Island ist reich und unabhängig – darum will das Land trotzdem in die Krisen-EU
Island – das sind grüne Wiesen, Pferde, Geysire und Vulkane. Island, das ist Björk, deren Musik die Menschen verzaubert wie ein Polarlicht über dem Eyjafjallajökull. Wer das Land bereist, verfällt leicht seiner einzigartigen Poesie. Und er stellt fest: Die Lebensqualität auf der Insel mit knapp 400'000 Einwohnern ist ausserordentlich hoch.
Doch selbst die Abgeschiedenheit im Nordatlantik schützt Island nicht vor der Geopolitik. Diesen Samstag steht eine grosse Weichenstellung an: Soll das Land die vor über einem Jahrzehnt abgebrochenen EU-Beitrittsverhandlungen wieder aufnehmen – oder seinen Weg weiter allein und ausserhalb der Union fortsetzen?

«Trumps Grönland-Argumente treffen genauso auf Island zu»
Eiríkur Bergmann, Politikwissenschaftler an der Universität Bifröst, ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Alle wollen von ihm wissen: Weshalb erwägt ausgerechnet ein Land, dem es so gut geht, der dauerkriselnden EU beizutreten?
Die erste Antwort liegt auf der Hand: Donald Trump. Dessen Drohungen gegen Grönland haben die Isländer aufgeschreckt. Stellvertretend für ihre Landsleute erklärte Björk im Januar nach Trumps Verbalattacke ihre uneingeschränkte Solidarität mit dem Nachbarland. Was die Sängerin hingegen zum EU-Referendum denkt, ist nicht bekannt.
Für den Forscher Bergmann aber ist klar: «Alle Argumente, mit denen der US-Präsident den Erwerb Grönlands begründet, treffen genauso auf Island zu», sagt Bergmann bei einer Veranstaltung der dänischen Denkfabrik «Think Tank Europa».
Gemeint sind Islands strategische Lage, die Erschliessung neuer arktischer Handelsrouten und die Schutzlosigkeit ohne eigene Armee. Wie Grönland könnte auch Island bald auf Trumps Einkaufszettel landen, fürchten viele. Und wie in Grönland fragt man sich, was das Sicherheitsabkommen mit Washington von 1951 unter Trump noch wert ist – und ob Island in Europa nicht besser aufgehoben wäre.

Was ist wichtiger: Identität oder Inflation?
Doch Trump allein ist nicht der Hauptgrund der wieder aufgeflammten EU‑Debatte. In Wahrheit wurde die Abstimmung schon lange vor seiner Rückkehr ins Weisse Haus beschlossen. «Entscheidend ist die Innenpolitik», sagt Bergmann.
Im Kern gehe es um die alte Frage, wo Island seinen Platz in der Welt sehe. Etwas, das Island nicht erst seit seiner hart erkämpften Unabhängigkeit von der dänischen Krone 1944 umtreibe. Es gehe um Identität und die Angst, Kontrolle abzugeben – Schlagworte, die gerade in Schweizer Ohren sehr vertraut klingen.
2009 kippte die Stimmung schon einmal in Richtung EU. Konkreter Anlass war ein Wirtschaftskollaps: Die globale Finanzkrise liess das isländische Bankensystem zusammenbrechen. Als Reaktion darauf stellte Reykjavik den Antrag auf einen EU‑Beitritt. Die Gespräche kamen weit voran, wurden von der neuen EU-skeptischen Regierung dann aber 2014 gestoppt.
Und auch heute stehen erneut akute Wirtschaftssorgen im Vordergrund. Die Inflation ist seit Jahren zu hoch. Im Juli lag sie bei 5,3 Prozent. Die ohnehin schon hohen Lebensmittelpreise steigen ungebremst. Der Leitzins beträgt satte acht Prozent. Ein Hauptproblem ist die isländische Krone, die anfällig für starke Schwankungen ist. Für viele wirkt deshalb der Beitritt zur Eurozone verlockend.

Kontrolle über die eigenen Gewässer ist unverhandelbar
Dabei steckt Island längst mit einem Bein in der EU. Über den Europäischen Wirtschaftsraum gehört es zum Binnenmarkt und übernimmt viele EU‑Regeln. Dies, ohne in Brüssel mitentscheiden zu können. Ein Beitritt wäre daher ein Souveränitätszuwachs. Und auch für die EU wäre Island ein Gewinn. «Die EU ist nach dem Brexit auf der Suche nach einer Erfolgsgeschichte», sagt Bergmann. Der Beitritt eines reichen, demokratischen Landes wäre ein starkes Symbol. Immerhin sei seit mehr als 30 Jahren kein Nettozahler mehr dem Club beigetreten.
Doch zuallererst müsste ein grosses Problem gelöst werden: die Fischerei. Sie ist Wirtschaftsfaktor und nationales Symbol zugleich. Rund 40 Prozent der Exporte entfallen auf Meeresprodukte. Die Kontrolle über die eigenen Gewässer ist für die Isländerinnen und Isländer parteiübergreifend unverhandelbar.
Die Einbindung in die gemeinsame EU-Fischereipolitik wäre deshalb nur denkbar, wenn Island eine Spezialbehandlung erhielte. Wenn die EU Island wirklich als Mitglied wolle, müsse sie hier «von Anfang an eine Lösung anbieten», sagt Bergmann. Ohne Einigung mache es keinen Sinn, die Gespräche überhaupt zu starten.

Offenes Kopf-an-Kopf-Rennen
Doch für die Gegner eines EU-Beitritts würde wohl auch die beste Fischerei-Lösung wenig ändern. Denn hinter allen Sachfragen stehe ja das alte Dilemma, was für ein Land Island überhaupt sein wolle, so Bergmann.
Entsprechend aufgeheizt ist der Abstimmungskampf: In sozialen Medien behaupten Brüssel-Gegner, EU-Fangflotten stünden schon in den Startlöchern, um den Isländern ihren Fisch zu stehlen. Oder Islands Männer würden eingezogen, um in einer EU-Armee in den Krieg zu ziehen. Bergmann spricht von Desinformation, die Menschen «verwirren» und «ängstigen» solle. Aber auch die Befürworter neigten zur Übertreibung.
Wie der Urnengang ausgeht, ist offen. Die letzten Umfragen zeigen zwei praktisch gleich grosse Lager, mit höchstens einem hauchdünnen Vorsprung der Befürworter. Aber selbst ein Ja wäre nur der Anfang: Nach Abschluss der Gespräche müsste über das Resultat, sprich den eigentlichen Beitritt, nochmals abgestimmt werden.
Ein Nein am Samstag dagegen könnte die EU-Frage für Jahre begraben. Aus einem europäischen «Vielleicht-Land» würde ein «Nein-Land», so Bergmann. Und in einer Welt, in der Grossmächte ihre Einflusssphären neu abstecken, würden das mit Sicherheit nicht nur die Europäer registrieren.

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