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«Frankreich hat die Kraft, sich zusammenzuraufen»: Was trotz der Gewalt Hoffnung macht

Die jüngsten Ausschreitungen haben eine neue Qualität, sagt Historikerin Hélène Miard-Delacroix. Die radikale Linke trage zur Eskalation bei. Sie glaubt jedoch an die Selbstheilungskräfte der Franzosen.
von Fabian Hock
Eine grosse französische Flagge weht über Demonstranten am Pariser Place de la République. (Bild: AP)
Bei einer Demonstration in Bordeaux brennen am 24. Oktober Gegenstände auf einer Barrikade. (Bild: Guillaume Pinon)
Demonstrant in Bordeaux: «Überwachte Freiheit, mit Füssen getretene Gleichheit, unterdrückte Brüderlichkeit». (Bild: Guillaume Pinon)

Aus der Schweiz blicken wir fassungslos auf die Gewalt in unserem Nachbarland. Am Wochenende drohen neue Ausschreitungen. Was ist aus Frankreich geworden?

Hélène Miard-Delacroix: Bei den jüngsten Ereignissen sind zwei Entwicklungen zusammengetroffen. Einerseits hat die Polizei das Ausmass der Mobilisierung völlig unterschätzt. Bei den Krawallen am 17. Oktober waren viel zu wenige Einsatzkräfte vor Ort, wie inzwischen auch die französische Regierung eingeräumt hat. Andererseits haben sich ganz unterschiedliche Gruppen an den Protesten beteiligt.

Welche Gruppen waren das?

Zunächst einmal sehr viele Menschen, die friedlich demonstrierten: Schüler, die gegen Missstände im Bildungssystem protestieren, Menschen, die unter den hohen Lebenshaltungskosten leiden, oder auch Anhänger der Gelbwestenbewegung. Dazu kamen Gruppen der radikalen Linken, darunter sogenannte Black Blocs. Einige von ihnen verfolgen politische Ziele, andere suchen vor allem die Konfrontation mit der Polizei. Und schliesslich gab es junge Männer, viele aus den Banlieues, die das Chaos nutzten, um Geschäfte zu plündern.

Was hat Sie an diesen Bildern besonders erschüttert?

Die absolute Missachtung gesellschaftlicher Normen. Da wurden vor laufenden Kameras Geschäfte geplündert, die anderen Menschen gehören. Junge Männer bedienten sich völlig hemmungslos und lachten dabei. Das war ein Schock für Frankreich. Viele Menschen fragten sich: Was ist das für eine Jugend, die keinerlei Hemmungen mehr kennt?

Bei einer Demonstration in Bordeaux brennen am 24. Oktober Gegenstände auf einer Barrikade. (Bild: Guillaume Pinon)

Wir haben aber nicht nur Plünderungen gesehen. Auch Rathäuser brannten, Polizisten wurden gezielt angegriffen. Woher kommt dieser Hass auf den französischen Staat?

In Frankreich verkörpert eine einzige Person den Staat: der Präsident. Emmanuel Macron wird für alles verantwortlich gemacht. Dabei ist das natürlich Unsinn. Frankreich ist ein funktionierender Staat, in dem der Präsident keineswegs für alles zuständig ist.

Aber weshalb richtet sich die Wut dann gegen Rathäuser?

Weil sie als Symbole dieser vermeintlichen Allmacht des Staates wahrgenommen werden. Dabei ist ein Rathaus gerade kein verlängerter Arm des Präsidenten. Es ist der Ort, an dem die gewählten Vertreter einer Gemeinde für ihre Bürger arbeiten. Doch in Frankreich herrscht die Vorstellung, dass zwischen dem einzelnen Bürger und dem Präsidenten ein unmittelbares Verhältnis besteht. Die Franzosen behandeln ihren Präsidenten wie einen allmächtigen Herrscher, der für alles verantwortlich ist. Wenn die Menschen unzufrieden sind, richtet sich ihre Wut deshalb gegen ihn und gegen alles, was sie mit dem Staat verbinden.

Demonstrant in Bordeaux: «Überwachte Freiheit, mit Füssen getretene Gleichheit, unterdrückte Brüderlichkeit». (Bild: Guillaume Pinon)

Warum können friedliche Proteste inzwischen so schnell in exzessive Gewalt umschlagen?

Eine entscheidende Rolle spielen die sozialen Medien. Sie ermöglichen nicht nur, dass sich Menschen innerhalb kürzester Zeit verabreden. Über diese Kanäle verbreiten sich auch extrem gewalttätige Botschaften, häufig weitgehend unbemerkt von den Behörden. Das verstärkt sich gegenseitig. Hinzu kommt möglicherweise, dass ein Teil der Jugend heute eine besonders hohe Gewaltbereitschaft zeigt. Manche Psychologen führen das auf die ständige Konfrontation mit Gewalt in den Medien zurück. Entscheidend ist aber auch, dass die Polizei die Geschwindigkeit und das Ausmass dieser Mobilisierung offensichtlich unterschätzt hat.

Jean-Luc Mélenchon und seine radikale Linke geben sich als Stimme des Protests. Tragen sie mit ihrer Rhetorik auch dazu bei, dass die Gewalt eskaliert?

Die radikale Linke bestreitet es und sagt, es sei eine Verleumdungsaktion von allen anderen politischen Kräften. Aber es besteht kein Zweifel – und das ist den Stellungnahmen vieler radikalisierter Protestler zu entnehmen –, dass diese Rhetorik die romantische Vorstellung einer heldenhaften Revolution mobilisiert. Sie legitimiert die Gewalt durch die vermeintliche «Gewalt des Systems» und feuert damit viele junge Leute zur Grenzüberschreitung an.

