheit hat sich Trump auch schon darüber beklagt, dass Collins angeblich nie lächle, wenn sie ihm eine Frage stelle.
Es wird immer schwieriger, Trump zu verstehen
Vielleicht war der Präsident müde, weil er sich tags zuvor ein Golfturnier angeschaut und den KI-Vordenker Dario Amodei im Weissen Haus zu einem (späten) Abendessen empfangen hatte. Aber es ist auffallend, wie Trump in diesem «Time»-Interview zusammenhanglos von Punkt zu Punkt hüpft. Wenn er nicht gerade die US-Notenbank kritisiert oder angeblich illoyale Richter am Supreme Court wird es immer schwieriger, seine Aussagen zu verstehen.
So verwickelte er die beiden anwesenden Journalisten in einen Dialog über den schlechten Zustand des Weissen Hauses, sein aktuelles Lieblingsthema. Diese Behauptung untermauerte Trump mit Fotos aus dem Jahr 1949 – als der Wohn- und Arbeitsort des Präsidenten tatsächlich baufällig war. (Der damalige Amtsinhaber Harry Truman konnte deshalb dreieinhalb Jahre nicht im Weissen Haus wohnen.) «Sie waren drei Jahre alt», gaben die «Time»-Journalisten daraufhin zurück.
Trump weigert sich, Netanyahu vor der Wahl zu unterstützen
Dreimal fragten die «Time»-Journalisten, dreimal wich der amerikanische Präsident aus: Eine Woche vor dem Urnengang in Israel weigerte sich Trump, eine Wahlempfehlung zugunsten seines alten Freundes Benjamin Netanyahu abzugeben.
Zuerst sagte er: «Ich kann nur sagen, dass ich mit Politik nichts mehr zu tun habe.» Auf die zweite Frage antwortete er so: «Wenn man bedenkt, einschliesslich der Hauptstadt Israels durch die Botschaft, einschliesslich unseres schönen hohen Berges. Wissen Sie, das ist seit jeher umstritten. Ich meine, einschliesslich der Verteidigung.»
Das ist eine weitgehend unverständliche Antwort, hat aber wohl nichts mit Netanyahus Kandidatur zu tun. Also versuchte es «Time» noch einmal. «Es scheint, als würden Sie viel Arbeit für ihn übernehmen. Sollte er eine weitere Amtszeit bekommen?» lautete die Frage. Trumps Antwort: «Nein, mein Hauptanliegen ist: Ich möchte ihnen wirklich dabei helfen, Israel zu verteidigen.»
Immerhin in einem Punkt sprang der amerikanische Präsident seinem alten Verbündeten zur Seite. Er könne sich nicht vorstellen, sagte Trump, dass Netanyahu vor der Hamas-Terrorattacke am 7. Oktober 2023 entsprechende Warnungen von arabischen Geheimdiensten ignoriert habe. Am Donnerstagmorgen war das die grosse Schlagzeile auf der Internetseite der konservativen «Jerusalem Post».
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