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Amoklauf in Hamburg: Trotz Hinweisen auf seine psychische Verfassung durfte der mutmassliche Mörder seine Waffe behalten

In der norddeutschen Hafenstadt hat ein Amokläufer sechs Personen, sich selbst und ein ungeborenes Kind getötet. Grund für die Tat scheint eine Wut auf die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas gewesen zu sein, deren Mitglied der mutmassliche Täter einst selbst war. 
von Hansjörg Friedrich Müller, Berlin
Bestatter beim Abholen von Leichen am Tatort im Hamburger Stadtteil Alsterdorf, wo am Donnerstagabend sieben Personen und ein ungeborenes Kind ums Leben kamen.  (Bild: Markus Schreiber/AP)

Acht Menschenleben hat ein Amoklauf am Donnerstagabend in Hamburg gefordert; eines der Opfer war eine schwangere Frau. Acht weitere Personen wurden verletzt, vier davon schwer. Der mutmassliche Täter, Philipp F., war 35 Jahre alt und befindet sich ebenfalls unter den Toten; er richtete sich selbst, wie die Polizei der norddeutschen Hafenstadt am Freitag bekannt gab.

Es handle sich um «die schlimmste Straftat in der jüngsten Geschichte unserer Stadt», sagte der Hamburger Innensenator Andy Grote. Ausser dem Täter seien zwei Frauen und vier Männer zwischen 33 und 66 Jahren sowie ein weiblicher Fötus im Alter von 28 Wochen ums Leben gekommen. 

Der mutmassliche Täter war bisher unauffällig

Die Bluttat ereignete sich gegen 21 Uhr in einem «Königreichssaal» genannten Gemeindebau der Zeugen Jehovas im nördlichen Stadtteil Alsterdorf, einer ruhigen Wohngegend. Zwei Stunden zuvor hatte sich die Gemeinde dort zu einem Gottesdienst versammelt. Als Extremist oder Straftäter war F. bisher nicht aufgefallen; dass sein Name dennoch in den Datenbanken der Sicherheitsbehörden auftauchte, ist darauf zurückzuführen, dass er im Dezember als Sportschütze die Lizenz zum Führen einer Waffe erworben hatte.

Aufgrund anonymer Hinweise, der mutmassliche Täter sei wütend auf die Zeugen Jehovas, wurde er im Februar von der Waffenbehörde überprüft. Hierbei sei jedoch nichts gefunden worden, was es gerechtfertigt hätte, Philipp F. seine Pistole wegzunehmen, erklärte der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer.

Welches Motiv der Tat zugrunde lag, ist bisher nicht bekannt. Dass der mutmassliche Mörder selbst ein ehemaliges Mitglied der Glaubensgemeinschaft ist, deutet auf offene Rechnungen hin - entweder mit der Hamburger Gemeinde, bestimmten Mitgliedern oder den Zeugen Jehovas schlechthin. F. habe die Glaubensgemeinschaft «freiwillig, aber nicht im Guten» verlassen, erklärte ein Gemeindevertreter am Freitag. 

Auf seiner Website gibt F. an, 1987 im bayrischen Memmingen als Kind protestantischer Eltern geboren worden zu sein. Später habe er Betriebswirtschaftslehre studiert. Zudem stellt er sich als Berater dar, der für «Integrität, Vertrauen und Top-Performance» stehe und Leistungen in unterschiedlichsten Bereichen anbiete, für die ein Tageshonorar von mindestens 250’000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer zu entrichten sei. «Dank einer umfangreichen theologischen Fundierung» könne er «entscheidende Impulse in den Bereichen Strategie und Zweck» geben.

Die Polizei war rasch vor Ort und verhinderte Schlimmeres

Laut Innensenator Grote hat die Polizei durch ihr rasches Eingreifen zahlreichen Menschen das Leben gerettet. Angehörige einer Spezialeinheit, die sich zufällig in der Nähe befunden hätten, seien bereits fünf Minuten nach den ersten Notrufen bei dem Gebäude gewesen, wo es ihnen gelungen sei, den Täter von den Opfern zu trennen. So haben offenbar rund 40 Gemeindemitglieder das Attentat körperlich unversehrt überstanden. F. soll vor den Beamten ins Obergeschoss des Gebäudes geflüchtet sein, wo er sich schliesslich erschoss. 

Bei den Zeugen Jehovas handelt es sich um eine Glaubensgemeinschaft, die sich durch rigide Moralvorstellungen auszeichnet. Weltweit hat die Ende des 19. Jahrhunderts in den USA gegründete Gruppierung rund acht Millionen Mitglieder; in Deutschland sind es knapp 200’000, in der Schweiz rund 20’000. Die Mitglieder seien meist fleissige Leute aus eher einfachen Berufen, so der deutsche Religionswissenschafter Helmut Obst in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Zusammengehalten wird die Gemeinschaft vor allem vom Glauben an ein nahes Weltende. Andere Religionsgruppen befinden sich aus Sicht der Zeugen Jehovas im Zustand der Verirrung, weswegen ihnen die Verdammnis bevorstehe. An politischen Wahlen nehmen Zeugen Jehovas in der Regel nicht teil; ebenso verweigern sie den Militärdienst. Einer breiteren Öffentlichkeit fallen die Angehörigen der Glaubensrichtung meist durch ihren Missionsdienst auf, der etwa im Verteilen der Zeitschriften «Wachtturm» und «Erwachet!» auf Strassen und Plätzen besteht. 

Artikel: http://www.vaterland.li/international/deutschland-amoklauf-in-hamburg-trotz-hinweisen-auf-seine-psychische-verfassung-durfte-der-mutmassliche-moerder-seine-waffe-behalten-art-764922

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