Warum der Strandkorb von CDU-Mann Amthor die Deutschen so wütend macht
Wer Philipp Amthor zum ersten Mal sieht, könnte ihn für eine Kunstfigur halten. Eine völlig überzeichnete zudem. Er spricht wie ein altgedienter Staatssekretär, sieht aber aus, als hätte man ihn gerade aus dem Klassenzimmer ins Fernsehstudio gesetzt.
Der 33-Jährige ist schlagfertig, mediengewandt – und trotzdem jemand, über den sich viele gerne lustig machen. Einer der wenigen deutschen Politiker, die sich selbst zur Marke gemacht haben. Regelmässig wird er in der «heute-show» verarbeitet. Dort liefert er nicht selten bessere Pointen als die Satiriker des ZDF.
Seit Juli ist der CDU-Politiker Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit. Ein echter Karrieresprung, wie er in der aktuellen ZDF-Dokumentation «Inside CDU» sagt. Darin verbreitet er auch allerlei Weisheiten. Etwa jene, dass «Glaubwürdigkeit zu Fuss kommt, aber mit dem Pferde davonreitet».
Ausgerechnet dieses Filmchen beschert ihm nun so richtig Ärger. Denn zur Beförderung ins Kanzleramt hat sich Amthor etwas Ungeheuerliches geleistet: Er kaufte sich einen Strandkorb. In der Doku lässt er ihn stolz auf dem Balkon seines Büros aufstellen.
Amthor stammt aus Ueckermünde in Vorpommern, wenige Kilometer von der Ostsee entfernt. Zu seinem Wahlkreis gehört auch die Insel Usedom. Und die ist bekannt für die ikonischen blau-weissen Körbe. Für Amthor ist es eine Hommage an seine Heimat. In den sozialen Medien dagegen hagelt es Spott. Von «spätrömischer Dekadenz» ist die Rede, KI-Videos von Amthor als Sonnenkönig Louis XIV. machen die Runde.
Um Druck herauszunehmen, liess der frischgebackene Minister seinen Korb wieder abbauen. Doch da war es bereits zu spät. In den deutschen Medien lief Amthors Balkonmöbel auf und ab. Die «Bild» fragte: «Zerstört dieser Strandkorb die CDU?»
Ein Regierungssprecher erklärte, dass der Korb «im Wahlkreis des Staatsministers auf der Insel Usedom gefertigt» worden sei. Dort sitzt die Manufaktur Korbwerk. Unter den «Strandkorbklassikern» führt sie den «Original Heringsdorfer» in Blau und Weiss - Amthors Modell, wie der Verkäufer der dpa bestätigte. Kostenpunkt: 1590 Euro plus Versand. Amthor habe «wirklich das Einfachste und Schlichteste gekriegt», so der Verkäufer. Bezahlt hat Amthor den Korb samt Lieferung und Aufbau selbst.
Im Kanzleramt dürfte der Strandkorb eines der günstigeren Möbelstücke gewesen sein. Vielleicht sogar das billigste auffällige in Amthors Büro. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren schrieb das Kanzleramt 26 neue Stühle für den Kabinettsaal aus. Listenpreis des gewünschten Modells: gut 4000 Euro pro Stück. Auch die Sitzgruppe in Amthors Büro ist Nutzern in den sozialen Medien aufgefallen: Es handelt sich offenbar um Modelle aus der Le-Corbusier-Reihe des italienischen Herstellers Cassina. Vergleichbare Sitzgruppen kosten heute mehr als 25'000 Euro. Sie sollen schon vor Amthors Einzug dort gestanden sein.
Die Empörung über Amthors Strandkorb ist also kaum mit den Kosten zu erklären. Aber womit dann? Schafft sich eine Bundesbehörde auf Steuerzahlerkosten Stühle für über 100'000 Euro an, wird das öffentlich kaum bemerkt. Amthors Stückchen Heimat auf dem Balkon indes lässt viele Deutsche hyperventilieren. Vielleicht auch deshalb, weil der Strandkorb auf eine Stimmung trifft, die weit über Amthor hinausgeht.
An den Abstieg längst gewöhnt
Deutschland ist in keiner guten Verfassung. Daran wird jeder erinnert, der aktuelle Wahlergebnisse, Wirtschaftsdaten, die Anzeigetafel mit den Zugverspätungen am Bahnhof oder die Nationalmannschaft beim Fussballspielen anschaut. Viele Deutsche haben sich an die Vorstellung des Abstiegs längst gewöhnt. Dabei verlieren sie jedoch jedes Mass. Das Land ist noch immer eines der wohlhabendsten und stabilsten weltweit. Laut einer Erhebung des Instituts Ipsos aus dem August glauben trotzdem mehr als 80 Prozent, das Land bewege sich in die falsche Richtung. Der Pessimismus hat sich eingegraben.

In dieser deprimierten Stimmung präsentiert nun also Reizfigur Amthor, der allein schon seiner geschniegelten Anzüge wegen «die da oben» bestens verkörpert, seinen privaten, vielleicht auch ein wenig eitlen Strandkorb. Kommunikativ sicher ungeschickt. Aber: Amthor weiss, woher er kommt und worauf er stolz ist. Viele Deutsche wissen das nicht mehr. Und nun wird einer verspottet, der ziemlich unverhohlen zeigt, dass ihm etwas an seinem Land liegt.
Hätte Amthor einfach still auf der 25’000-Euro-Couch Platz genommen, statt ein wenig Heimatliebe zur Schau zu stellen, dann hätte vermutlich niemand was gesagt.
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