Einheimische brennen Migrantenlager nieder: Das Pulverfass Ceuta explodiert
«Es reicht! Wir können so nicht weiterleben. Ich habe Angst, in meiner eigenen Stadt vor die Tür zu gehen», sagt eine junge Spanierin in die TV-Kamera. Zusammen mit Hunderten Ceutíes protestiert sie seit über drei Tagen für eine sofortige Abschiebung der immer noch in der spanischen Nordafrika-Exklave verbleibenden Migranten.
Einen Monat nach dem Massenansturm von bis zu 80'000 afrikanischen Migranten befinden sich immer noch über 8000 in der von Marokko umschlossenen spanischen Kleinstadt mit gerade einmal 84'000 Einwohnern. Plätze und Parkanlagen werden von Hunderten Migranten als öffentliche Toiletten benutzt, ärgert sich die Frauen. «Wir können nicht einmal mehr an den Strand gehen, wo sie überall Zelte aufgebaut haben», sagt sie. Täglich gebe es Diebstähle, die Strassen seien verschmutzt.

Die Ceutíes sind aber nicht nur verärgert und wütend darüber, dass die spanische Zentralregierung anscheinend kaum etwas unternimmt, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Viele sind auch zunehmend verängstigt. Sie sprechen von einer «belagerten» Stadt. Vor allem Frauen schauen mit Sorge auf die grossen Gruppen junger männlicher Migranten, die seit einem Monat in den Strassen abhängen.
Über WhatsApp-Gruppen werden bereits «Selbstverteidigungsgruppen» und Nachbarschafts-Patrouillen organisiert. Ceuta ist zu einem Pulverfass geworden. Nicht nur wegen der besorgten Einwohner. Auch die Stimmung unter den Migranten wird immer gereizter. Sie sind frustriert, weil sie in Ceuta festhängen. Spanien lässt sie nicht aufs Festland und nach Marokko wollen sie nicht zurück. Unterdessen müssen sie in Ceuta teils im Freien schlafen und hängen von NGOs ab, um an Nahrung zu kommen.
Gewalttätige Auseinandersetzungen
Am Mittwoch musste die spanische Polizei sogar mit Schlagstöcken und Tränengas vorgehen, nachdem es zwischen mehreren Dutzend Migranten am Strand von El Trampolín bei der Lebensmittelvergabe durch das Rote Kreuz zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Am Mittwochabend lief das Fass für viele Ceutíes dann aber endgültig über.

Eine Gruppe von rund 30 jungen Marokkanern, die sich weigern, Ceuta zu verlassen, griff im Stadtteil Benzú aus dem Nichts ein Militärfahrzeug mit Steinen und Stöcken an, das auf dem Weg zu einem Grenzkontrollpunkt war. Die Gründe sind noch unklar: Vielleicht war hier ein weiterer heimlicher Grenzübertritt geplant. Fest steht: Die vier Soldaten wurden verletzt, konnten aber zu Fuss fliehen.
Bisher nahm die Polizei zwölf marokkanische Migranten im Zusammenhang mit diesem Vorfall fest. Szenen wie diese verstärken jedoch das Gefühl von Unsicherheit unter den Einwohnern. 2000 Einwohner protestieren auf den Strassen.
Am Donnerstagabend explodierte schliesslich das Pulverfass: Dutzende Ceutíes blockierten bereits am Nachmittag die Zugangsstrasse zum Strand, um die LKWs des Roten Kreuzes mit Lebensmitteln für die Migranten an der Weiterfahrt zu hindern. Am Abend stürmten mehrere Dutzend Ceutíes den Strand von Playa de Benítez. Sie trugen Spanien-Fahnen, Eisenstangen, Schlagstöcke und schrien fremdenfeindliche Parolen.
Warnschüsse und Gummigeschosse
Schliesslich überwältigten sie die Polizeisperre und brannten die Behausungen nieder, die sich hier am Strand vor allem die Schwarzafrikaner aus der südlichen Sahael-Zone aus Holzbrettern, Plastikplanen und Palmenblättern aufgebaut hatten. Die wenigen Habseligkeiten der Migranten schmissen sie ins Meer. Während die Migranten sich vor dem aufgebrachten Mob am Ende des Strandes hinter der Mauer einer Entsalzungsanlage in Sicherheit brachten, musste die Polizei Warnschüsse abgeben und Gummigeschosse einsetzten, um die Ceutíes daran zu hindern, auf die Migranten loszugehen.

Die Polizei geht davon aus, dass sich unter den gewaltbereiten Demonstranten nicht nur Einwohner befanden, sondern auch Personen aus dem rechtsradikalen Lager, die eigens vom spanischen Festland gekommen sind, um die sozialen Spannungen ausufern zu lassen. Tatsächlich heizt seit dem Massenansturm vor allem die rechtspopulistische Vox, Spaniens drittgrösste Parlamentsfraktion, mit ausländerfeindlichen Parolen die Stimmung in Ceuta auf.
Über ihre Social-Media-Kanäle ruft Vox alle Bürger auf, sich im ganzen Land am 2. September um 20 Uhr vor den Rathäusern ihrer Gemeinden und Städte zu versammeln. «Nein zur Invasion! Verteidigt Ceuta, verteidigt Spanien!» lautet das Motto. Unterdessen stellte Vox-Chef Santiago Abascal klar: «Wenn die Regierung die Migranten nicht hinauswirft, werden das die Spanier erledigen.»
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