Tödlicher Missbrauch in Österreich: Nach Pelicot kommen immer mehr Horror-Fälle ans Licht
So einen Fall hätten sie «noch nie erlebt». Das sagten die zuständigen Mordermittler laut der «Kronen Zeitung». Im Juni starb eine 39-jährige Frau in Marchtrenk, einer kleinen Stadt in Oberösterreich, in ihrem Ehebett. Ihr Ehemann (51) soll die stark alkoholisierte Frau gemeinsam mit einem anderen Mann so schwer missbraucht haben, dass sie ihren inneren Verletzungen erlag. Die 14-jährige Tochter des Ehepaars fand die Leiche im Elternschlafzimmer.
Der Lkw-Fahrer erklärte der Polizei angeblich, dass es sich um einen «Unfall bei Sexspielen» gehandelt habe. Wie die Recherchen der österreichischen Zeitung zeigten, soll sich der Ehemann schon zweimal zuvor mit einem weiteren Mann an seiner Frau vergangen haben, womöglich gegen Geld.
In der Todesnacht war zudem die Anwesenheit eines dritten Mannes geplant, der nicht auftauchte. Anhand von Chats zwischen den mutmasslichen Haupttätern wird zudem vermutet, dass sich auch weitere Männer an der Frau vergangen haben könnten. Anders als der Ehemann, ist der zweite mutmassliche Täter geständig. Er wird jedoch nicht für den Tod der Frau verantwortlich gemacht.
Der Fall weckt Erinnerungen an Gisèle Pelicot. Die Französin war von ihrem damaligen Ehemann über knapp zehn Jahre immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Fremden zur Vergewaltigung angeboten worden. Der Ex-Mann wurde im Dezember 2024 zu 20 Jahren Haft verurteilt. 50 Mittäter erhielten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Der tragische Unterschied zwischen den Fällen: Die österreichische Mutter überlebte die Taten nicht.
Ein Rattenschwanz von ähnlichen Fällen
Wie gefährlich diese Art von Verbrechen ist, zeigt auch ein Prozess aus dem Frühling. Ein 28‑jähriger Student wurde in München unter anderem wegen versuchtem Mord und schwerer Vergewaltigung zu elf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Er hatte seine damalige Freundin mindestens acht Mal mit jeweils mindestens drei verschiedenen Narkotika in Tiefschlaf versetzt, sie stundenlang vergewaltigt und dabei gefilmt. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sei es reiner Zufall gewesen, dass die Frau die hohen Dosen überlebte. In Telegram-Chats mit dem Namen «Fahrschule» soll sich der Student online mit anderen Männern über sein Vorgehen ausgetauscht und betäubte Frauen als «Autos» oder «tote Schweine» bezeichnet haben.
In der Schweiz sorgte diesen Sommer ein ähnlicher Fall in Untersiggenthal für Aufsehen. Ein Aargauer Ex-SVP-Grossrat soll die minderjährige Tochter seiner Freundin über 40 Mal betäubt, vergewaltigt und dabei fast getötet haben. Im August wurde ein weiterer Fall dieser Art öffentlich – ebenfalls im Aargau.
Seit dem öffentlichen Pelicot-Prozess wurden ähnliche Fälle in mehreren Ländern bekannt. Dies unter anderem wegen Recherchen von Journalistinnen in verschiedenen Ländern, und weil im April 2026 mit dem «Projekt Medusa» erstmals ein internationales Ermittlungsteam gezielt gegen Netzwerke von Männern vorging, die ihre Partnerinnen betäuben, missbrauchen und ihre Taten filmen. Der Einsatz führte nach Europol-Angaben bis Juni bereits zu 274 neuen Spuren. 57 Männer wurden festgenommen.
Allein im September machen neben Österreich zwei weitere Fälle dieser Art Schlagzeilen: In Grossbritannien steht aktuell ein Mann vor Gericht, der seine Frau über zwei Jahrzehnte betäubt und sexuell missbraucht haben soll. Der Ehemann aus Stockport bei Manchester ist wegen 48 Straftaten angeklagt, die bis ins Jahr 2004 zurückreichen. Er hat sich inzwischen zu 15 Anklagepunkten schuldig bekannt. Die übrigen 33 streitet er ab. Neben ihm müssen sich zwölf weitere Männer zwischen 28 und 73 Jahren verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, an den Misshandlungen mitgewirkt oder sie ermöglicht zu haben. Nach Angaben der Anklage wurden einige von ihnen in das gemeinsame Wohnhaus des Paares eingeladen, um sich an der Frau zu vergehen. Der Prozess vor dem Minshull Street Crown Court hat letzte Woche angefangen und ist auf zwölf Wochen angesetzt.
Vier weitere Netzwerke entdeckt
Der jüngste Fall läuft seit dieser Woche in Hannover. Ein 39-Jähriger soll seine ehemalige Lebensgefährtin zwischen November 2021 und März 2026 in Ronnenberg und in einem Hotel mit einem Schlafmittel oder Ketamin betäubt haben, um dann verschiedenste sexuelle Handlungen an ihr vorzunehmen und zu filmen. Die Anklage umfasst 103 Fälle. Von einer einzelnen Tat soll es teilweise mehr als 100 Videos gegeben haben, die er in Chatgruppen teilte und auf frei zugänglichen Plattformen hochlud. Das Opfer erfuhr erst durch die Ermittlungen von den Taten.
Im Rahmen des Projekts «Medusa» haben Ermittler fast 100 neue Opfer identifiziert. Die Täter sind nach Europol-Angaben bisher alles Männer. In frauenfeindlichen Gruppen in sozialen Medien tauschen sie Erfahrungen aus und informieren sich über die Wirksamkeit und Beschaffung der Drogen. Im Zuge der jüngsten Operation wurden vier neue Netzwerke entdeckt.
Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis weitere Fälle dieser Art ans Licht kommen werden. In der Hoffnung, dass Frauen künftig besser geschützt werden können, kündigte das Justizministerium in Österreich an, eine Arbeitsgruppe werde noch diesen Monat mit der Evaluierung und Weiterentwicklung des geltenden Sexualstrafrechts beginnen. Der Fall Hannover in Deutschland wird am 16. September fortgesetzt. Dann soll die Ex-Freundin aussagen.
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