Hacker erbeuten persönliche Daten aller (!) Einwohner: Dänemark erlebt den digitalen Supergau
Online-Angriffe sind alltäglich geworden. Aber dass persönliche Daten der ganzen Bevölkerung gestohlen werden, ist neu – für Dänemark ist es bei weitem das grösste derartige Leck. Hacker haben sich Zugriff auf staatliche Datenbanken verschafft und Geburtstage, Sozialversicherungsnummern und in den meisten Fällen auch Adressen und Telefonnummern von 8,8 Millionen Personen erbeutet. Das sind mehr als die 6 Millionen Einwohner des Landes. Es handelt sich auch um Daten von Verstorbenen oder Weggezogenen.
Der Angriff trifft ein Land, das zusammen mit seinen nordischen Nachbarn die Digitalisierung besonders radikal vorangetrieben hat – und deshalb für die Schweiz und andere Staaten als Vorbild mit einem Vorsprung von Jahren galt. Elektronische Signatur oder ein elektronisches Patientendossier sind in Dänemark bereits bestens etabliert.
Möglich gemacht hat das ein System, das auf einer Personennummer beruht, welche die digitale Vernetzung der meisten Lebensbereiche erlaubt: Steuern, Sozialleistungen, Rechtswesen, Gesundheitswesen, Schulen. Genau das zentrale Register mit den Personennummern wurde nun gestohlen.
Jetzt erhalten Dänen noch gemeinere Phishing-Mails
Die Hacker schafften es, in eine bisher nicht genannte «kleinere Firma» einzudringen, die legal auf das Register zugreifen darf. Das könnte ein Anbieter im Gesundheits- oder Finanzwesen sein. Wie genau es gelang, tagelang unbemerkt Millionen von Daten abzusaugen, ist für Experten derzeit aber ein Rätsel. Die Ermittlungen liefen in alle Richtungen, erklärte die Regierung. Spekuliert wird über Russland, aber auch über internationale Banden.
Mit den erbeuteten Daten sei das Tor offen für Identitätsmissbrauch und ausgeklügelte Phishing-Attacken – zum Beispiel mit sehr echt wirkenden Anfragen von Polizei, Banken oder Ärzten, erklärte Jens Pedersen, Professor für Cybersicherheit. Es sei «eine wahre Goldgrube für Kriminelle», denn je mehr Persönliches bekannt sei, desto perfider könne man versuchen, Opfern Passwörter oder Kreditkartendaten zu entlocken. Mit der Personennummer war es bisher zudem möglich, rezeptpflichtige Medikamente zu beziehen. Die Behörden haben erklärt, dass nun auch das Prozedere bei Wahlen überprüft werden müsse – und womöglich sogar das gesamte Fundament der Digitalisierung.
Denn egal, ob es um Sozialhilfe, Bussgelder, die vorausgefüllte Steuererklärung oder die Korrespondenz mit Ärzten geht – alles wird in Dänemark über das sichere digitale Postfach und die zentrale Behördenwebseite abgewickelt. Das ist für die Bürger einfach und schnell, erlaubt aber vor allem auch eine effiziente Verwaltung, die enorme Mengen an Daten zusammenführen kann. Das automatisierte Patientendossier ist seit Jahren für die gesamte Bevölkerung elektronisch verfügbar, was Dänemark in der Coronazeit einen grossen Vorsprung auf die Schweiz, aber auch die meisten anderen Ländern brachte: Die Grundlagen fürs Testen und für die Zertifikatsapp waren bereits vorhanden.
Es gibt gar kein Papier-System mehr in Dänemark
Die jetzige Situation ist aber nicht mehr nur ein Problem für die Behörden. Auch Banken, Versicherungen, Strom- und Internetanbieter arbeiten mit der Personennummer. Sie benutzen ein damit verknüpftes Login. Der grosse Unterschied zur Schweiz liegt dabei darin, dass es nur dieses eine «Superlogin» für alles gibt. Über 96 Prozent der Bevölkerung nutzen dieses etwa fürs Regeln von Kontakt zu den Behörden. Papierpost vom Staat erhalten Däninnen und Dänen nur noch mit einer Ausnahmebewilligung
Folglich hat die Digitalisierung zum Verschwinden der Briefpost geführt – eine Entwicklung, die auch der Schweizer Postchef Pascal Grieder kürzlich in dieser Zeitung beschrieb, wenn auch deutlich langsamer: «Dass wir in 20 Jahren noch Informationen auf Papier transportieren, wird ein absoluter Ausnahmefall sein.» In Dänemark verschicken heute schon weder Firmen noch Behörden Briefe – die staatliche Post hat den Briefverkehr deshalb eingestellt, übernommen hat ein privates Unternehmen.
Die Dänen müssen zwar nun nicht befürchten, dass Kriminelle ohne Weiteres in ihr Bankkonto oder ihre Steuererklärung einloggen oder in ihrem Namen Kredite aufnehmen können. Dazu reichen die gestohlenen Daten alleine nicht. Aber Apotheken und Ärzte haben bereits begonnen, die Identität von Kunden zusätzlich zu überprüfen.
Entsprechend muss sich die Regierung nun aber Kritik gefallen lassen, sie habe die Digitalisierung fahrlässig mit einer unsicheren Infrastruktur vorangetrieben. Das System, sagte der Sicherheitsexperte Jan Kaastrup, sei «ein Pferdewagen, während andere längst mit einem Porsche fahren».
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