«Ich habe gekämpft»: 87-Jährige wird aus ihrer Wohnung geworfen – jetzt gehen Zehntausende für sie auf die Strasse
Maricarmen ist überall. Ihr Name steht auf Transparenten in Madrid, Bilbao, Saragossa und auf den Kanarischen Inseln. «Für alle Maricarmens», heisst es auf den Plakaten. Seit die 87-jährige Maricarmen Abascal aus ihrer Madrider Mietwohnung geworfen wurde, rollt eine Protestwelle durch Spaniens Städte. Allein in der spanischen Hauptstadt Madrid gingen an diesem Wochenende Zehntausende auf die Strasse.
Das Drama der Seniorin wird zum Symbol einer Krise in Spanien, die für Millionen Menschen zur Existenzfrage geworden ist. Junge Menschen finden kaum noch bezahlbare Wohnungen. Familien müssen immer grössere Teile ihres Einkommens für die Miete ausgeben. Rentner fürchten, aus ihren Vierteln verdrängt zu werden. In Touristenstädten wird immer mehr Wohnraum in Ferienunterkünfte umgewandelt.
Das Problem beschäftigt längst nicht mehr nur Spanien. Wohnraum wird in ganz Europa seit Jahren immer teurer. In deutschen Städten ist die Wohnmisere zu einem der wichtigsten politischen Themen geworden. Ähnliche Debatten gibt es in Österreich und der Schweiz.
Selbst eine anonyme Spende reichte nicht
Das Schicksal Maricarmens steht für viele ähnliche Fälle: Eine alte Frau, die nach mehr als sieben Jahrzehnten ihr Zuhause verliert. Vor einigen Tagen wurde sie aus der Wohnung im sechsten Stock eines Hauses nahe dem Madrider Retiro-Park getragen. Draussen standen Hunderte Menschen und riefen: «Du bist nicht allein!» Polizisten hatten zuvor Aktivisten aus dem Treppenhaus gedrängt, die die Räumung verhindern wollten.
Schliesslich wurde Maricarmen auf einer Krankentrage aus dem Haus gebracht und mit einer Ambulanz in die Madrider Universitätsklinik Gregorio Marañón gefahren. Dort liegt sie noch immer. Inzwischen meldete sich Maricarmen mit brüchiger Stimme aus dem Hospital in einem Video. Sie habe ihr Zuhause nicht retten können, sagte sie. «Aber ich habe gekämpft, damit die anderen lernen, für ihres zu kämpfen.»

Ihre Geschichte beginnt 1956. Maricarmen war 17 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Zentrum zog. Dort verbrachte sie praktisch ihr gesamtes Erwachsenenleben. Der alte Mietvertrag lief zunächst auf ihren Vater, später auf ihre Mutter und nach deren Tod auf Maricarmen. Zuletzt zahlte sie rund 500 Euro im Monat. Das ist eine für das heute teure Innenstadt-Viertel ungewöhnlich niedrige Altbaumiete.
Dann wechselte das Haus den Eigentümer. Der neue Besitzer, eine Immobiliengesellschaft, wollte den alten Vertrag nicht weiterführen. Für Maricarmen begann damit ein jahrelanger Kampf. Die verlangte neue Miete lag zeitweise bei 2650 Euro, zuletzt wurden nach Angaben aus ihrem Umfeld 1650 Euro gefordert. Ihre monatliche Rente liegt aber nur bei 1350 Euro.
Mehrere Räumungsversuche konnten verhindert werden. Beim vierten Mal war nun Schluss. Selbst Vermittlungsversuche des Wohnungsministeriums und das Angebot einer anonymen Spenderin, einen höheren Mietpreis für Maricarmen zu finanzieren, brachten keine Einigung.
Ministerpräsident machtlos in Madrid
Seit der Räumung wächst der Protest. In vielen spanischen Städten wurden Demonstrationen organisiert. In Madrid waren bei einer Demonstration an diesem Wochenende rund 25'000 Menschen auf der Strasse. Inzwischen wurde vor dem Gebäude der Madrider Regionalregierung, die für die Regulierung des Wohnungsmarktes im Grossraum Madrid zuständig ist, ein Protestcamp errichtet.
Die spanischen Mietervereinigungen sprechen vom «Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht» habe. Sie verlangen ein «Maricarmen-Dekret», das unter anderem Mietverträge automatisch verlängern und Räumungen besonders schutzbedürftiger Menschen ohne angemessene Wohnalternative verhindern soll.
Der Fall setzt auch die nationale Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez unter Druck. Sánchez bezeichnete die Räumung als «soziale Tragödie, die wir nicht akzeptieren können». Seine Mitte-links-Regierung will nun versuchen, ein seit Monaten umstrittenes Wohnungspaket durchs Parlament zu bringen.
Geplant sind ein stärkerer Schutz vor Räumungen und drastischen Mietsteigerungen. Aber die Kompetenzen zur Durchsetzung dieser Massnahmen liegen bei der politischen Führung der Region Madrid, und die konservative Regionalpräsidentin Isabel Ayuso lehnt jegliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt ab.
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