TV-Duell in Sachsen-Anhalt: Von Hitlergrüssen und Spritpreisen
Als «Duell» bezeichnen deutsche Medien in reisserischer Weise, was die vermeintlich so sensationsgierigen Amerikaner deutlich weniger martialisch eine «Debatte» nennen: einen gemeinsamen Auftritt zweier konkurrierender Politiker im Fernsehen. Von einem Streitgespräch oder einer Diskussion möchte man meist gar nicht reden, läuft das Ganze doch in der Regel auf das zeitversetzte Abspulen bekannter Positionen hinaus.
Am Mittwochabend wäre an sich alles für eine erinnerungswürdige Ausgabe bereitet gewesen, ging es doch – sollten sich die dramatischsten Warnungen bewahrheiten – um nicht weniger als die Zukunft der deutschen Demokratie.
Der Amtsinhaber griff an, als wäre er der Herausforderer
Gegenüber standen sich in einem Studio des Mitteldeutschen Rundfunks der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Sven Schulze, ein Christdemokrat, und Ulrich Siegmund, sein Herausforderer von der AfD. Letztere dürfte bei der Landtagswahl am 6. September mit deutlichem Abstand stärkste Kraft werden, wodurch Siegmund eine realistische Chance hat, als erster AfD-Politiker Regierungschef eines deutschen Bundeslandes zu werden.
Das «Duell» verlief insofern untypisch, als nur einer der beiden Teilnehmer das typische Verhalten zeigte: Ulrich Siegmund. Er verwendete fast ausschliesslich Textbausteine. Ob Spritpreise, Renten oder das Geld, das Deutschland in alle Welt verschenke, alles hatten diejenigen, die sein Treiben seit Längerem verfolgen, schon einmal gehört, und das teilweise wortgleich.
Schulze, der Amtsinhaber, redete dagegen, als wäre er der Herausforderer, was angesichts der Umfragezahlen durchaus Sinn ergab. Er griff Siegmund etwa wegen des Familienbilds seiner Partei an, die Frauen zurück an den Herd bringen wolle, oder wegen ihres Landeschefs Martin Reichardt, der den Hitlergruss gezeigt hatte, ohne dass Siegmund dies verurteilt hätte.
Sein Kontrahent, so der Christdemokrat sinngemäss, sei eine Marionette Alice Weidels, der Bundeschefin der AfD, und rede im Wahlkampf über deren Themen, während er, Schulze, sachsen-anhaltische Anliegen in Berlin einbringe.
Der Hinweis auf Weidel führte zu einem der wenigen Momente, in denen Siegmund punkten konnte: Man arbeite in der AfD eben gut zusammen, während Schulze seinen Parteikollegen Friedrich Merz im Wahlkampf lieber verstecke. Mit der Erwähnung des unpopulären Kanzlers berührte der AfD-Mann zumindest einen wunden Punkt.
Siegmund sollte darauf hoffen, sein Ziel zu verfehlen
Sonst wich Sigmund den Angriffen Schulzes vor allem aus, teilweise auch, indem er reichlich dreist zu völlig anderen Themen überging. Durch seine schnelle Sprechweise wirkte der AfD-Politiker nicht nur nervös, sondern hinterliess auch den Eindruck, einstudierte Redewendungen zum Besten zu geben, ohne dabei nachzudenken.
Zumindest eine Erkenntnis brachte die Debatte: Wer meint, in Siegmund habe die AfD einen Volkstribun nach dem Muster Jörg Haiders gefunden, dürfte sich irren: Zwar wirkt der Ostdeutsche ähnlich fesch, gut gelaunt und sportlich wie der 2008 tödlich verunglückte Österreicher, doch fehlen ihm dessen Intellekt und rhetorisches Talent. Auch wenn Siegmund am 6. September ein hervorragendes Resultat erzielen dürfte, muss die rhetorisch beschlagenere Alice Weidel wohl kaum fürchten, dass er ihr den Platz an der Parteispitze streitig machen könnte.
Die letzte Umfrage, die unmittelbar vor dem «Duell» veröffentlicht wurde, sieht die AfD bei 42 Prozent. Damit würde sie die absolute Mehrheit der Mandate im Landtag verpassen. So könnte Schulze Ministerpräsident bleiben, müsste sich dafür aber mit linken Koalitionspartnern zusammentun. Für einen Oppositionsführer Siegmund wäre das die ideale Ausgangsposition. Eigentlich kann er nur darauf hoffen, sein selbsterklärtes Ziel knapp zu verfehlen.
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