Welche Rolle spielen Migration und gescheiterte Integration?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Eine Erklärung verweist auf die Erziehung in bestimmten Familien, eine andere auf die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen. Unter den Jugendlichen, die sich an solchen Ausschreitungen beteiligen, sind überproportional viele Schulabbrecher ohne Ausbildung. Sie haben auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen. Dazu kommt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Andere verweisen auf kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalt. Aber ich wäre vorsichtig, eine einzige Erklärung herauszugreifen.

Was überzeugt Sie persönlich als Erklärung?

Ich glaube, dass mehrere Faktoren zusammenwirken. Wenn in einer Familie wenig Wert auf gesellschaftliche Normen gelegt wird und ein junger Mensch auch in der Schule scheitert, entsteht schnell das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Dazu kommt die Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Wir müssen aber auch anerkennen, dass Menschen mit Migrationshintergrund dort benachteiligt werden. Untersuchungen zeigen, dass schon der Name oder das Aussehen eines Bewerbers einen Unterschied machen können. Das lässt sich nicht leugnen. Integration funktioniert in beide Richtungen: Sie verlangt Anstrengungen von den Zugewanderten, aber auch von der Gesellschaft, die ihnen Chancen bieten muss. Das rechtfertigt selbstverständlich keine Gewalt.

Am kommenden Wochenende sind auch in Deutschland grosse Jugendproteste angekündigt. Springt der Funke aus Frankreich über?

Ja und nein. Die Anliegen der Schülerinnen und Schüler ähneln sich in beiden Ländern. Die jungen Menschen sind über soziale Medien miteinander vernetzt und organisieren sich zunehmend europaweit. Das französische Beispiel kann deshalb durchaus mobilisieren. Andererseits hat die deutsche Polizei die Ereignisse in Frankreich sehr genau beobachtet und wird daraus ihre Lehren ziehen. Ausserdem ist die deutsche Protestkultur etwas kontrollierter. Die Bereitschaft, unmittelbar auf die Barrikaden zu steigen, ist dort weniger ausgeprägt.

Zwischen Frankreich und der Westschweiz gibt es enge Verbindungen. Könnte die Protestwelle die Schweiz erreichen?

Das ist möglich. Wir unterschätzen die grenzüberschreitenden Netzwerke junger Menschen. Sie sind es gewohnt, ohne Grenzen zu leben, und kommunizieren vor allem digital. Daraus ergibt sich ein interessantes Spannungsfeld: Die Protestbewegungen organisieren sich international, während die Polizei weiterhin national, regional oder lokal zuständig ist.

In wenigen Monaten wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Profitiert Marine Le Pen von den Ausschreitungen?

Kurzfristig ja. Die Umfragen haben gezeigt, dass der Eindruck des Staatsversagens am 17. Oktober Marine Le Pen genutzt hat. Eine Woche später war die Polizei allerdings wesentlich besser vorbereitet und hat die Lage unter Kontrolle gebracht. Deshalb wäre ich vorsichtig mit der Annahme, dass Le Pen langfristig davon profitiert. Bis zur Präsidentschaftswahl kann noch sehr viel passieren.

Le Pen präsentiert sich als Garantin von Recht und Ordnung. Ist das nicht genau das, wonach sich viele Franzosen jetzt sehnen?

Natürlich. Und man kann ihr zutrauen, dass sie mit aller Härte durchgreifen würde. Sie hat sogar vorgeschlagen, die Armee einzusetzen. Doch damit überzeugt sie vor allem jene, die ohnehin hinter ihr stehen. Ihr eigentliches Problem ist, über ihre bisherigen 30 bis 35 Prozent Wähleranteil hinauszukommen und bei einer Stichwahl eine Mehrheit zu gewinnen. Ob ihr das mit dem Versprechen von mehr Ordnung gelingt, ist keineswegs sicher.

Frankreich ist ein tief gespaltenes Land. Wenn wir in fünf oder zehn Jahren auf die heutigen Ereignisse zurückblicken: Wird die Gesellschaft noch weiter auseinanderdriften?

Das lässt sich schwer vorhersagen. Wenn man pessimistisch ist, könnte man sagen, dass sich die Entwicklung weiter verschärft. Dass Frankreich ähnliche Verhältnisse erlebt wie die USA, wo sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zunehmend feindselig gegenüberstehen. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit: dass sich die Franzosen angesichts dieser Gefahr wieder auf das besinnen, was sie als Nation verbindet, und eine neue nationale Einigung suchen.

Glauben Sie, dass Frankreich noch genügend Kräfte besitzt, um diese Spaltung zu überwinden?

Ja, Frankreich hat noch die Kraft, sich zusammenzuraufen. Denken Sie an die islamistischen Anschläge auf «Charlie Hebdo» und jüdische Einrichtungen im Jahr 2015. Damals gingen fast vier Millionen Menschen auf die Strasse, darunter viele, die sonst niemals demonstrieren. Sie wollten gemeinsam die Werte ihrer Republik verteidigen und zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

Diese Fähigkeit zur nationalen Einigung ist also noch vorhanden?

Ja, dieses Potenzial gibt es. Frankreich hat damals gezeigt, dass sich die Menschen über ihre Unterschiede hinweg gemeinsam für die Republik einstehen. Das gibt mir Hoffnung.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/gewalt-in-frankreich-diese-rhetorik-feuert-junge-zur-grenzueberschreitung-an-art-770650

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