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«Mich beunruhigt das sehr»: Experte über die Krawalle in Belfast

Cathal McManus forscht zu Extremismus in der früheren Konfliktregion. Er erklärt, was der Bürgerkrieg mit der Gewalt gegen Migranten zu tun hat.
von Cedric Rehman
Set Tagen liefern sich gewaltbereite Demonstranten in Belfast  Strassenschlachten mit der Polizei. (Bild: Charles McQuillan / Getty)
Polizisten versuchen, Demonstranten nahe Newtownabbey bei Belfast zurückzudrängen. (Bild: Peter Morrison / AP)

Manche Nordiren fühlen sich an dunkle Zeiten erinnert. Nach dem brutalen Angriff eines 30-jährigen Sudanesen auf einen Mann im Norden Belfasts brannten Häuser von Migranten und die Bewohner mussten fliehen. Anfang der 70er Jahre erlebten die Nordiren selbst Vertreibungen. Zehntausende mussten aus Wohnvierteln flüchten, weil ein Mob aus der anderen Bevölkerungsgruppe sie bedrohte.

Der Bürgerkrieg endete 1998. Neue Gewalt richtet sich nun gegen Einwanderer. Der Konflikt- und Extremismus-Forscher Cathal McManus von der Queens-Universität in Belfast gilt als Kenner gewaltbereiter Gruppen in Nordirland. Er warnt vor dem Einfluss der Paramilitärs auf die Proteste.

In Belfast brennen wieder Häuser. Es gibt Berichte über eine Menschen-Jagd auf Migranten. Haben die Sicherheitskräfte die Lage unter Kontrolle?

Cathal McManus: In der Nacht auf den 9. Juni bot sich ein schreckliches Bild. Randalierer haben gezielt Häuser und Autos von Menschen angriffen, die sie als ‹fremd› betrachteten. Es gab Versuche, Strassen zu blockieren. Unbekannte durchsuchten an Kontrollpunkten Autos nach von ihnen als Einwanderer ausgemachten Menschen. Das hat grosse Angst hervorgerufen. In den vergangenen Jahren ebbten Ausschreitungen nach wenigen Tagen ab, und ich gehe davon aus, dass dies auch in diesem Jahr der Fall sein wird.

Polizisten versuchen, Demonstranten nahe Newtownabbey bei Belfast zurückzudrängen. (Bild: Peter Morrison / AP)

Was macht sie zuversichtlich?

Es gibt eine besser koordinierte polizeiliche Reaktion und bereits Festnahmen. Die Polizei von Nordirland steht unter enormem Druck. Sie muss versuchen, die Lage unter Kontrolle zu halten und darf die Situation nicht weiter anheizen.

Die Umstände des Angriffs eines Migranten auf einen Mann in Norden Belfasts erklären sicher das grosse Entsetzen in Nordirland. Nun wurden aber Häuser in Brand gesteckt. Menschen sollen vertrieben worden sein. Wie konnte der Protest derart eskalieren?

Es ist nicht neu, dass sich Ausschreitungen in Nordirland gegen Einwanderer richten. Im Jahr 2024 kam es in Southport, England, zur Ermordung von drei Kindern, und im vergangenen Jahr war ein mutmasslicher sexueller Übergriff auf eine Jugendliche in der nordirischen Stadt Ballymena Ausgangspunkt für Krawalle. In diesem Jahr war Auslöser der schrecklicher Messerangriff in Nord-Belfast. Ein Video von der Tat im Internet hat die Emotionen angefacht. Es gibt im Moment eine zunehmend gegen Einwanderer gerichtete Atmosphäre nicht nur in Irland oder Grossbritannien, sondern überall in Europa.

Ein kaum zu ertragendes Video von der Tat im Internet und eine europaweite Stimmung gegen Migration reichen als Erklärung für die Zerstörungen in Belfast wirklich aus?

Unsere Geschichte ist von Gewalt geprägt. Das kommt hinzu. Teile der Bevölkerung stehen immer noch unter dem Einfluss der paramilitärischen Gruppen des Bürgerkriegs. Sie verfügen über die Strukturen, um ein solches Ausmass an Aufruhr zu organisieren.

Vor allem pro-britische Gruppen aus der protestantischen Bevölkerung Nordirlands sollen Gewalttaten begangen haben. Warum richtet sich ihre Wut gegen Migranten?

Die paramilitärischen Gruppen der Protestanten, die sogenannten Loyalisten, bestreiten, mit dem Aufruhr zu tun zu haben. Ich sehe ihre Dementis mit Skepsis. Es ist bekannt, dass Gruppen wie die UDA oder UVF seit langer Zeit mit rechtsextremen britischen Organisationen zusammenarbeiten. Schon zwischen 2003 und 2005 gab es eine Serie von Angriffen auf Einwanderer in den von Loyalisten kontrollierten Vierteln Belfasts.

Das ideologische Band zwischen protestantischen Paramilitärs in Nordirland und Rechtsextremen in anderen Teilen des Königreichs ist der britische Nationalismus?

Ja, und zwar eine exklusive Form davon. Sie duldet keinerlei Vielfalt. Diese Art von Denken, das andere ausschliesst, hat ohne Zweifel Einfluss auf Teile der Loyalisten-Gruppen in Nordirland.

Und die andere Bevölkerungsgruppe Nordirlands, die meist pro-irischen Katholiken, steht am Rand und schaut zu?

Das sehe ich anders. Aus dem Lager der pro-irischen Nationalisten und Republikaner gibt es Stimmen, die sich gegen Rassismus aussprechen. Ohnehin sind die meisten Menschen in Nordirland entsetzt. Das schliesst auch Protestanten aus den Gebieten der Loyalisten mit ein. Es gibt aber auch in den katholischen Vierteln eine Anti-Einwanderungs-Stimmung. Auch Katholiken leiden etwa unter hohen Mieten und manche suchen Sündenböcke unter Einwanderern.

Schon bei den Ausschreitungen 2024 und 2025 fiel auf, dass es nicht mehr um den Hass zwischen Katholiken und Protestanten ging, sondern gegen Einwanderer. Haben sich knapp 30 Jahre nach dem Ende der Gewalt in Nordirland durch das Karfreitagsabkommen die Feindbilder geändert?

Das glaube ich nicht. Was heute anders ist in Nordirland, ist, dass die Bevölkerung vielfältiger geworden ist. Kaum ein Migrant hat sich während des Konflikts nach Belfast gewagt. Das hat sich besonders im vergangenen Jahrzehnt geändert. Wir erleben nun Spannungen in der Gesellschaft wie andere europäische Länder in den 70ern oder 80ern. Allerdings scheint eine ablehnende Haltung gegenüber Migranten heute legitimer als damals. In manchen europäischen Ländern sind migrations-feindliche Parteien schon an der Regierung beteiligt.

Elon Musk und dem rechten Aktivisten Tommy Robinson wird vorgeworfen, im Internet Spannungen in Nordirland zu schüren. Wie gefährlich ist das in einem Land, das von einem tiefsitzenden Identitätskonflikt geprägt ist?

Die Sprache des Ethno-Nationalismus kennen wir leider gut in Belfast. Und sie verfängt zweifellos immer noch bei Teilen der Bevölkerung. Elon Musk und Tommy Robinson verfolgen eine radikale Agenda und beide haben grosses Interesse an Irland. Sowohl im Norden als auch im Süden in der Republik Irland gibt es Spannungen wegen Einwanderer und das nehmen sie als Chance wahr. Mich beunruhigt das sehr.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/experte-ueber-die-krawalle-in-belfast-mich-beunruhigt-das-sehr-art-737997

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