Nach Zugunglück mit 69 Toten: Streit um Schuld und Personalnot
Menschliches Versagen oder systemische Mängel? Zwei Tage nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit 69 Todesopfern rückt die Suche nach der Ursache in den Fokus. Verkehrsminister Óscar Puente machte eine Fehlentscheidung eines Fahrdienstleiters für den Zusammenstoss am Mittwoch in der Provinz Toledo verantwortlich. Die Eisenbahngewerkschaften widersprechen.
Sie verweisen stattdessen auf eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mit weniger Fahrdienstleitern bei einem höheren Arbeitspensum als je zuvor. Das mache es zunehmend schwieriger, die Sicherheit der jährlich 45 Millionen Fahrgäste zu gewährleisten.
Bei dem Unglück waren am Mittwochmorgen in Urda in der Provinz Toledo, rund 130 Kilometer südlich von Madrid, zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert. Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf.

Fahrdatenschreiber sollen Aufschluss geben
Ermittler bargen am späten Donnerstag die Fahrdatenschreiber beider Züge aus den Wracks. Die Aufzeichnungsgeräte befinden sich nun bei der Polizeieinheit Guardia Civil und sollen ausgewertet werden.
Nach Angaben der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) ereignete sich der Zusammenstoss bei einer Geschwindigkeit von schätzungsweise 160 bis 200 Kilometern pro Stunde. Wie schnell der Zug tatsächlich unterwegs war, soll die Auswertung der Aufzeichnungen zeigen. Die Ermittlungen befänden sich noch in einem frühen Stadium, betonte die Behörde.
Im Zentrum der Untersuchungen stehen auch ein möglicher Ausfall des älteren Zugsicherungssystems LZB sowie mögliche Fehlentscheidungen der Bahnleitstelle in Madrid. Medien veröffentlichten Mitschnitte des Funkverkehrs, denen zufolge der Lokführer eines Hochgeschwindigkeitszuges von einem Mitarbeiter der Bahnleitstelle angewiesen worden sein soll, den «normalen Fahrbetrieb» wieder aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt soll das automatische Zugsicherungssystem noch nicht wieder funktioniert haben, während sich der andere Zug weiterhin auf der Strecke befand.
Ein Richter und ein Regierungsausschuss haben jeweils eigene Untersuchungen zu dem tödlichen Unglück aufgenommen. Ministerpräsident Pedro Sánchez versprach eine lückenlose Aufklärung.
Polizei weiter am Unglücksort im Einsatz
Am Unglücksort waren auch am Freitag noch Polizeikräfte mit Spürhunden im Einsatz. «Diese Untersuchung muss klären, wie und warum es zu dieser Katastrophe kommen konnte», sagte der spanische König Felipe VI. am Donnerstag, nachdem er verletzte Passagiere in einem Krankenhaus in Toledo besucht hatte. «Wir werden Massnahmen ergreifen müssen, damit so etwas nie wieder geschieht.»

Es war bereits der zweite schwere Unfall auf der Strecke Madrid–Sevilla in diesem Jahr. Im Januar entgleiste rund zwei Fahrstunden weiter südlich ein Zug und prallte gegen einen entgegenkommenden Zug. 46 Menschen kamen ums Leben.
Das spanische Hochgeschwindigkeitsbahnnetz gilt als Erfolg staatlicher Industriepolitik. Es ist nach dem chinesischen das zweitgrösste der Welt. Seit seiner Inbetriebnahme vor mehr als drei Jahrzehnten hatte es bis zu diesem Jahr keinen tödlichen Unfall gegeben. (dpa)
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