Trumps harter Hund wankt: Jetzt soll Kriegsminister Hegseth für das Wahldebakel bezahlen
Bauernopfer und Pete Hegseth: Diese Wortkombination hat aktuell in Washington Hochkonjunktur. Nach dem «blauen Tsunami», der in den Midterms über die Republikaner hereingebrochen ist, wird allgemein mit der baldigen Entlassung von Donald Trumps Kriegsminister gerechnet.
Und wenn nicht Entlassung, dann zumindest mit einem (aussichtsreichen) Amtsenthebungsverfahren durch den Kongress, das der Republikaner und Kentucky-Abgeordnete Thomas Massie bereits für nächste Woche ankündigt. Da mag der US-Präsident noch so oft beteuern, an «seinem besten Mann» festhalten zu wollen.
Laut CNN schiessen sich in den Stunden nach dem Wahldebakel immer mehr Parteifreunde auf den 46-jährigen Ex-Fox-Moderator ein. Für die «Washington Post» hat im Pentagon die Nacht «der langen Messer» begonnen: Wer kann, bringt sich gegen den umstrittenen Vorgesetzten in Stellung.
Selbst sein bisher treuer Verbündeter, Vizepräsident JD Vance, hat öffentlichkeitswirksam den Iran-Krieg als Hauptgrund für die Midterms-Schlappe festgemacht. Das kann als Frontalangriff auf Pete Hegseth gewertet werden, der sich unablässig für die Militäroperationen gegen das Mullah-Regime ausspricht.
Nichts läge darum näher, in den Stunden der Niederlage den voll tätowierten Ex-Major der Nationalgarde zum Sündenbock zu degradieren und mit seiner Absetzung etwas Dampf aus dem überkochenden republikanischen Kessel zu lassen.
«Wundern Sie sich nicht, wenn Hegseth der Erste ist, der geopfert wird», folgert Strategie-Professor und Buchautor Phillips P. O'Brien. Ähnliche Wortmeldungen kursieren in den sozialen Medien gleich dutzendweise.
Diese Sonderstellung auf dem silbernen Tablett muss sich der Princeton-Abgänger und Politikwissenschaftler mit Harvard-Abschluss selbst zuschreiben. Kaum jemand sonst hat sich mit seinem oftmals unflätigen Auftreten und der Selbstinszenierung als harter Hund so viele Feinde geschaffen wie Pete Hegseth.
Eine lange Liste von Affären
Die Liste der Affären ist denn auch bemerkenswert lang. Schon seine Bestätigung durch den Senat gelang Hegseth nur mit Ach und Krach. Die Ernennung wurde begleitet von Zweifeln an seiner Eignung und seinem Temperament sowie Vorwürfen wegen seines früheren Führungsstils, Alkoholkonsums und eines sexuellen Übergriffs, den Hegseth bestritt.
Kaum im Amt, folgte «Signalgate»: Der Verteidigungsminister und andere Spitzenbeamte diskutierten über den kommerziellen Messenger Signal hochsensible Details zu bevorstehenden Militärschlägen im Jemen. Später geriet Hegseth wegen der Angriffe auf mutmassliche Drogenschmuggler vor Venezuela unter Druck.
Besonders brisant war ein zweiter Schlag gegen Überlebende eines bereits getroffenen Boots, den Kritiker bis hinein ins republikanische Lager als möglichen Verstoss gegen das Kriegsvölkerrecht werteten. Hegseths demonstrativ martialische Antwort half wenig: Seine Soldaten sollten nicht mit «dummen Einsatzregeln» belastet werden, gefragt seien vielmehr «maximale Tödlichkeit» und entfesselte Kämpfer.
Auch im eigenen Haus hat der selbsternannte Erneuerer verbrannte Erde hinterlassen. Hegseth feuerte Dutzende hochrangige Militärs, die er für illoyal oder politisch unzuverlässig hielt.
Besonders umstritten waren Entlassungen prominenter schwarzer und weiblicher Führungskräfte vor dem Hintergrund seines Kampfes gegen «Wokeness» und Diversitätsprogramme im Militär.
Dazu liess er mit Polygrafentests nach undichten Stellen fahnden und verschärfte die Regeln für Pentagon-Journalisten derart, dass Reportern die Akkreditierung entzogen wurde, wenn sie die neuen Bedingungen nicht akzeptierten. Erst Ende Oktober musste mit Generalleutnant Brett Sylvia einer der ranghöchsten Planer des US-Militärs gehen; dies wegen des unbestätigten Vorwurfs, geheime Informationen weitergegeben zu haben.
Im Pentagon, so beschreiben es Beamte, würden viele Offiziere unter Hegseth deshalb vor allem eines versuchen: seine Amtszeit zu «überleben». Gleichzeitig legte sich der Minister mit dem Kongress an, hielt angeforderte Unterlagen zurück und schränkte den Austausch zwischen Pentagon-Beamten und Abgeordneten ein. Erst als selbst republikanische Senatoren damit drohten, Personalentscheide der Regierung zu blockieren, lenkte er ein.
Bei Live-Erschiessung von Trump zurückgepfiffen
Und dann ist da Hegseths Hang zur Provokation. Kritiker und Journalisten kanzelt er öffentlich ab. Vorwürfe wegen des Drogenschiff-Angriffs beantwortete er zunächst mit einem Cartoon einer bewaffneten Schildkröte. Zuletzt forderte er auch noch, die Hinrichtung des Fort-Hood-Attentäters Nidal Hasan durch ein Erschiessungskommando live zu übertragen. Das ging dann selbst Trump zu weit.
Was Hegseth als Rückkehr einer kompromisslosen «warrior culture» verkauft, empfinden längst auch Republikaner als Belastung. Dazu kommt nun sein grösstes Problem: der Iran-Krieg, den er als einer seiner lautesten Verkäufer schönredete, dessen Ziele und Dauer er nach Ansicht von Parteifreunden falsch einschätzte und dessen Kritiker er wiederholt verhöhnte.
So hat sich Hegseth in zwei Jahren einen bemerkenswert grossen Kreis an Gegnern geschaffen: im Kongress, im Pentagon und inzwischen in der eigenen Partei. Das rächt sich jetzt.
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