Le Pen will Frankreich befrieden – doch schon zum Auftakt gibt es Ärger
Marine Le Pen hatte sich den Auftakt zu ihrer Wahlkampagne wohl etwas anders vorgestellt - ruhiger, staatstragender, strahlender. Der zweitägige Parteitag des Rassemblement National (RN) ernannte sie zwar konkurrenzlos zur Kandidatin der französischen Rechtspopulisten. Doch im Saal störten Linksaktivisten den Ablauf. Das Kongressgebäude in Orléans war umstellt von Elitepolizisten, die Ultras und Antifas auf Distanz zu halten versuchten. Die Stadt an der Loire wirkte so leer wie im Ausnahmezustand, nachdem am Vortag schon rund 20'000 Gegner gegen den RN-Kongress protestiert hatten.
Le Pen versprach, in Frankreich wieder Ordnung und Autorität herzustellen. Auf die jüngsten Schülerproteste und Krawalle ging sie kaum ein, abgesehen von der Bemerkung, wer öffentliches Gut zerstöre, müsse dafür haften - «wenn nötig, sein ganzes Leben lang». Ganz in Weiss gekleidet, gab sich die Kandidatin als «Beschützerin der Nation».
Als Antwort auf die «Verwilderung» der Gesellschaft propagierte die 58-jährige Rechtsnationale die «Schönheit und Kultur» ihres Landes, dazu gute Manieren und Masshalten. Ihren ganzen Auftritt stellte sie unter das unverfängliche Motto der «Renaissance». Gerade Orléans - wo die Nationalheldin Jeanne d’Arc 1429 die Briten aus der Stadt geworfen hatte - verkörpere die Wiedergeburt Frankreichs, befand Le Pen.
Am Morgen war rechtzeitig eine neue Meinungsumfrage erschienen, laut der Le Pen im April 2027 mühelos in den zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen gelangen dürfte; dort wiederum würde sie gegen ihre beiden Hauptwidersacher Jean-Luc Mélenchon von der Linken-Partei und Ex-Premier Edouard Philippe aus dem Macron’schen Mittelager klarer denn je gewinnen. Die Krawalle dürften viele Wähler eher noch davon überzeugt haben, dass Frankreich mit harter Hand geführt werden müsste – und dafür steht seit jeher der Name Le Pen.
Erneut Hunderttausende auf den Strassen
Alles gut für die frischgebackene Kandidatin? Vielleicht nicht ganz alles. Die Bilder der gewalttätigen Anti-Le Pen-Proteste legen die Vermutung nahe, dass die kommenden sechs Wahlkampfmonate wie auch die fünf Amtsjahre danach zu einem Dauerclash zwischen Le Pen und ihren Gegnern werden. Das könnte die gemässigte Wählerschaft auf die Dauer vor den Kopf stossen.
Am Samstag waren im ganzen Land je nach Polizei und Organisatoren zwischen 410'000 und 800'000 Demonstrierende teilweise bei strömendem Regen auf die Strasse gegangen. Sie forderten mehr Mittel für die Schulen und Universitäten, aber auch höhere Mindestlöhne und Saläre.
Gegen Ende der Demonstrationen kam es in einzelnen Grossstädten erneut zu Zusammenstössen mit der Polizei. Im Unterschied zum verheerenden Vorwochenende waren siebenmal mehr Ordnungshüter – deren 70'000 – im Einsatz. Trotz 1300 Festnahmen und der Plünderung eines Schmuckladens und eines Supermarktes bezeichnete der sichtlich erleichterte Innenminister Laurent Nuñez den Tagesablauf als «insgesamt ruhig».
Auch wenn die Krawallgewalt zurückgegangen ist: Die Beteiligung an den Demos bleibt sehr stark. Am kommenden Samstag werden die Gymnasiasten und die Gelbwesten zum Ende der Herbstferien erneut auf die Strasse gehen; für den Donnerstag danach planen die Gewerkschaften einen Generalstreik gegen «la vie chère», das teure Leben. Die Staatsführung bleibt damit unter massivem Druck; anzubieten hat sie angesichts der leeren Staatskasse aber kaum etwas.
Bürgermarsch für getöteten Kampfsportler
Abseits von der grossen Aktualität fand am Sonntag in der Pariser Immigrantenvorstadt Trappes ein Bürgermarsch für den verstorbenen Kampfsportler Pengo Bossio Wangi statt. Ein 39-jähriger Kleinkrimineller hatte ihn am Freitag auf offener Strasse willkürlich erschossen sowie drei weitere Einwohner schwer verletzt – darunter mit acht Schüssen ein 12-jähriges Mädchen.
Der kurz darauf festgenommene Schütze gab der Polizei zu Protokoll, die Plünderungen in Paris und Marseille hätten ihn zu seiner Attacke auf «Schwarze und Araber» (so seine Wortwahl) bewogen. In seiner Wohnung fand die Polizei ein Exemplar des Hitlerbuches «Mein Kampf». Der Drogenkonsument kam in Psychiatriehaft.
Präsident Emmanuel Macron sprach von einem «terroristischen rassistischen Attentat». Trappes ist in Frankreich bekannt dafür, immer wieder Fussballstars - wie einst Thierry Henry - hervorzubringen. Le Pen-Vize Jordan Bardella hatte den Pariser Banlieue-Ort einmal wegen der angeblich vielen Islamisten mit dem afghanischen Kabul verglichen. Am Sonntag erklärte er dagegen, Wangis Mörder gehöre in lebenslängliche Haft.
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