Albaniens «Flamingo-Revolutionäre» kämpfen gegen Luxusprojekt von Trumps Schwiegersohn
1. Worum geht es bei den Protesten in Tirana?
Seit Wochen versammeln sich in der albanischen Hauptstadt Tirana jeden Abend Tausende Menschen zu Protestmärschen gegen ein Luxus-Immobilienprojekt, an dem eine Firma des Schwiegersohns von US-Präsident Donald Trump, Jared Kushner, beteiligt ist. Die Demonstrationen haben weltweit Aufmerksamkeit erregt – auch wegen der Flamingo-Figuren, die Teilnehmer hochhalten und die der noch jungen Protestbewegung den Spitznamen «Flamingo-Revolution» eingetragen haben.

Obwohl die Demonstranten keiner bestimmten Partei angehören, fordern sie fast ausnahmslos den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama.
2. Was soll dort gebaut werden?
Das Luxusprojekt besteht aus zwei Teilen: einem kleinen Resort auf der Insel Sazan, einem unbewohnten ehemaligen Militärstützpunkt aus der Zeit des Kommunismus, und einer Bebauung in einem nahe gelegenen Küstengebiet der Narta-Lagune. Dieses steht bislang unter Naturschutz; dort sind Feuchtgebietsarten wie Flamingos zu finden. Das Vorhaben umfasst Hotels, Wohnungen, Villen und einen Jachthafen.

Das Projekt hat Empörung ausgelöst, da es bislang unberührte Natur und einen einzigartigen Lebensraum unumkehrbar zerstören würde, wie Umweltschützer sagen. Die Demonstranten fordern den Stopp des Vorhabens und verweisen auf mangelnde Transparenz sowie darauf, dass bei vielen ähnlichen Projekten Umweltstandards nicht eingehalten worden seien.
3. Wer steckt hinter der «Flamingo-Revolution»?
Menschen wie die Künstlerin Fatma Paja. Sie lebt in Tirana und betreibt mit ihren beiden Schwestern ein Kreativstudio. Die 28-Jährige hat gemeinsam mit mehreren anderen Künstlern die aus Schaumstoff ausgeschnittenen Flamingos gestaltet, die mittlerweile fester Bestandteil der abendlichen Kundgebungen sind.
«Ich bin gegen ein elitäres Projekt, das ein vollständig geschütztes Gebiet blockiert und zerstört», sagt sie. «Es hat keine rechtliche Grundlage und wird durch keine Studie zu den Schäden gestützt, die es für Umwelt und Natur verursachen würde.»
Kunst nutze sie schon seit Langem als Mittel, «um die Ungerechtigkeiten und die Unzufriedenheit im Zusammenhang mit dem Alltag der Menschen in Albanien zum Ausdruck zu bringen», sagte Paja der Nachrichtenagentur AP, während sie eine Flamingo-Figur für die Demonstration am Abend rosa anmalte.
So führt Paja bei den Protestmärschen per Lautsprecher auch Sprechchöre wie «Albanien ist nicht zu verkaufen!» und «Hände weg von Narta!» an. «Dieser Protest hat die Menschen motiviert, ihre Stimme zu erheben», sagt sie.
Einer der ersten Teilnehmer der «Flamingo-Revolution» ist Arben Kola. Der 46-Jährige arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt als Reiseleiter. Er führt Besucher zu historischen Stätten und Naturgebieten in ganz Albanien – auch in das Gebiet rund um das geplante Bauprojekt.

Für Kola ist das Vorantreiben des Projekts ein weiteres Beispiel dafür, dass die Regierung ihre Macht missbraucht. Deshalb schloss er sich bereits in den ersten Tagen der Protestbewegung an. «Albanien hat mit einem hohen Mass an Korruption zu kämpfen, verbunden mit der Privatisierung und dem Verschenken von Land, Stränden, Tälern und Flüssen», sagte er der AP, während er eine Reisegruppe durch Tirana führte.
Inzwischen zählt Kola zu denjenigen, die die Menschenmengen anleiten, indem sie über ein Megafon zu ihnen sprechen. Er ist immer noch überwältigt davon, wie sehr die Demonstrationen gewachsen sind. «Wir hätten nicht gedacht, dass der Protest diese Ausmasse annehmen würde», sagt Kola. Er werde immer wieder gefragt, ob die Bewegung weitergehen werde. «Das hängt von den Menschen ab», sagt er.
4. Wie reagiert die Regierung?
Ministerpräsident Rama argumentiert, dass das Vorhaben für das Land, das den Einstieg in den Luxus-Tourismusmarkt und eine EU-Mitgliedschaft anstrebt, eine grundlegende Bedeutung habe – und andere grosse Investoren anlocken würde.
Der Tourismus in Albanien ist in den letzten Jahren stark gewachsen, immer mehr Menschen geniessen die weitläufige, unberührte Küste des Landes. Sie hat offensichtlich auch Kushner und seine Ehefrau Ivanka Trump beeindruckt, die im Mai in einem Podcast erzählten, dass sie den Standort des geplanten Bauprojekts entdeckt hätten, als sie auf dem Boot eines Freundes unterwegs waren.
Die albanische Antikorruptionsbehörde hat eine Untersuchung zu dem Projekt eingeleitet. Die Regierung behauptet, das Land befinde sich in Privatbesitz, doch es gibt gegensätzliche Angaben zum Verlauf der Privatisierung.

In einem AP-Interview wies Rama kürzlich Einwände von Umweltschützern als Ergebnis von Fehlinformationen zurück. Eine formelle Umweltverträglichkeitsprüfung hat nach seinen Angaben noch nicht begonnen, da internationale Architekten und Umweltexperten noch am Bebauungsplan arbeiteten. Kola hat aber den Eindruck, dass das Projekt bereits auf Hochtouren läuft. Er verweist darauf, dass damit begonnen wurde, Flächen innerhalb eines Naturschutzgebiets zu roden.
5. Warum schliessen sich auch ältere Menschen den Protesten an?
Im Gegensatz zu den meisten anderen Protesten, die Albanien in den mehr als drei Jahrzehnten der Demokratie erlebt hat, schliessen sich diesmal den jungen Demonstranten immer mehr Rentner an. Dazu zählt die 70-jährige Bujare Ishmi, eine ehemalige Ingenieurin. Sie nimmt fast jeden Abend an den Protesten teil und trägt ein Plakat mit der Aufschrift: «Ihr habt die Macht der Kriminalität, wir haben die Macht der Wahrheit.»

«Nona! Nona!», skandieren die Demonstranten, als sie eintrifft. Das Wort ist ein albanischer Kosename für ein älteres weibliches Familienmitglied und signalisiert, dass sie die Matriarchin der Proteste ist. Ishmi, deren Mann ein ehemaliger politischer Gefangener und Opfer der vier Jahrzehnte währenden Diktatur von Enver Hoxha war, beschreibt Albaniens Demokratie als «halbherzig».
Sie sei nicht gegen ausländische Investitionen, betont sie, jedoch besorgt über die mangelnde Transparenz. Investitionen brächten Fortschritt, «aber die richtigen Rahmenbedingungen müssen gewahrt bleiben.» (dpa)
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben










Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.