Bombenterror ohne Ende: Putins Winterangriff beginnt – diesmal mit einer neuen Waffe
Auch im fünften Kriegsjahr verzichtet Russland nicht auf seine inzwischen gewohnten Bombardierungen ukrainischer Energieanlagen. Zwar liefen die Angriffe auf die Strominfrastruktur in diesem Sommer weiter. Nach dem für die Ukraine kältesten Winter seit 20 Jahren legte die russische Armee jedoch eine rund halbjährige Pause bei systematischen Angriffen ein und konzentrierte sich auf andere Ziele.
Seit der Nacht auf den 30. September ist damit Schluss. Dutzende ballistische Raketen und fast 200 Jet-Drohnen flogen vor allem auf Wärme- und Wasserkraftwerke sowie Umspannwerke in der Region Kiew. Angegriffen wurden auch Stromleitungen, die beide Ufer des Dnipro miteinander verbinden, sowie Energieanlagen in anderen Landesteilen.
Es ist dies die zweite russische «Stromkampagne» in Folge, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach besonders auf die Hauptstadt mit ihren rund drei Millionen Einwohnern konzentrieren wird. Im ersten Kriegswinter 2022/2023 hatte Moskau noch versucht, grosse Teile der Ukraine dauerhaft in einen Blackout zu schiessen. Trotz punktueller Erfolge überforderte diese Aufgabe die Russen.
Seit 2022 stammt der Grossteil des ukrainischen Stroms aus drei Atomkraftwerken im von Kiew kontrollierten Gebiet. Diese nachhaltig zu zerstören, ist selbst mit Raketen kaum möglich und würde weitreichende Folgen haben. Russland konzentrierte sich deshalb auf die Verteilinfrastruktur. Doch auch Angriffe auf Umspannwerke und Transformatoren brachten keinen dauerhaften Erfolg.
Eine Region wie Kiew zumindest zeitweise vom Stromnetz zu isolieren, ist dagegen realistischer. Rund 15 Prozent der Bevölkerung der Ukraine leben derzeit in der Hauptstadt und ihrer Umgebung. Im vergangenen Winter mussten bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Hunderttausende Kiewer wochenlang ohne Strom und Heizung auskommen.
Spielt das Wetter für die Ukraine mit?
Diesmal dürfte das Wetter zunächst auf Seiten der Ukraine stehen. Erwartet wird ein vergleichsweise warmer Dezember. Für die ersten Monate des kommenden Jahres werden allerdings kurze Kälteeinbrüche mit Temperaturen bis minus 15 Grad vorausgesagt.
Grössere Probleme bereitet die Flugabwehr. Der Mangel an Raketen für Patriot-Systeme erschwert das Abfangen russischer ballistischer Raketen. Hinzu kommen Jet-Drohnen, die Kiew seit August teilweise tagelang angreifen. Zuletzt dauerten die Luftalarme mehr als 18 Stunden. Die Drohnen können zwar teilweise abgeschossen werden, die Abfangquote liegt derzeit aber lediglich zwischen 55 und 60 Prozent.

Trotz des voraussichtlich milderen Wetters, einer veränderten Stromproduktion und der Reparatur vieler beschädigter Anlagen dürfte Kiew deshalb erneut ein schwerer Winter bevorstehen. Die ersten grösseren Stromausfälle kehrten am Mittwoch in den Alltag zurück: Zeitweise war etwa ein Drittel der Hauptstadt ohne Strom.
«Russland will erreichen, dass Kiew gänzlich ohne Strom und Wärme leben muss», sagt Andrian Prokip, Leiter des Energieprogramms am Ukrainischen Zukunftsinstitut. Es sei möglich, dass die Hauptstadt erneut wochenlang keinen oder nur wenige Stunden am Tag Strom habe. Besonders anfällig sei die Wärmeversorgung: «Die Entwicklung der Angriffe mit Jet-Drohnen deutet darauf hin, dass der gezielte Beschuss von kleineren kommunalen Heizwerken ausgeweitet werden kann.»
Schutzvorrichtungen sind zu aufwändig
Hinzu kommt eine neue Gefahr. Serhij Beskrestnow, technologischer Berater von Präsident Wolodimir Selenski, sprach am Mittwoch von einer «schlechten» Nachricht: «Der Feind setzt erstmals einen speziellen Sprengkopf mit kumulativer Schneidwirkung auf einer Drohne ein.» Dieser sei speziell für die Zerstörung von Hochspannungsmasten und Eisenbrückenkonstruktionen konzipiert.
Stromleitungen lassen sich grösstenteils kaum unter die Erde verlegen. Hochspannungsmasten nachhaltig zu zerstören, gelang Russland bislang vor allem mit Raketen – angesichts ihrer Kosten und der Vielzahl möglicher Ziele ein aufwendiges Vorgehen. Wie wirksam der neue Drohnensprengkopf ist, wird sich erst zeigen.
Dass Moskau die beiden Seiten des Dnipro voneinander abschneiden will, zeigte bereits die Angriffskampagne 2025/2026. Dazu passt der erneute Angriff mit Jet-Drohnen auf die Kiewer Südbrücke am Donnerstag. Über eine der strategisch wichtigsten Brücken der Ukraine führt auch eine der drei Metrolinien der Hauptstadt. Der Schaden blieb zwar gering. Doch die beiden Teile Kiews voneinander zu isolieren, bleibt offensichtlich eines der Ziele Moskaus.
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