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«Tötet sie!» Schülerproteste in Frankreich werden immer gewalttätiger

Die Lage an den Gymnasien im ganzen Land artet aus. Verantwortlich ist auch das Machtvakuum im Elysée. Präsident Macron hat die Lage nicht mehr im Griff.
von Stefan Brändle, Paris
Brennende Barrikaden in Lille: Die Schülerproteste in Frankreich werden immer gewalttätiger. (Bild: Jean-Francois Badias)
Die Polizei, dein Feind und Gegner: Gymnasiasten duellieren sich mit der Polizei wie hier in Montpellier. (Bild: HORCAJUELO GUILLAUME)
Protest gegen «Parcoursup», das verhasste Portal für den Hochschuleintritt. (Bild: Laurent Cipriani)
Ein Mann blickt auf den verbarrikadierten Eingang einer Schule in Montpellier. (Bild: HORCAJUELO GUILLAUME)

Die Stimme auf dem kurzen Video klingt verzweifelt: «Nein, nicht das Klavier!», ruft eine Angestellte des Gymnasiums von Moissy-Cramayel südöstlich von Paris den vermummten Jugendlichen zu, die auf ihrem Saubannerzug auch ein Klavier in der Einengangshalle umstürzen und darauf herumspringen. «Nicht das Klavier!» ruft die Frau immer wieder. «Nein, nein, nein!»

Der Ruf ging durch die sozialen Medien – und einige Kommentatoren fragten, was die Randalierer mit den Lehrern angestellt hätten, wenn sie ihrer habhaft geworden wären. Denn die Gewaltspirale dreht sich in Frankreich immer schneller. In den zwei Wochen der Schulproteste sind schon 5000 Gewalttäter – 85 Prozent sind minderjährig – festgenommen worden. In La Ciotat wurde ein Schulleiter mit Benzin übergossen, als er die Attacken zu stoppen versuchte. Er konnte sich gerade noch retten, ohne dass jemand den Sprit anzündete.

Unweit davon, in Marseille, richtete ein 15-Jähriger bei einem Bushäuschen den Flammenstrahl einer Spraydose, die er mit einem Feuerzeug entzündet hatte, aus nächster Nähe auf das Gesicht einer Frau. Das zeigt ein virales Video. Das Opfer trug Verbrennungen davon und reichte Klage ein.

Die Polizei, dein Feind und Gegner: Gymnasiasten duellieren sich mit der Polizei wie hier in Montpellier. (Bild: HORCAJUELO GUILLAUME)

Die Liste liesse sich weiterführen. Hier ein ausgebrannter Feuerwehrwagen, dort eine junge Polizeiaspirantin, die mit dem Ruf «Tötet sie!» verfolgt, gestellt und am Boden liegend spitalreif getreten wurde.

Lehrer brutal zusammengeschlagen

In Nantes am Atlantik brannte das Gymnasium Nelson-Mandela. Ähnliches wird aus Strassburg, Le Havre, Paris, Lyon berichtet. Frankreichs Fernsehzuschauer fragen sich: Warum attackieren diese Mittelschüler ihre Gymnasien und demolieren damit ihre eigenen Forderungen nach mehr Lehrern oder renovierten Schulen?

Protest gegen «Parcoursup», das verhasste Portal für den Hochschuleintritt. (Bild: Laurent Cipriani)

«Die Kultur der Gewalt nimmt in den letzten Jahren immer extremere Formen an», sagte Philippe Guibert vom Informationsdienst der Regierung (SIG). Strassenproteste und Volksaufstände – bei denen oft die Marseillaise mit ihrem Einstieg «Zu den Waffen, Bürger!» angestimmt wird – haben in Frankreich Tradition. Neu ist, dass sie heute live übertragen werden. Das reizt die Jüngsten. Die brutalen Schläge und Fusstritte mehrerer Schüler gegen einen Lehrer, der in Toulouse mit einem Feuerlöscher intervenieren wollte, kamen auf eine Million Klicks.

Dazu kommt politische Vereinnahmung der Demonstrierenden vor den Präsidentschaftswahlen 2027. Der französische Geheimdienst hält in einem Bericht fest, wie der Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon und seine Linkspartei Unbeugsames Frankreich (LFI) die ersten Schulproteste vor zwei Wochen bewusst geschürt haben. Der LFI-Bürgermeister der Pariser Banlieue-Stadt Saint-Denis, Bally Bagayoko, sagte in die Kameras: «Gewalt kann legitim sein.» Das war ein Fanal für viele Demonstrierende.

Wo ist eigentlich der Präsident?

Dass sich die Gewalt auf den Strassen Frankreichs ungezügelt entladen kann, hat aber zweifellos auch mit einer Absenz zu tun. Staatspräsident Emmanuel Macron hält sich aus den schweren Ausschreitungen heraus. Bisher beliess er es bei einem banalen «Aufruf an alle, Ruhe zu bewahren». Der fromme Wunsch verklang ungehört. Nur: Wenn in Frankreich der Präsident ausfällt, fehlt der Nation die zentrale Autoritätsperson. Das öffnet dem Chaos Tür und Tor. Früher hätten – und hatten – sich Ex-Präsidenten wie Jacques Chirac oder François Mitterrand in einem feierlichen TV-Auftritt an die National gewandt, um die Lage mit konkreten Konzessionen zu entschärfen.

Ein Mann blickt auf den verbarrikadierten Eingang einer Schule in Montpellier. (Bild: HORCAJUELO GUILLAUME)

Jetzt herrscht an der Staatsspitze grosse Leere. Macron lässt seinen eigenen, hoffnungslos überforderten Bildungsminister Edouard Geffray im Regen stehen. Dieser hat keine Mittel für Konzessionen an die Schüler. Der soeben aufgelegte Haushaltsentwuf für 2027 sieht keine Neuausgaben im Bildungssektor vor, sondern Einsparungen.

Macron interessiert sich aber in seinem letzten Halbjahr im Elysée nur noch für die Geopolitik. Der Politologe Dominique Reynié sagt, das Machtvakuum im Elysée-Palast nütze nur den Extremisten: Mélenchon gewinnt die stimmberechtigten Gymnasiasten für sich, Marine Le Pen die schweigende Mehrheit. Laut einer Umfrage von 2025 wollen 73 Prozent der Franzosen einen «richtigen Chef», der «Ordnung herstellt». Das ist besonders bitter für Macron: 2017, dann auch bei seiner Wiederwahl 2022 war er im Wahlkampf angetreten, um Le Pen einzugrenzen. Jetzt ist sie so stark wie nie zuvor.

Wie die Schülerproteste ausgehen könnten, weiss derzeit niemand. Am Dienstag wollen Gymnasiasten, Gewerkschaften und Elternverbände auf die Strasse gehen, um ihren Forderungen nach mehr Mitteln für die Mittelschule Nachdruck zu verleihen. Und sie betonen: auf gewaltlose Weise.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/toetet-sie-die-schuelerproteste-in-frankreich-werden-immer-gewalttaetiger-art-764263

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