«Dann begreifst du: Wir stürzen ab» – eine Passagierin redet offen über ihre Todesangst
Die 35-jährige Innenarchitektin Daniel Almalich war an Bord der Flydubai-Maschine auf dem Weg von Dubai nach Tel Aviv, als diese nach einem Angriff auf den Kapitän in einen dramatischen Sinkflug geriet. Im Interview schildert die Mutter dreier Kinder ihre Todesängste – und welche Abschiedsnachrichten sie ihrer Familie schrieb.
Wann begriffen Sie, dass Sie in Lebensgefahr sind?
Daniel Almalich: Einen Augenblick lang dachte ich an ein Luftloch. Doch dann kam dieser Schlag, das Flugzeug zitterte und begann zu fallen. Es fiel und fiel, ohne Ende. Dann begreifst du: Wir stürzen ab. Dein Herz rast. Du kannst nicht mehr sprechen. Die Angst lähmt dich.
Was geschah um Sie herum?
Menschen schrien, weinten und beteten. Familien umarmten ihre Kinder. Ich schaute in die Gesichter der Mitreisenden und dachte: Das war es. Mein Leben ist zu Ende. Alle verstanden, dass das Flugzeug abstürzt.
Was macht man in solch einem Augenblick?
Ich schaute auf meine Tasche und fragte mich: Was habe ich darin? Es war wie eine letzte Bestandsaufnahme. Dann begriff ich: Ich kann nichts retten. Du sitzt da, bist eingesperrt und kannst nichts tun. Andere rannten zum Cockpit. Hut ab vor ihnen. Sie haben uns das Leben gerettet.
Dazu gehört auch Ihr Begleiter Shoa Musayev, der half, den Kapitän zu retten.
Ja, er ist eigentlich Zahnarzt. Aber weil dringend ein Arzt gesucht wurde, stürzte er nach vorne. Als er zurückkam, erzählte er von Schnittverletzungen am Arm, am Hals und am Kopf des Kapitäns. Das Cockpit konnte ich von Reihe zwölf aus aber nicht sehen. Zuerst hatten wir gedacht, die Piloten hätten sich vielleicht gestritten. Nun versuchten wir zu begreifen, was geschehen war.
Das Video der Passagierin:
Warum waren Sie in Dubai?
Meine gute Freundin Sigalit, Shoas’ Frau, hatte mich gebeten, mit ihnen eine Woche nach China zu reisen, um die Einrichtung für ihr neues Haus auszuwählen. Ich bin Innenarchitektin. Dubai war nur die Zwischenstation auf dem Heimflug. Und ich dachte: Wegen dieser Keramik aus China soll ich nun mein Leben verlieren?
Da klingt schwarzer Humor durch. Was aber gab Ihnen in Ihrer Todesangst Halt?
Sigalit sass neben mir. Ich sagte ihr immer wieder: «Sigi, bete.» Sie betete, und ich sagte: «Amen, Amen, Amen.» Dann bat ich: «Sigi, ein letztes Gebet.» Sie antwortete: «Daniel, das ist nicht das letzte. Wir werden landen.» Ich widersprach, aber sie blieb dabei: «Nein, Daniel. Wir werden landen.»
Woher nahm sie diese Zuversicht?
Sie ist religiös. Sie sagte: «Beruhige dich, meine Liebe. Gott ist mit uns. Ich bete, er hört mich.» Sie machte vielen Menschen Mut. Sigalit ist meine Heldin. Für mich war es, als hielten ihre Gebete das Flugzeug in der Luft. Heute ist mir klar: Jemand dort oben hat uns beschützt. Ohne ein Wunder hätten wir das unmöglich überlebt.
Wie lange mussten Sie um Ihr Leben bangen?
Bis zur Landung: fünfzig, fünfundfünfzig Minuten, fast eine Stunde. Das Flugzeug sackte immer wieder ab. Jeder Sturz löste neue Angst aus. Ich dachte jedes Mal: Wenn wir jetzt nicht abstürzen, dann in der nächsten Minute.
