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Trotz Trumps Ukraine-Bashing: Diese Fakten sprechen gegen einen endgültigen Bruch

Der US-Präsident teilt unverdrossen weiter gegen Selenski aus und lobt Putin. Doch es gibt auch mehrere hoffnungsvolle Signale für die Ukraine im Streit mit dem Weissen Haus.
von Bojan Stula
Scheint seine Position im Ukraine-Krieg bezogen zu haben: US-Präsident Donald Trump. (Bild: Julia Demaree Nikhinson/AP)
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski vor seinem Treffen am Dienstag in Oslo mit Finnlands Präsident Alexander Stubb (links) und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre. (Bild: Heiko Junge/AP)

Vor dem Hintergrund des unablässig tobenden Luft- und Bodenkriegs in der Ukraine ist die diplomatische Front zwischen Washington und Kiew weiterhin von hektischen Aktivitäten geprägt. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Lage.

Während viele vom endgültigen Bruch Donald Trumps mit der Ukraine ausgehen, verhandelt Selenski am Dienstag in Norwegen mit dem Sondergesandten des US‑Präsidenten. Wie passt das zusammen?

Vermutlich wollen sowohl Kiew als auch Washington beweisen, dass von einem endgültigen Abbruch der Beziehungen keine Rede sein kann. Selenski selbst hatte Norwegen und Finnland um das Treffen gebeten.

Der Ausgang der Gespräche mit dem US‑Sondergesandten Steve Witkoff, dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre blieb vorerst offen. Selenski erklärte nach seiner Ankunft in Oslo, man halte alle Kontakte aufrecht, die zu einem Frieden beitragen könnten.

Tatsächlich soll aber nach Tagen gegenseitiger Vorwürfe geklärt werden, ob sich Washington und Kiew wieder auf eine gemeinsame Linie verständigen können – und unter welchen Bedingungen die USA ihre für die Ukraine entscheidende militärische Unterstützung fortsetzen.

Nach Informationen von Axios will Witkoff nach den Gesprächen in Oslo nach Russland weiterreisen und dort möglichst Putin treffen. Ein US-Regierungsvertreter erklärte, Witkoff wolle Vorschläge für Friedensschritte präsentieren, die Amerikaner, Ukrainer und Europäer gemeinsam ausgearbeitet hätten. Auch dies spricht für weiterhin offene Leitungen zwischen Washington und Kiew.

Welche Strategie verfolgt aktuell Selenski?

Der ukrainische Präsident lässt sich nicht mehr jeden Angriff Trumps gefallen, und weiss damit seine Bevölkerung hinter sich. Öffentlich warnte er den US-Präsidenten davor, mit seiner Anbiederung an Putin auf der «falschen Seite der Geschichte zu stehen». Selenskis Zustimmungsrate stieg zuletzt gemäss einer aktuellen Umfrage von 43 auf 57 Prozent.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski vor seinem Treffen am Dienstag in Oslo mit Finnlands Präsident Alexander Stubb (links) und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre. (Bild: Heiko Junge/AP)

Gleichzeitig aktiviert er alle Kanäle zu den «vernünftigen» Entscheidern in Trumps Umfeld: Noch vor dem Oslo-Treffen telefonierte Selenski am Dienstag mit US-Aussenminister Marco Rubio. Zudem wandte er sich per Videoschaltung an demokratische und republikanische Mitglieder des US-Kongresses.

Besprochen wurden genau jene Punkte, die derzeit für besonders grosse Aufregung sorgen: fehlende Patriot-Abfangraketen, die ausgebliebenen amerikanischen Frühwarninformationen über russische Raketenstarts sowie die Einschränkung der Starlink- und Starshield-Kommunikation.

Rubio wiederum versuchte nach dem Gespräch, die Krise zu entschärfen. Trump habe keine Anweisung erteilt, der Ukraine gezielt zu schaden. Es gebe zwar «zweifellos Spannungen», sagte der Aussenminister während seines Indien-Besuchs. Die Behauptung, die USA wollten der Ukraine absichtlich schaden, sei aber falsch und «skandalös».

Selenski bezeichnete das Gespräch anschliessend demonstrativ als «substanziell» und dankte Rubio für dessen «klare Position». In einem Interview mit dem «Corriere della Sera» betonte der Ukrainer die Bedeutung der strategischen Beziehungen zu den USA.

Setzen die USA ihre militärische Unterstützung im Streit mit Kiew tatsächlich bewusst aus, um Selenski zu einem Waffenstillstand zu Moskaus Bedingungen zu zwingen?

