Der Kronprinz in Nöten: Trump lässt die Saudis hängen – Huthis attackieren Mekka
Alarm über der heiligsten Stadt des Islam: Als sich am Dienstagabend eine Huthi-Drohne der Flugverbotszone über Mekka näherte, feuerte die saudische Luftabwehr aus allen Rohren und konnte so den Angriff in letzter Sekunde vereiteln.
Für Kronprinz Mohammed bin Salman, den mächtigsten Mann Saudi-Arabiens, ist der Drohnenangriff der südarabischen Nachbarn mehr als nur ein weiterer Zwischenfall in einem ohnehin ausser Kontrolle geratenen Krieg. Er trifft ihn im Kern seiner Legitimität.
Für MBS, wie der Kronprinz gemeinhin abgekürzt wird, kommt diese neue Eskalationsstufe zur denkbar schlechtesten Zeit. Als «Hüter der beiden heiligen Stätten» leitet die saudische Monarchie einen zentralen Teil ihrer religiösen Legitimität gerade aus dem Schutz Mekkas und Medinas ab.
Zu dem symbolischen Angriff auf die religiöse Autorität des Kronprinzen kommt eine handfeste militärische und wirtschaftliche Krise: Die Huthi kontrollieren nach der Einnahme von Mocha praktisch die gesamte jemenitische Rotmeerküste.

Die saudischen Ölexporte über diese Route sind akut bedroht. Eine von den irakischen Verbündeten der Huthis sabotierte Pipeline hat zusätzlich Kapazität aus dem Markt genommen. Es kann noch bis zu sechs Wochen dauern, bis die saudische Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb genommen werden kann.
Ein riesiges Loch im Staatshaushalt
MBS' Herrschaft beruht seit einem Jahrzehnt auf einem impliziten Gesellschaftsvertrag: Stabilität, Modernisierung und Wohlstand im Austausch für uneingeschränkte Macht. Genau dieses Versprechen gerät nun unter Druck. Laut dem Internationalen Währungsfonds droht Saudi-Arabien 2026 ein Haushaltsdefizit von rund 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; nach Angaben des Branchendienstes House of Saud hat der Krieg die saudische Ölförderung um rund 30 Prozent gedrückt und für ein 90 Milliarden Dollar-Loch im Staatshaushalt gesorgt.
Sein wichtigstes Vermächtnisprojekt, «Vision 2030», zeigt bereits sichtbare Risse: Der Staatsfonds PIF, den MBS selbst leitet, lenkt inzwischen 80 Prozent seines einsetzbaren Kapitals in den Inlandsmarkt - ein deutliches Signal finanzieller Ernüchterung. Bereits im September vergangenen Jahres hatte MBS angekündigt, die Vision-2030-Ziele nötigenfalls «streichen oder radikal verändern» zu müssen.
Besonders schwer wiegt für den Kronprinzen, dass sein wichtigster Schutzpatron nicht liefert: Nach der Huthi-Grossoffensive bat MBS US-Präsident Trump um direkte amerikanische Angriffe gegen die Miliz. Trump lehnte ab.
Jerusalem könnte zum Rettungsanker werden
Die Zurückhaltung Washingtons hat in Israel bereits eine eigene Debatte ausgelöst. Ein Beitrag des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, eines regierungsnahen israelischen Thinktanks, argumentiert offen, Israel könne dem Kronprinzen genau das bieten, was die USA verweigern: Erprobte Geheimdienstinformationen, Luftabwehr und strategische Nähe zum Jemen – im Gegenzug für eine formelle saudisch-israelische Friedensvereinbarung. Der Vorschlag zeigt, wie MBS' Zwangslage von aussen zunehmend als Verhandlungsmasse gesehen wird.
Militärisch bleibt MBS ohne amerikanische Feuerkraft nur die von ihm geführte arabische Koalition im Jemen, die sich bereits in der Vergangenheit als unzureichend erwiesen hat. Wirtschaftlich hat er mit der Kurskorrektur des Staatsfonds bereits begonnen, den Realitäten des Krieges Rechnung zu tragen.

Diplomatisch bleiben dem saudischen Kronprinz im Kern zwei Wege, die sich nicht zwingend ausschliessen: Eine stärkere sicherheitspolitische Anlehnung an Israel, wie sie der erwähnte israelische Vorschlag skizziert. Diese wäre politisch aber hoch riskant, solange der Gaza-Krieg in der arabischen Öffentlichkeit nachwirkt und der palästinensische Kernkonflikt nicht gelöst ist. Naheliegender erscheint der Versuch, über Katar oder Oman direkte Kanäle zu den Huthi beziehungsweise zu Teheran selbst zu öffnen, um wenigstens einen Teil der roten Linien respektiert zu bekommen.
Am wahrscheinlichsten dürfte eine Mischung aus beidem sein: Stille sicherheitspolitische Kooperation mit Jerusalem, wo sie nützt, und diskrete Deeskalationsversuche, wo sie nötig sind – ein Balanceakt, der für einen ambitionierten arabischen Herrscher, dessen gesamtes Image auf Kontrolle und Weitsicht beruht, kaum unbequemer sein könnte.
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