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Heimweh nach Mutti – der Niedergang von Europas Christdemokraten

Was in Italien und Frankreich längst passiert ist, erreicht nun auch Deutschland: Die Christdemokratie verliert ihre alte Machtbasis. Für Europa ist das eine schlechte Nachricht.
von Remo Hess, Brüssel
Kämpft um sein politisches Überleben: Bundeskanzler Friedrich Merz. (Montag, 21. September 2026) (Bild: Markus Schreiber/AP)

Muss einem Bundeskanzler Friedrich Merz leidtun? Gewiss nicht. Aber als Schweizer oder Schweizerin kann es einem schon zu denken geben, mit welchem Tempo die Regierungspartei in unserem nördlichen Nachbarland abstürzt.

Mit den Wahl-Desastern in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt befindet sich die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) in ihrer wohl grössten Krise seit der Parteigründung 1945. Nicht einmal die Eierwürfe auf Helmut Kohl Anfang der 1990er-Jahre oder die Spendenaffäre um ebendiesen Kohl haben die Partei dermassen erschüttert.

Vielleicht ist das Elend der deutschen Konservativen aber auch nur die verspätete Variante des allgemeinen Niedergangs der Christdemokratie in Westeuropa.

In Italien, in vielerlei Hinsicht ein politisches Labor in Europa, lösten sich die Christdemokraten schon Mitte der 1990er Jahre in Luft auf. Grund war ein massiver Korruptionsskandal in der damaligen «Democrazia Christiana» (DC). Zuvor hatte die Partei während fast der gesamten Nachkriegszeit das Land ununterbrochen regiert.

Ihr Erbe, Silvio Berlusconi, prägte Italien mit einer Mischung aus Rechtspopulismus avant la lettre und neoliberaler Günstlingswirtschaft. Als Italien in der Eurokrise an den Rand des Bankrott geriet, musste Berlusconi gehen. Danach probierten die Italienerinnen und Italiener fast alles. Technokraten, linksliberale Sozialdemokraten oder die von einem Komiker angeführte anti-System-Bewegung Fünf Sterne.

Vor vier Jahren war der Frust über das «Establishment» so gross, dass die Partei von Giorgia Meloni mit ihren postfaschistischen Wurzeln eine Chance erhielt. Seither herrscht im Bel Paese vergleichsweise Ruhe. Die alte Christdemokratie ist weiter als je von einer Wiedergeburt entfernt.

Das Gefühl, alles versucht zu haben, kennen auch die Französinnen und Franzosen. Die 2000er Jahre waren geprägt von den Neo-Gaullisten Jacques Chirac und seinem Nachfolger Nicolas Sarkozy. Ausgerechnet in diesen Jahren verlor das Land aber einen Grossteil seiner Wettbewerbsfähigkeit an Deutschland. Danach kam der Salonsozialist François Hollande. Dessen Präsidentschaft war dermassen erfolglos, dass Frankreich – für die Französinnen und Franzosen höchst ungewöhnlich – etwas Neues versuchte. Sie wählten eine dritte Kraft um den ehemaligen Rothschild-Banker Emmanuel Macron. Von der folgenden Implosion haben sich die Konservativen bis jetzt nicht mehr erholt.

Natürlich sind Frankreich und Italien unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Kontexten. Aber ein Muster ähnelt sich: Beiderorts war die Christdemokratie nach dem Krieg so erfolgreich, weil sie Gegensätze zusammenband: Markt und soziale Verantwortung, christliche Tradition und Moderne, europäische Integration und Nationalstaat. Genau diese Fähigkeit ist heute verloren gegangen. Stattdessen sind Links- oder Rechtspopulismus auf dem Vormarsch.

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Konservativen nach der Finanzkrise und der anschliessenden Stagnation eines ihrer Haupt-Verkaufsargumente verloren haben: den Ruf, bei der Wirtschaft kompetenter als die Konkurrenz zu sein.

Deutschland war lange ein Sonderfall, weil es Angela Merkel hatte. Getragen vom wirtschaftlichen Erfolg baute Merkel ab Ende der 2000er Jahre aus der CDU eine breite Machtmaschine der Mitte. Sie nahm ihren Gegnern nicht nur Themen, sondern auch die Wähler weg.

Freilich: Merkel hinterliess eine Investitionswüste. Das deutsche Wachstum stützte sie fahrlässig auf billiges Gas aus Russland und den riesigen Exportmarkt in China. Beides ist heute weg und wird nicht wiederkommen. Aber trotzdem: Wie schön waren aus CDU-Sicht diese 16 Jahre doch, als Mutti Merkel das Land mit ruhiger Hand regierte. Bei Merz ist davon nichts mehr übrig.

Für Europa ist der Absturz der CDU fatal. Lange Jahre war die deutsche Christdemokratie die tragende Säule im europäischen Gemeinschaftswerk. Konrad Adenauer band die junge Bundesrepublik an den Westen, Helmut Kohl trieb die europäische Einigung und die gemeinsame Währung voran. Merkel war weniger Visionärin, hielt den Kontinent aber in seinen schwierigsten Momenten zusammen.

Heute wankt diese politische Familie. Und nicht nur in Deutschland wächst damit ein Gefühl, das gerade in den vergangenen Jahren eigentlich undenkbar schien: Heimweh nach Mutti.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/nicht-publiziertheimweh-nach-mutti-der-niedergang-von-europas-christdemokraten-art-761038

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