City mit wenig Sex: Das stellt man in Russland mit Hit-Serien an
Westliche Filme und TV-Serien sind in Russland beliebt. Der neue «Spider Man» und die «Odyssee» sind Kinohits mit über zehn Millionen Besuchern. «Avatar» ist einer der fünf erfolgreichsten Filme aller Zeiten und hat von St. Petersburg bis Wladiwostok fast 37 Millionen Franken eingespielt.
Doch wenn es um Inhalte geht, die Putins Kulturkampf unterlaufen, wird radikal zum Rotstift gegriffen. Wie Journalisten des oppositionellen Onlineportals Mediazona lückenlos nachgewiesen haben, betrifft die Zensur insbesondere den Streamingdienst Amediateka, das russische Gegenstück zu Netflix.
Amediateka hat sich auf westliche Produktionen spezialisiert und zeigt in Russland Hit-Serien grosser Programmanbieter wie HBO, Showtime, AMC und Warner; mitunter auch ohne Lizenz der US‑Studios. Für 47 Franken im Jahr erhält man Zugriff auf amerikanische Klassiker und Publikumserfolge wie «Sopranos», «Walking Dead» oder «Sex and the City». Bloss: Beim Sex hapert es zuweilen.
Was russische Zuschauer zu sehen bekommen, hat mit dem Original mitunter nur noch wenig zu tun. In «Sex and the City» wurden rund 25 Minuten mit der schwulen Figur Stanford Blatch entfernt. In der Fortsetzung «And Just Like That…» traf es vor allem Mirandas Beziehung zur nicht-binären Che Diaz. Auch eine neunminütige Feier für Charlottes nicht-binäres Kind verschwand komplett.
Kein Inzest bei «Games of Thrones»
Selbst «Game of Thrones» wird in Russland umgeschrieben. Insgesamt fehlen inzwischen 61 Minuten. Darunter sind wesentliche Teile der inzestuösen Beziehung zwischen Jaime und Cersei Lannister – obwohl gerade diese Affäre den Ausgangspunkt der gesamten Geschichte bildet.
Auch die Szene, in der Myrcella kurz vor ihrem Tod erkennt, dass Jaime ihr Vater ist, wurde entfernt. Ebenso verschwinden mehrere Selbstmorde, darunter jener des jungen Königs Tommen.
Die Eingriffe sind keine Einzelfälle. Mediazona untersuchte die 462 auf Amediateka verfügbaren Serien mit einem eigens entwickelten Algorithmus, verglich die russischen Fassungen Bild für Bild mit den Originalen und kontrollierte Tausende Abweichungen anschliessend von Hand.
Per Anfang Oktober konnten die Journalisten in 200 Serien zweifelsfrei Fälle von Zensur nachweisen: Insgesamt fehlen 75 Stunden Bildmaterial. Hinweise auf nachträgliche Bearbeitung fanden sie bei 368 Titeln.
Mit Abstand am stärksten betroffen sind LGBT-Themen: Rund 44 Stunden wurden entfernt. An zweiter Stelle folgt die Politik mit zwölf Stunden. Daneben verschwinden Drogen, Abtreibungen, Selbstmorde, Inzest, bestimmte Sexualpraktiken sowie Okkultismus und Blasphemie. Selbst Regenbogenfarben können dem Rotstift zum Opfer fallen.
Aus Liebenden werden «Freunde»
Doch die Schnitte sind nur der sichtbare Teil der Zensur. Sie beginnt bereits bei der Übersetzung. Dabei geht der Dienst teilweise weiter, als es die staatlichen Gesetze gegen «LGBT-Propaganda» und die «Verunglimpfung» der Armee verlangen. Sogar die Nennung westlicher Markennamen wie Google, IBM oder Amazon wird unterbunden.

Laut einer Branchenquelle schickt Amediateka seinen Synchronstudios einen Leitfaden mit Tabuthemen und Anweisungen, wie unerwünschte Aussagen entschärft werden sollen. So soll aus einer Anspielung auf Oralsex ein «Kuss» werden. Homosexuelle Männer und Frauen werden zu «Freunden» oder «Freundinnen». Positive Aussagen über Feminismus verschwinden ebenso wie jene über gleichgeschlechtliche Elternpaare.
Selbstverständlich wird auch politisch kräftig gesäubert. Gestrichen werden Kritik an Putin, Berichte über den Ukraine-Krieg oder wenig schmeichelhafte Kapitel der sowjetischen Geschichte.
In Dokumentarserien verschwanden Beiträge über den Gulag, den Winterkrieg gegen Finnland, die Berliner Mauer oder die Wagner-Söldner. Aus der Nachrichtensendung von «Axios» wurden unter anderem ein Interview mit Wolodimir Selenski sowie Beiträge über russische Hackerangriffe entfernt.
Bereits zensierte Serien nochmals gekürzt
Was ebenfalls auffällt: Die Zensur wird laufend verschärft. Bis Frühjahr 2025 fehlten bei «Game of Thrones» 37 Minuten, inzwischen sind es 61. Auch «The Sopranos» wurde mehrfach neu geschnitten; die Zahl der entfernten Szenen verdreifachte sich innerhalb weniger Monate. Amediateka kehrt also selbst zu längst veröffentlichten Klassikern zurück, sobald sich Russlands kulturelle Tabuzonen verschieben.
So entsteht auf Russlands Bildschirmen Schnitt für Schnitt eine keimfreie, dem Kreml gefällige Parallelwelt: mit weniger Sex, weniger Drogen, weniger Homosexualität. Und weniger von allem, das nicht in Putins propagierte Vorstellung von «traditionellen Werten» passt.
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