Er schimpfte auf «Taugenichtse» und quälte Markus Söder – mit Hubert Aiwangers frühem Tod endet eine ungewöhnliche Karriere
Hubert Aiwanger war ein Aussenseiter im deutschen Politikbetrieb: weil er aus Bayern stammte, vielleicht dem einzigen deutschen Bundesland mit so etwas wie einem eigenen Nationalgefühl. Aber auch, weil er es so wollte: Dass er den «gesunden Menschenverstand» gegen die «Grosskopferten» in Berlin, aber auch in München verteidige, das war das Bild, das er selbst kultivierte und das seine Anhänger längst nicht nur im Bierzelt überzeugte.
Falls der Eintritt seiner Freien Wähler in die deutsche Bundespolitik, über den nun seit Jahren spekuliert wird, tatsächlich gelingen sollte, wird Aiwanger ihn nicht mehr erleben: Am Mittwoch eröffnete die Partei ein Hauptstadtbüro in Berlin. Der Chef wollte kommen, doch dann liess er sich entschuldigen. Er fühle sich unwohl, hiess es von Parteikollegen. Wenige Stunden später wurde Hubert Aiwanger tot in einem Berliner Hotelzimmer aufgefunden. Er wurde 55 Jahre alt.
Seine Partei war Fleisch vom Fleische der CSU
Eine ungewöhnliche politische Laufbahn geht damit jäh zu Ende: Als sich Bayerns Freie Wähler, damals eine Ansammlung lokaler politischer Initiativen, 2006 zu einer eigentlichen Partei zusammenschlossen, wählten sie den Landwirt und studierten Agraringenieur eher überraschend zu ihrem Vorsitzenden. Zwei Jahre später gelang erstmals der Einzug in den bayrischen Landtag. 2018 musste die einstmals allmächtige CSU die Freien Wähler in die Staatsregierung aufnehmen; Aiwanger wurde Wirtschaftsminister.
Für Markus Söder, den christsozialen Ministerpräsidenten, war Aiwangers Aufstieg Segen und Fluch: Die Freien Wähler bewahrten Söder davor, eine Koalition mit den Sozialdemokraten oder den Grünen eingehen zu müssen, die seine Popularität kaum befördert hätte. Gleichzeitig waren die Freien Wähler Fleisch vom Fleische der CSU; sie führten den Christsozialen vor Augen, dass ihnen nicht mehr gelang, was ihnen jahrzehntelang gelungen war: zum Establishment zu gehören und gleichzeitig die Rebellen gegen «die in Bonn» und später in Berlin zu geben.
Aiwanger gelang dieser Spagat noch: Auch als bayrischer Staatsminister wetterte er gegen «Grossstadtsofasitzer mit zwei linken Händen» und «Taugenichtse», die von Sozialhilfe lebten. Als ein Bauer in Oberbayern wegen Kuhfladen auf der Strasse Strafe zahlen musste, beglich der Minister das Bussgeld aus seinem Portemonnaie. Ein Bierzelt, so hielt Aiwanger seinen Kritikern entgegen, sei nun einmal «keine höhere Mädchenschule».
Wurde er «Hubsi» genannt, schwang auch Herablassung mit
Dass er nicht zuletzt für Journalisten zur Spottfigur wurde, schien ihn nicht zu stören. Sein prononciert niederbayrischer Dialekt fiel nicht nur in Berlin, sondern auch in München aus dem Rahmen, und wenn Aiwanger «Hubsi» genannt wurde, schwang meist auch Herablassung mit. Auch Söder liess gerne durchschimmern, dass er seinen Stellvertreter nicht ganz ernst nahm, etwa als dieser gegen die Corona-Massnahmen aufbegehrte.

Im August 2023, Bayern befand sich gerade im Wahlkampf, witterten Aiwangers Gegner Morgenluft. Als Gymnasiast, so berichtete die «Süddeutsche Zeitung», habe er ein Flugblatt verfasst. Bei dem Pamphlet, das 1987 in Aiwangers Schultasche gefunden worden war, handelte es sich um eine zynische Persiflage auf eine Aufforderung des Bundespräsidenten, historische Arbeiten im Rahmen eines Schülerwettbewerbs einzureichen; verhöhnt wurden darin die Opfer des Holocaust.
Ob Aiwanger selbst oder sein älterer Bruder das Schriftstück verfasst hatte, wurde nie geklärt. Den Skandal überstand der Politiker: Zum einen, weil Söder wusste, was er an ihm als Mehrheitsbeschaffer hatte, aber auch, weil sich die Ansicht durchsetzte, dass etwas, was einer als 17-Jähriger getan haben könnte, nicht über sein restliches Leben entscheiden dürfe. Bei der Landtagswahl erzielten die Freien Wähler mit fast 15 Prozent ein Rekordergebnis.
Ist hier der Letzte seiner Art gestorben?
Aiwanger war zweifellos ein Populist, doch einen Extremisten oder Ideologen konnte man ihn nicht nennen. Wenn sie den Interessen seiner bäuerlichen Klientel entsprachen, vertrat er auch Positionen, die denen der Grünen ähnelten; so befürwortete er etwa einen Ausbau der Windkraft. Am Ende scheinen selbst seine Kritiker begriffen zu haben, dass seine Freien Wähler zumindest in Bayern eher ein Damm gegen den wachsenden Rechtsradikalismus waren: Aiwanger sei «ein Demokrat» gewesen, gab sich die «Süddeutsche Zeitung» in ihrem Nachruf grosszügig.
Andere beschrieben ihn als Letzten seiner Art: den Typus des urwüchsigen bayrischen Politikers, wie er früher die CSU geprägt habe und der nun, mit Aiwangers Tod, endgültig ausgestorben sei. Doch ob der Niederbayer Wiedergänger finden wird und auch, welche Zukunft die Freien Wähler ohne ihn haben, lässt sich derzeit noch nicht sagen.
Auch Hubert Aiwangers Todesursache ist noch unklar. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin, die Regensburger Landrätin Tanja Schweiger, und zwei gemeinsame Söhne.
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