Hatten Sie den Verdacht, dass es sich um einen Terroranschlag handle?
Gegen Ende des Fluges sagten viele: «Das ist wie der 11. September.» Zuerst hatten wir an einen Streit unter den Piloten gedacht. Als wir aber vom Messerangriff hörten, waren wir überzeugt, dass es ein Terroranschlag ist. Die Maschine sollte auf ein Gebäude in Tel Aviv zusteuern, spekulierten wir. Israelische Passagiere bewachten deshalb die Flugbegleiter, weil sie befürchteten, sie könnten mit dem Angreifer zusammenarbeiten.
Können Sie die Stimmung an Bord in diesen Minuten der Todesangst beschreiben?
Niemand wusste, was eigentlich passiert. Eine ganze Stunde waren wir völlig abgeschnitten: kein Strom, keine Anweisungen.
Wie reagiert man, wenn man glaubt, die letzten Minuten seines Lebens zu erleben?
Ich tippte meinen Eltern und meinen Töchtern SMS-Botschaften ins Handy. Wir hatten aber keinen Empfang, und ich glaubte deshalb nicht, dass die Nachrichten ankommen würden. Trotzdem fühlte es sich richtig an, mich zu verabschieden. Ich sagte mir: Wenn es mich einen Augenblick beruhigt, wenigstens geschrieben zu haben, dann soll es so sein. Vielleicht würde das Handy gerettet werden. Ich nicht – aber vielleicht das Handy.
Welche Worte wollten Sie Ihren Kindern noch mitgeben?
«Mama liebt dich.» Meine Töchter sind zehn und sieben Jahre alt. Beide haben ein Handy. Mein Sohn ist erst zwei – ihm konnte ich keine Nachricht schreiben. Bei meinen Töchtern kam ein besonders schmerzhafter Gedanke hinzu: Vor zwei Jahren verloren sie ihren Vater. Jetzt würden sie auch ihre Mutter verlieren.
Was ist mit dem Vater Ihrer Töchter geschehen?
Er flog während Sukkot, dem Laubhüttenfest, nach Uman in der Ukraine, wo Gläubige am Grab des verehrten Rabbiners Nachman beten. Er kam nicht zurück. Acht Tage lang wurde er vermisst. Dann fand man seine Leiche in einem Fluss. Laut medizinischem Bericht ist er ertrunken. Während des ganzen Fluges dachte ich daran: Wieder Sukkot, zwei Jahre später.
Inmitten dieser Angst griffen Sie zum Handy und filmten. Wie schafften Sie das?
Ich bin jetzt selbst erstaunt, dass ich das tat. Ich war ja überzeugt, dass auch das Handy zerstört würde. Aber die gefilmten Momente waren nicht die schlimmsten. Den heftigen Sturzflug habe ich nicht aufgenommen. Das ging nicht.
Was wollten Sie nach Ihrer Rückkehr als Erstes?
Meine Kinder sehen. Von Saudi-Arabien aus hatte ich darum gebeten, ihnen nichts zu erzählen und zu Hause den Fernseher nicht einzuschalten. Sie dachten ja, ich würde aus China zurückfliegen. Meine Mutter weinte viel, wie sie mir später sagte. Den Mädchen erklärte sie jedes Mal, sie habe etwas im Auge. Am Flughafen in Tel Aviv stieg ich weinend und zitternd aus dem Flugzeug. Ich umarmte meine Kinder, hielt sie fest und küsste sie.
Was sagten Ihre Töchter?
«Mama, du warst in diesem Flugzeug?» Sie hatten offenbar etwas auf Instagram oder TikTok gesehen. Ich sagte: «Ja, das Flugzeug hat ein bisschen gewackelt.» Ich wollte ihnen die Wahrheit sagen, ohne ihnen meine Todesängste mitzugeben.
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