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Zensur und Intransparenz: So geht China mit der Flutkatastrophe im Himalaja um

Die Sturzflut vom vergangenen Mittwoch ist auch eine politische Katastrophe. Während Korrespondenten frei von der nepalesischen Seite berichten können, bleibt das chinesisch kontrollierte Tibet eine Blackbox.
von Fabian Kretschmer, Seoul
Der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums hält eine Medienkonferenz zur Flutkatastrophe im Himalaja sowie Xi Jinpings bevorstehender USA-Reise ab (Bejing, 27. August 2026). (Bild: Jessica Lee/EPA)

Die Aufnahmen der apokalyptischen Sturzflut im nepalesisch-chinesischen Grenzgebiet haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Weltweit liefen die Videos in den Abendnachrichten, wurden in den sozialen Medien geteilt und mit grosser Anteilnahme kommentiert. Nur in China wurden die Szenen nahezu vollständig zensiert.

Stattdessen verbreiteten die Staatsmedien ausschliesslich Bilder der «heroischen» Bergungsarbeiten. Beim Unglück vom vergangenen Mittwoch handelt es sich nicht nur um eine Naturkatastrophe, sondern auch um eine politische Tragödie. Sie hat wieder einmal schonungslos offengelegt, wie intransparent die Autoritäten der Volksrepublik China selbst beim Umgang mit einer Sturzflut agieren.

Der Kontrast könnte kaum drastischer ausfallen: Auf der nepalesischen Seite sind längst Dutzende Korrespondenten ins Krisengebiet gereist, von wo aus sie mithilfe von Ortskräften die Rettungsarbeiten kritisch beobachten. Zudem werden sie mehrfach täglich von den Behörden auf dem Laufenden gehalten.

Die Medienschaffenden können Polizeistationen und Ministerien anrufen, Anwohner interviewen und ohne Einschränkungen filmen. Und aus dem chinesisch kontrollierten Tibet? Da tönt nur die Propaganda der Parteiführung.

Auffälliges Ungleichgewicht bei  Opferzahlen

Ausländischen Journalisten ist es grundsätzlich untersagt, auf eigene Faust in das Gebiet zu reisen. Und die lokalen Medien unterliegen strengen Auflagen durch die Zensur. «Newsfluencer» oder kleinere Online-Medien dürfen, wie üblich bei Naturkatastrophen in China, nicht frei berichten, sondern müssen sich an die offiziellen Aussendungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua halten.

Die Kommentarfunktion auf den sozialen Medien ist bei diesem «sensiblen» Thema zudem ausgeschaltet oder streng überwacht – kritische Rückmeldungen werden sofort gelöscht. Hinzu kommt eine spezielle Anordnung: Im Eingangssatz der chinesischen Nachrichten wird stets darauf hingewiesen, dass die Sturzflut auf der nepalesischen Seite der Grenze ausgebrochen ist – und nicht auf der chinesischen Seite.

Das ist natürlich kein Zufall, sondern basiert auf einer Direktive der Behörden. Wenn aber der Informationsfluss derart kontrolliert wird, hat dies weitreichende Folgen. Die Aussenwelt ist ausschliesslich darauf angewiesen, dass die Behörden vertrauenswürdig agieren. Dabei haben Chinas Lokalregierungen bei vergangenen Katastrophen immer wieder Informationen unter Verschluss gehalten; so etwa beim Ausbruch der Corona-Pandemie in Wuhan.

Auch bei der aktuellen Sturzflut bleiben viele offene Fragen. Allein die offiziellen Zahlen sind merkwürdig: Auf nepalesischem Boden sind bis Stand Sonntagmittag (Ortszeit) 734 Menschen gestorben, weitere knapp 2500 Personen werden vermisst, darunter 589 ausländische Staatsbürger.

Laut chinesischen Zahlen sind in Tibet bislang nur 16 Tote registriert und weitere 546 Vermisste. Konkrete Informationen zum Anteil an ausländischen Staatsbürgern haben die chinesischen Behörden erst am Sonntag herausgegeben, vier Tage nach dem Unglück. Danach befinden  sich 261 vermisste Ausländer aus 23 Ländern, inklusive Nepal, Indien, USA, Grossbritannien, Kanada und Australien.

Warum der relative Anteil an Toten und Vermissten in China so radikal geringer ist als in Nepal, dafür gibt es keine plausible Erklärung. Das muss zwar nicht bedeuten, dass Chinas Autoritäten in diesem konkreten Fall Informationen manipulieren. Doch überprüfen lassen sich deren Informationen nicht. Zudem ist es bislang selbst grossen internationalen Medien wie der «New York Times» oder der Agentur Reuters kaum gelungen, unabhängige Zeugenberichte aus Tibet einzuholen.

Die Peking-Korrespondentin der BBC, Laura Bicker, die zuvor in Seoul stationiert war, schreibt in ihrem aktuellen Bericht eindrücklich: «Als Journalist, der über Nordkorea berichtet hat, war es für mich oft einfacher, Interviewpartner in Pjöngjang zu kontaktieren als in der tibetischen Hauptstadt Lhasa.»

Artikel: http://www.vaterland.li/international/sturzflut-im-himalaja-chinas-umgang-mit-der-krise-art-755136

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