Aktionstag in ganz Frankreich: Mittelschüler erhalten Unterstützung durch Massendemos
Die Schülerproteste der letzten Tage kommen langsam in politische Bahnen. Am Dienstag demonstrierten in 30 französischen Städten zwischen 256'000 und 450'000 vorwiegend junge Menschen – die Zahlen der Regierung und der Organisatoren klaffen weit auseinander.
Die Organisatoren sprachen von einem «dritten Akt». Das war eine Anspielung auf die Aktionstage der Gelbwesten im Jahr 2019 – und damit ein Zeichen, dass die Bewegung der Gymnasiasten zu einem sozialpolitischen Konflikt mit konkreten Forderungen mutiert.
In Paris, aber auch anderen Städten wie Toulouse, Rennes oder Strassburg kam es am Rande der Demonstrationen zu Strassenschlachten. Premierminister Sébastien Lecornu sprach von «Hypergewalt» durch «Individuen, die sich unter die Demonstranten mischen». In Paris behinderten sie den Umzug mit brennenden Barrikaden und Plünderungen.
Unabhängig davon lud die Polizeiaufsicht IGPN am Dienstag mehrere Polizisten vor, denen Gewaltakte – in einem Fall ein sexueller Übergriff – vorgeworfen werden. Zugleich wurden Gewalttäter den Behörden vorgeführt, so ein 16-Jähriger, der einen Lehrer mit Benzin übergossen hatte. Ein Jugendlicher verlor eine Hand, als er eine Schallgranate aufheben wollte.
Von den 3700 Gymnasien waren am Dienstag 891 gesperrt oder gestört – mehr als bisher. Die Lehrergewerkschaft Snes-FSU stellte sich hinter die Forderungen der Mittelschüler nach mehr Lehrern, kleineren Klassen und der Sanierung baufälliger Lyzeen. Snes-Sekretärin Sophie Vénétitay verlangte eine Erhöhung des Bildungsetats. Diese Forderung ist besonders delikat, weil die Regierung in Kürze ein Sparbudget verabschieden will.
Erste Konzession der Regierung
Bildungsminister Edouard Geffray nahm bereits eine Einschreibgebühr für Studenten zurück. Diese erste, geringfügige Konzession an die Gymnasiasten dürfte aber nicht genügen. Der grösste Elternverband FCPE erklärte sich solidarisch mit den Gymnasiasten. Gleichzeitig distanzierte sich ihre Vertreterin Nageate Belahcen von jeder Gewaltanwendung. An der Pariser Demo tragen Frauen Kartonschilder mit der Inschrift: «Solidarische und wütende Mütter.»
Die Soziologin Fabienne Messica erklärte am Dienstag, die Mittelschüler seien keine Revoluzzer, sondern «sehr seriös». Sie wollten ganz einfach intakte Chancen für den Übertritt ins Berufsleben haben. Und das ohne Diskriminierung: Mittelschüler der betuchten Pariser Gymnasien verlangten einen egalitären Zugang aller zu den Universitäten und Eliteschulen.
Nach dem Aktionstag planen die Organisatoren weitere Proteste. Der Druck auf die Regierung dürfte anhalten. Da die französischen Anleihezinsen an den Finanzmärkten in den letzten Tagen stark gestiegen sind, hat die Regierung allerdings keinerlei Spielraum für finanzielle Konzessionen an die Mittelschüler. Dafür setzte sie den Unterricht an den Mittelschulen von Mittwoch bis Freitag aus, um Diskussionen und damit die «interne Demokratie» zu fördern, wie es hieß. Präsident Emmanuel Macron beraumte für Montagabend eine Krisensitzung im Elysée-Palast an.
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