«Dann ist mein Herzchen hellblau»: So fiebern Argentinier mit Schweizer Wurzeln dem Duell entgegen
«Beim Achtelfinalspiel Schweiz gegen Kolumbien habe ich mir ein kleines Fondue gemacht», sagt Carola Steer. Aus sentimentalen Gründen, aber auch ein wenig als Unterstützung, schliesslich drückte sie der Schweizer Nati die Daumen. Und siehe da: Die Schweiz gewann im Elfmeterschiessen. Doch nun wird es komplizierter – jetzt kommt ausgerechnet Argentinien.
Carola Steer wohnt in Unquillo, einer Kleinstadt mit knapp 20’000 Einwohnern. Rund 30 Kilometer von der Metropole Córdoba entfernt, viel Land rundherum. Nicht gerade Buenos Aires, nicht einmal mitten in Córdoba, und trotzdem habe sie beim letzten Spiel der Argentinier schon vor dem Schlusspfiff die Menschen jubeln gehört. Danach: Autokorso, Partys und auch vereinzelte Radaue.
«Viele gehen raus und feiern», sagt sie. Früher habe sie die Spiele auch draussen geschaut. In einer Bar oder bei Freunden zu Hause. Das sei in Argentinien sehr beliebt: essen, trinken, sich mit anderen treffen. «Dort machen wir schon eher Asado statt Raclette», sagt sie. Eine Grillmahlzeit und geselliges Zusammensein.
Ruhiger wird es trotzdem nicht
Das Spiel am Samstag schaut Steer aber zu Hause, mit ihrem Mann Hector und ihrer jüngsten Tochter Sol. Um 22 Uhr Ortszeit geht es los – gemütlich genug für einen Fernsehabend mit der Familie, auch wenn drinnen die Nervosität steigt. «Klar bin ich aufgeregt», sagt Steer, «aber ich habe Vertrauen.» Auch wegen Messi. «Messi ist der Beste», sagt sie. In Argentinien liebe man ihn. Nicht nur als Fussballer, sondern auch als Mensch. «Er ist ein guter Typ.» Aber auch die Schweiz hat ihre WM-Helden – nur kennt man Xhaka, Kobel und Manzambi in Argentinien noch nicht annähernd so gut wie Messi.
«Ich habe mich wirklich für die Schweizer Mannschaft gefreut», sagt Steer. Sie kennt beide Seiten: Sie wurde in Argentinien geboren, ihre Grosseltern wanderten aus der Schweiz ein. Rund 15’000 Schweizerinnen und Schweizer leben heute dort – die grösste Schweizer Gemeinschaft Lateinamerikas. Viele sind Nachfahren der Auswanderer und pflegen ihre Wurzeln bis heute, drücken aber doch eher für Argentinien die Daumen.
Die Farbe des Abends
Am Vorabend des Spiels trifft sich Steer im Schweizer Haus in Córdoba, wo sie als Delegierte des Auslandschweizerrats mithilft. Die «Sociedad Helvecia de Socorros Mutuos» gibt es hier schon seit 1874. Traditionen werden auch nach der langen Zeit noch beibehalten: «Ich mache Raclette und Empanadas», sagt sie. Ein kleines Zusammensitzen: Schweiz trifft Argentinien, Käse trifft Teigtasche, rot-weiss trifft hellblau-weiss.
Im Schweizer Haus hängt selbstverständlich die rote Fahne mit weissem Kreuz. Doch bei Steer wird am Samstag die Farbe gewechselt: «Dann ist mein Herzchen hellblau», sagt sie. In Argentinien glauben alle daran, dass ihre Mannschaft gewinnt. Ganz so einfach sei es aber nicht, sagt Steer. «Jedes Team kann für eine Überraschung sorgen.» Ihre Prognose fällt trotzdem nüchtern aus: Die Schweiz komme zu wenig nach vorne, das werde ihr zum Verhängnis. Und dann ist da noch Messi. «Ich tippe auf 3:0.»
Auch wenn Steer kein Schweizer Dress tragen wird, freut sie sich auf das Spiel. «Es ist immer gut, wenn es etwas zu feiern gibt», sagt sie. Die Frage ist nur, ob danach Fondue oder Asado besser passt.
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