Björn Höcke als Klumpfuss: Im TV-Duell markiert Sahra Wagenknecht Distanz gegenüber Alice Weidel und der AfD
Deutsche Journalisten, zumal solche der öffentlich-rechtlichen Sender, sehen sich häufig als Gatekeeper, deren Aufgabe darin besteht, tatsächlich oder auch nur vermeintlich radikale Inhalte aus dem öffentlichen Diskurs herauszuhalten. Natürlich wird dies in einer pluralen Medienlandschaft zur Donquichotterie; private Konkurrenten füllen die Marktlücken, in diesem Fall der Spartensender Welt-TV, der zum Axel-Springer-Konzern gehört.

Am Mittwochabend standen sich dort zwei Politikerinnen gegenüber, von denen eine den Zuschauern öffentlich-rechtlicher Talkshows bis zum Überdruss bekannt ist, während die andere noch immer nur widerwillig dorthin eingeladen wird: Sahra Wagenknecht, die Gründerin der nach ihr selbst benannten Partei BSW, und Alice Weidel, die Parteichefin der AfD.
Eigentlich waren es drei Duelle, die stattfanden: eines zwischen Weidel und Wagenknecht und je ein weiteres zwischen dem Moderator und jeder der beiden Politikerinnen. «Sie sind von Haus aus Kommunistin», hielt der Journalist Wagenknecht vor, als diese ihr Wirtschaftsprogramm erläuterte. «Ach, kommen Sie mir nicht auf diese Tour», antwortete die Parteigründerin. Es war der polemischste Moment des Abends.
Das BSW wird umworben, die AfD bleibt ein Paria
Zwischen den Politikerinnen herrschte dagegen in vielen Punkten Einigkeit: Beide wollten in der Osterweiterung der Nato den eigentlichen Grund für den Krieg in der Ukraine sehen. Und beide forderten schnelle Friedensverhandlungen. An einer Stelle sprang Weidel Wagenknecht gar gegen den Moderator bei: Auch Helmut Kohl habe die Wiedervereinigung schliesslich durch Gespräche mit Moskau erreicht.
Mit der Zeit ging es aber auch zwischen den Politikerinnen kontroverser zu. Auf die Frage, ob sie Kamala Harris oder Donald Trump bevorzuge, sagte Wagenknecht, sie sei froh, nicht in Amerika wählen zu müssen: Trump sei unzurechnungsfähig, Harris würde Joe Bidens Kriegspolitik fortsetzen. Weidels Antwort kam dagegen wie aus der Pistole geschossen: «Trump.» Dieser habe in seiner ersten Amtszeit keine Kriege begonnen und die Migration an der Südgrenze eingedämmt.
Wagenknechts Ansichten zu den Ereignissen im Nahen Osten waren erwartbar: Israel warf sie eine «barbarische Kriegsführung» vor. Weidel versuchte einen Spagat zwischen den demonstrativen Israel-Freunden in ihrer Partei und denen, deren Sichtweise zumindest unterschwellig vom traditionellen Antisemitismus der deutschen Rechten geprägt ist: Zwar betonte sie das Recht des jüdischen Staates, sich zu verteidigen und befürwortete Waffenlieferungen an Israel. Aus Deutschland sollten diese aber nicht kommen, schliesslich sei die Bundeswehr blank.
Auch Wagenknecht will nicht mit der AfD
Während das BSW derzeit in drei ostdeutschen Bundesländern von CDU und SPD als möglicher Partner umworben wird, bleibt die AfD ein Paria unter den Parteien. Weidel versuchte denn auch, das BSW als Teil des Establishments darzustellen: Die neue Partei verhindere den Wandel.
Sollte Weidel gehofft haben, in Wagenknecht eine mögliche Koalitionspartnerin zu finden, wurde sie enttäuscht: Auch die BSW-Chefin schloss eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Eine solche Koalition hätte die CDU vor Jahren eingehen sollen, als die AfD noch wirtschaftsliberal gewesen sei, sagte Wagenknecht. Dann, so meinte sie, hätte sich Weidels Partei womöglich gar nie radikalisiert.

Wagenknecht, der von ihren Gegnern vorgeworfen wird, sich links zu nennen, in Wahrheit aber rechtspopulistische Positionen zu vertreten, hatte vor der Debatte angekündigt, die Unterschiede zwischen AfD und BSW herausarbeiten zu wollen. Dafür musste vor allem ein Abwesender herhalten: Björn Höcke, der Rechtsaussen der AfD. Wenn dieser davon rede, 20 bis 30 Millionen Menschen aus Deutschland ausschaffen zu wollen, werde ihr übel, sagte Wagenknecht.
Sie bauten einander auch Brücken
Weidel habe Höcke doch einst eine Nähe zum Nationalsozialismus attestiert und ihn aus der AfD ausschliessen wollen. Nun mache sie Wahlkampf für ihn. An dieser Stelle brachte die BSW-Vorsitzende ihre Kontrahentin am ehesten in Bedrängnis: Extremistisch sei doch vor allem die Politik der Ampel-Regierung, behauptete Weidel. Die AfD-Chefin trete die Flucht nach vorne an, um nicht über Höcke reden zu müssen, konstatierte Wagenknecht nicht zu Unrecht.
Beide Politikerinnen bauten einander aber auch Brücken: Weidel vertrete konservative Positionen, sagte Wagenknecht; auf einer Links-rechts-Skala von eins bis zehn würde sie ihre Gegnerin bei sechs sehen. Es sei gut, dass Wagenknecht die Dinge differenziert betrachte, revanchierte sich Weidel. Dann ging es noch einmal um Höcke: «Warum wollten Sie ihn denn ausschliessen, wenn er so ein netter Mensch ist?», fragte Wagenknecht. Weidel versuchte, ihre Sprachlosigkeit durch ein Lächeln zu überspielen. Dann wechselte sie das Thema. Höcke verteidigen mochte sie nicht.
Eine eigentliche Siegerin hatte die Debatte nicht, doch lagen leichte Vorteile bei Sahra Wagenknecht: Ihren abwesenden Parteikollegen schleppte Alice Weidel wie einen Klumpfuss mit sich herum.
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