Das ist derzeit die entscheidende Frage – und sie lässt sich noch nicht abschliessend beantworten. Nach Recherchen des «Kyiv Independent» soll US-Kriegsminister Pete Hegseth aktuell die Freigabe einer grösseren Lieferung von Patriot-Abfangraketen verzögern. Die Raketen seien bereits von Verbündeten der Ukraine bezahlt worden.

Gleichzeitig beklagt Kiew weiterhin Einschränkungen bei Starlink und Starshield sowie die Ausfälle von amerikanischen Frühwarninformationen über russische Raketenstarts. Selenski nannte den US-Abgeordneten drei Fälle von russischen Angriffen, vor denen die Ukraine keine Vorwarnung erhalten habe.

Kiew vermutet dahinter politische Willkür. Washington weist das zurück. Laut Rubio kann es für die ausgebliebenen Raketenwarnungen «technische Gründe» gegeben haben. An der US-Politik gegenüber der Ukraine habe sich «nichts geändert».

Ein US-Regierungsvertreter dementierte zudem, Patriot-Raketen würden gezielt zurückgehalten. Auch die Nato erklärt, die Waffenlieferungen über ihr Bezahlprogramm «Purl» liefen weiter.

Fest steht bislang nur: Bei gleich mehreren für die Ukraine entscheidenden amerikanischen Leistungen gibt oder gab es Probleme. Dass dahinter eine koordinierte Druckkampagne Trumps steckt, ist jedoch nicht bewiesen.

Wieso dreht sich letzten Endes immer fast alles um Patriot-Raketen?

Weil Russland seine Luftangriffe massiv intensiviert und gezielt die ukrainische Energieversorgung vor dem Winter angreift. Auch am Dienstag setzte Moskau seine Angriffe fort. Bei der jüngsten Welle von Raketen- und Drohnenangriffen wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 16 Menschen getötet, darunter 2 Kinder. In zahlreichen Regionen kam es zu Stromausfällen.

Umso stossender kommen in der Ukraine Trumps jüngste Äusserungen an. Am Montag sagte er zu Reportern, Moskau habe sich in der Ukraine «gut verhalten» und zuletzt «nicht viel gemacht» – während Russland gleichzeitig schwere Angriffe auf ukrainische Städte und Energieanlagen führte. «Wir haben der Ukraine viel gegeben, und uns haben sie nichts gegeben», setzte Trump seine einseitigen Attacken fort.

Patriot gehört zu den wenigen Systemen, mit denen die Ukraine russische ballistische Raketen zuverlässig abfangen kann. Der österreichische Militärhistoriker Markus Reisner spricht gegenüber ntv von teilweise nur 10 bis 15 Raketen pro Lieferung. Diese Vorräte seien oft bereits Mitte des Monats aufgebraucht. Reisner sagt deshalb einen weiteren extrem schwierigen Winter voraus. Die Frage sei nicht, ob die Ukraine ihn überstehe, sondern «zu welchem Preis».

Wie geht es jetzt weiter?

Das ist völlig offen. Trump wird gegenüber der Ukraine immer ausfälliger, kommt Russland wirtschaftlich entgegen und ist «voll zu Putin übergelaufen», wie es Schwedens Ex-Premier Carl Bildt formuliert. Gleichzeitig hält Washington die Gesprächskanäle nach Kiew offen, während Selenski zu retten versucht, was zu retten ist.

In dieser unübersichtlichen Lage warnt Reisner vor vorschnellen Prognosen. Trump agiere seit Jahren sprunghaft, seine Politik könne sich von einem Tag auf den anderen wieder ändern. Zugleich hält der Bundesheer-Oberst einen Waffenstillstand derzeit sogar für wahrscheinlicher als zuvor, weil der Druck auf alle Beteiligten enorm gestiegen sei.

Unabhängig davon sehnt man sich in der Ukraine nach den US-Zwischenwahlen und der erhofften politischen Korrektur in Washington. Dass sich Trump im Wahlkampf mit seiner Putin-Affinität keinen Gefallen tut, wird auch von immer mehr Republikanern kritisiert. Selbst Brit Hume, Chefpolitikanalyst von Fox News, kann Trumps Parteinahme nicht nachvollziehen: «Das kommt nicht gut an. Die Amerikaner hassen Putin.»

Artikel: http://www.vaterland.li/international/selenski-sucht-im-streit-mit-trump-weiter-den-kontakt-zu-den-usa-art-768103

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