Sexuelle Gewalt als Folter: Was Ukrainer in russischer Gefangenschaft erleben
Vergewaltigungen, Stromschläge an den Genitalien, erzwungene Nacktheit und sexuelle Erniedrigung: Ein neuer Bericht der UNO dokumentiert mehr als 1000 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Der weit überwiegende Teil wird russischen Behörden zugerechnet.
Die meisten Opfer russischer Gewalt sind Männer - in 725 Fällen. Frauen und Kinder sind ebenfalls betroffen. Die Übergriffe ereigneten sich in praktisch allen Phasen der Gefangenschaft: bei der Festnahme, beim Transport, während Verhören, in Haftanstalten und selbst kurz vor einem Austausch oder einer Freilassung.
In 155 Fällen dokumentierte die UNO Stromschläge an den Genitalien. Häufig kam dabei ein sowjetisches Feldtelefon zum Einsatz. Drähte oder Klemmen werden am Körper befestigt, durch Drehen einer Kurbel wird Strom erzeugt. In Russland ist diese Foltermethode unter dem zynischen Namen «Anruf bei Putin» bekannt.
Ein ehemaliger ukrainischer Kriegsgefangener berichtete der UNO, er sei zwischen April 2022 und Mai 2025 in einer russischen Strafkolonie wiederholt gefoltert worden. Mitarbeiter hätten ihn mit Zellenschlüsseln vergewaltigt. Bei Durchsuchungen musste er mit anderen Gefangenen tanzen und sie küssen.
Ein ziviler Mann aus der Region Saporischschja, den russische Behörden im August 2024 festnahmen, wurde bei einem Verhör mit Strom gefoltert; die Drähte waren an Brustwarzen und Genitalien befestigt. In der Region Cherson zerrten zwei russische Soldaten im März 2024 eine 17-Jährige in ein Auto und vergewaltigten sie gemeinsam. In einem weiteren von der UNO dokumentierten Fall wurde ein ukrainischer Kriegsgefangener nach seiner Gefangennahme sexuell verstümmelt und vergewaltigt, bevor er erschossen wurde.
Soldaten, lokale Beamte und Zivilisten sind betroffen
Die Gewalt beschränkt sich nicht auf einzelne Gefängnisse oder Einheiten. Die UNO dokumentierte sexuelle Gewalt in zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Haftorten in den besetzten Gebieten und in Russland. Betroffen waren Kriegsgefangene, ehemalige Soldaten, Angehörige der Sicherheitsbehörden, lokale Beamte und Zivilisten, denen eine proukrainische Haltung vorgeworfen wurde.
Häufig sollte die Folter Informationen erzwingen. Gefangene sollten Angaben über ukrainische Truppen machen oder zur Zusammenarbeit mit russischen Geheimdiensten gebracht werden. Sexuelle Gewalt diente zugleich der Einschüchterung und Erniedrigung.
Was die Opfer nach der Freilassung brauchen
Für die Betroffenen endet die Geschichte mit der Freilassung nicht. Viele kehren schwer traumatisiert aus russischer Gefangenschaft zurück. Wie schwierig dieser Weg sein kann, weiss Ljudmila Husejnowa aus eigener Erfahrung.
Die ukrainische Menschenrechtsaktivistin wurde 2019 festgenommen und unter anderem im berüchtigten Gefängnis «Isoljazija» in Donezk festgehalten. Man warf ihr «Spionage» und «Extremismus» vor. Insgesamt verbrachte sie drei Jahre in Gefangenschaft, bevor sie 2022 bei einem Gefangenenaustausch freikam.
Heute unterstützt Husejnowa mit ihrer Organisation «Numo Sisters» Frauen, die aus russischer Gefangenschaft zurückkehren. «In den ersten Tagen sind sie sehr verschlossen und zurückhaltend, ihre Gesichter und Körper sind angespannt», sagte sie dem polnischen Magazin «Nowa Polska». Die Frauen erhalten psychologische und psychotherapeutische Hilfe und können sich in einem geschützten Raum mit anderen Betroffenen austauschen.
Auch der ukrainische Staat hat inzwischen einen Hilfsmechanismus geschaffen. Opfer sexueller Gewalt im Zusammenhang mit dem Krieg können eine einmalige Zahlung von 3000 Euro erhalten. Anspruch haben auch Kinder, die infolge solcher Verbrechen geboren wurden. Finanziert wird die Hilfe durch internationale Partner und Spender.
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