Putins Grossangriff gegen Kiew: Mit der Dunkelheit kommt der Terror
Das Gellen der Sirenen reisst aus dem Schlaf wie eiskaltes Wasser. Adrenalin pumpt durch die Venen. Nur das Gehirn will noch nicht so recht fassen, dass jetzt jede Sekunde zählt. Die Socken müssen im Dunkeln ertastet werden, das Smartphone und die Bauchtasche mit den Papieren.
Licht brennt im Treppenhaus des Hotel Ukranjia am Maidan-Platz in Kiew. Die Gäste aus der Ukraine und anderen Ländern eilen die Stufen hinab in die Unterwelt tief unter dem Prachtbau aus der Sowjetzeit.

Der Bunker befindet sich vier Stockwerke unter dem ikonischen Hotel im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Das Personal hat Kissen und Decken in einem Regal gestapelt. Die Gäste können auf Stühlen sitzen und sich in der Kälte des Kellers warmhalten. Der dumpfe Schlag einer Explosion ist durch die Wände eher zu spüren als zu hören. Die Menschen vertiefen sich in ihre Smartphones und suchen nach Informationen. Viele unterhalten sich, manche wirken aufgekratzt.
Nach etwa 20 Minuten ist der Alarm vorbei. Es geht wieder ins bequeme Bett. Doch kaum nimmt der Körper eine entspannte Haltung ein, hallen die Sirenen erneut über den Maidan. Im Bunker wird gescherzt, so schnell sehe man sich wieder. Eine gute halbe Stunde später ist auch dieser Spuk vorbei. Aber die Nacht in Kiew hat erst begonnen.

Viermal müssen die Hotelgäste in dieser Nacht den Weg in den Bunker antreten. Der letzte Alarm kurz vor Morgengrauen fühlt sich schon nicht mehr real an. Die Gäste kauern zermürbt auf ihren Sitzen. Alle schweigen.
Ungewissheit als ständiger Begleiter
Müdigkeit klebt wie ein nass geschwitztes Hemd an jedem, der sich wie der Autor dieses Textes auch nur ein paar Tage in Kiew aufhält. Nicht in jeder Nacht fallen Drohnenschwärme über die Stadt her oder explodieren ballistische Raketen. Aber Ungewissheit und Angst sind in ruhigen Nächten beindruckende Wachhaltemittel. Und die Nächte ohne Angriffe werden immer seltener.
Russland hat in der Nacht zum Donnerstag einen grossangelegten Angriff mit Raketen und Drohnen auf die ukrainische Hauptstadt gestartet. Die schweren Attacken lösten laute Explosionen aus und erschütterten Kiew über Stunden. Dabei kamen nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko mindestens 13 Menschen ums Leben, und 86 wurden verletzt.
Der Angriff traf alle zehn Stadtbezirke auf beiden Seiten des Dnipro. Viele Einwohner suchten Schutz in U-Bahn-Stationen, nachdem der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski und weitere Behörden erste Warnungen herausgegeben hatten. Klitschko forderte die Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben, und sprach von einem andauernden «wütenden feindlichen Angriff» auf die Hauptstadt. (chm/dpa)
Seit dem 24. Mai brennt der Himmel in der Nacht über Kiew immer wieder und in immer kürzeren Abständen. Vier Menschen starben an jenem Tag, als Russland Hunderte Drohnen und Dutzende Raketen auf Kiew abfeuerte. Die Russen griffen in der Nacht des 1. auf den 2. Juni die Hauptstadt mit 650 Drohnen und 70 Raketen erneut an. Wieder starben Menschen. Ein weiterer Grossangriff folgte in der Nacht des 6. Juni. Kleinere Attacken mit Drohnen folgten fast jede Nacht.
Dann brannte in der Nacht des 15. Juni die Lavra, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Höhlenkloster in Kiew, nach einem Drohneneinschlag. Menschen starben in anderen Stadtteilen durch Raketen. Das Inferno wiederholte sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni. Wieder gab es Tote in Kiew. Die Stromversorgung brach in Teilen der Millionenstadt zusammen.

Die Angriffe in den Nächten erfolgen in Wellen und sie ziehen sich über Stunden hin. Die Bevölkerung der Drei-Millionen-Metropole schläft in Metro-Stationen tief unter der Erde auf hartem Beton. Sie harrt in Kellern aus. Viele haben keinen Notausgang und könnten zu tödlichen Fallen werden.
Die Luftabwehr bietet kaum noch Schutz
Die für Kiew seit Kriegsbeginn 2022 im Alltag etablierten Regeln für den Umgang mit der Gefahr aus der Luft gelten nicht mehr. Das Gefühl relativer Sicherheit im Stadtzentrum durch eine engmaschige Luftabwehr rund um Ministerien und wichtige Behörden hat sich in Rauch aufgelöst.
Russland überwältigt die ukrainische Luftabwehr durch die schiere Masse der auf Kiew abgefeuerten Geschosse. Amerikanische Patriot-Systeme gehen zur Neige. Die USA benötigten die Patriots in den vergangenen Monaten im Krieg gegen den Iran für ihre Stützpunkte im Nahen Osten.

Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland eskaliert. Die Ukraine gilt inzwischen als weltweit führend in der Drohnenherstellung. Und ukrainische Drohnen zerstören immer mehr Anlagen der Ölindustrie in Russland. Dem Feind soll eine wichtige Ressource zur Finanzierung des Krieges genommen werden. Selbst Moskau ist nicht mehr sicher.
Den Russen ist nichts mehr heilig
Im Zentrum von Kiew platziert eine Passantin ihr Handy auf dem Boden vor dem angegriffenen Höhlenkloster. Der ausgebrannte Dachstuhl der Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist hinter den dicken Klostermauern von der Strasse aus nicht zu sehen. Das Kloster wirkt immer noch wie eine Postkarten-Idylle.
Die junge Frau will ein Foto von sich vor dem Kloster machen. Sie erzählt, dass sie die Ukraine verlassen will. Sie habe einen Platz an einer Hochschule für Theaterwissenschaft in Berlin. Ihre eigene Wohnung sei nur ein paar Strassen von der Lavra entfernt, erzählt sie, und sie verarbeitet gerade einen Schock. «Ich bin extra in die Gegend gezogen, weil ich dachte, das ist der sicherste Ort in der ganzen Ukraine. Die Lavra ist den Russen doch heilig», sagt sie.
Manche vergleichen die Bedeutung des im 11. Jahrhundert in Kiew errichteten Höhlenklosters für Russisch-Orthodoxe mit der des Petersdom in Rom für Katholiken. Sie gilt als Ausgangspunkt für die Christianisierung Russlands und der Ukraine. Viele Heilige der Russisch-Orthodoxen Kirche lebten in dem Kloster. Und eine russische Drohne hat es nun in Teilen zerstört.
Der gefährlichste Ort der Hauptstadt
Die Rechtsanwältin Ella Nelha kann nur davon träumen, an einen anderen Ort zu ziehen. Sie lebt mit ihrem Partner in der vielleicht gefährlichsten Gegend von Kiew. Rund um die Metro-Station Lukjaniwska im Nordwesten der Innenstadt gab es bisher in jeder Bombennacht seit Mai schwere Schäden und oft Tote. Ihr Freund habe vor Jahren seine Ersparnisse in den Kauf einer Wohnung in der Nähe der Station investiert. Nun würde er sie nicht einmal für einen Spottpreis loswerden, sagt Nelha.

Ihr neues Lieblingscafé heisst Sita Rest Point und liegt nur wenige 100 Meter von dem in der Nacht des 24. Mai in einen Schutthaufen verwandelten Einkaufszentrum Kvatrat entfernt. Dort habe sie früher ihren Kaffee getrunken, erzählt Nelha. Aus der Ruine stinkt es nach Geschmolzenem, Verbranntem und Verdorbenem. Der Geruch zieht über einen Wochenmarkt. Im Sita Rest Point hat er sich verflüchtigt. Hier riecht es nach frischen Bohnen.
In der Nacht, in der das Kvatrat in sich zusammenstürzte, sassen Nelha und ihr Freund mit Hunderten unter dem Einkaufszentrum in einer Falle. Rauch und Staub zogen in den Untergrund und raubten den Atem. Eine Rakete nach der anderen schlug in dem Shopping-Center mit Supermarkt, Apotheken, Cafés und Fast-Food-Restaurants ein, als sollten alle Burger-Buden und Trödelläden vom Erdboden getilgt werden.

Nelha zählte sechs Explosionen. Teile der Dachverkleidung der U-Bahn-Station stürzte auf die Menschen, während der Qualm immer dichter wurde. Über Stunden versperrten die Flammen den Weg an die Oberfläche. Die Menschen konnten erst mit der ersten U-Bahn am frühen Morgen dem Qualm entkommen.
Der abendliche Zauber über Kiew
Bevor von Mitternacht an die Ausgangssperre gilt, legt sich abends ein Zauber über Kiew. Menschen, die todmüde seien müssen, sitzen schick gekleidet auf Terrassen, einen Spritz in der Hand. Jugendliche flitzen mit E-Scootern über den Maidan. Paare schlecken ein Eis. Es ist zum Augenreiben.
Ein Strassenmusikant singt an einem der lauen Juniabende vor dem Gebäude des Kiewer Stadtrats am Chreschtschatyk-Boulevard ukrainischen Rock. Eine junge Frau mit selbst gedrehter Zigarette in der Hand umarmt den Mann, der neben ihr steht. Die beiden fangen an, zu tanzen. Noch hat die Nacht nicht begonnen.
Copyright © 2026 by Vaduzer Medienhaus
Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung.







