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«Ha ha, am Samstag kommen wir wieder nach Paris»: Das sind die Gewalttäter und Randalierer

Erste Gerichtsverfahren zeugen von einem explosiven Mix aus Ultralinken und Plünderern. Von denen haben viele Migrationshintergrund – wie ihre Opfer.
von Stefan Brändle, Paris
Jugendliche schlagen während Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei in Paris ein Schaufenster ein. (Bild: Emma Da Silva/Keystone)
Krawallmacher mit französischer Flagge in Paris. (Bild: Mohammed Badra/EPA)

Die französische Polizei mag am Wochenende überfordert gewesen sein – umso prompter führt sie seither die Ermittlungen. Am frühen Dienstagmorgen verhaftete sie in der Landgemeinde Val d’Issoire einen 34-jährigen Mann, der bei den Krawallen von Samstag das historische Rathaus von Limoges in Brand gesteckt haben soll. Handyvideos sollen zeigen, wie der vermummte Mann durch ein geöffnetes Fenster einen Molotov-Cocktail wirft.

Der Festgenommene gehört zur Ultralinken. Er heisst Hodei C. und ist der Polizei bekannt wegen «Gewalt gegen Ordnungskräfte». Er figuriert in der nationalen Kartei für Staatssicherheit. Aus diesem Grund hat sich auch die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Laut dem Sicherheitsexperten Alain Bauer zählt die Ultralinke in Frankreich ungefähr 5000 Mitglieder. Diese Autonomen, Anarchisten, Antifas und Radikalökos sollen mit ausländischen Aktivisten des Schwarzen Blocks zusammenarbeiten. Viele hatten sich in den letzten Tagen unter die demonstrierenden Gymnasiasten gemischt und mit der Polizei angelegt. Auch bei den schweren Krawallen dieses Wochenendes agierten sie schwarz vermummt an vorderster Front.

In Magazinen wie Contre-Attaque (Gegen-Angriff) rechtfertigen sie ihr Vorgehen mit dem Kampf gegen die «totalitäre Inszenierung» der Regierung in Paris oder gegen die die «Faschisten» in Lyon. Ihr studentischer Ableger Poing levé (erhobene Faust) der trotzkistischen Organisation Révolution permanente (Dauernde Revolution) spielt in den bisherigen Schülerprotesten eine Führungsrolle.

Krawallmacher mit französischer Flagge in Paris. (Bild: Mohammed Badra/EPA)

Antifaschisten und Antikapitalisten

Umstritten sind ihre Verbindungen zu politischen Parteien wie Unbeugsames Frankreich. Ihr Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon distanzierte sich am Sonntag vor dem Einsatz von Gewalt. Premierminister Sébastien Lecornu hielt dem Linken-Chef dagegen vor, er dulde in seinen Reihen militante Abgeordnete wie den Linksextremisten Raphaël Arnault, dessen parlamentarischer Assistent sich wegen der vorsätzlichen Tötung eines rechtsextremen Studenten anfangs dieses Jahres in Lyon verantworten muss.

Ein anderes politisches Sprachroher der Ultras ist die Neue Antikapitalistische Partei (NPA) Partei. Sie relativiert die Gewalt der jüngsten Krawalle; ihr langjähriger Präsidentschaftskandidat Philip Poutou (1 Prozent Stimmen) erklärte, er sei «auf der Seite der Aufständischen». Dazu zählt er ausdrücklich die Jugendlichen der «quartiers populaires», das heisst der Immigrationsviertel rund um die Grossstädte.

Diese «jeunes» (Jungen), wie man sie in Frankreich landläufig nennt, bilden allerdings keine homogene Gruppe. Viele, aber nicht alle sind Migranten. Das zeigt sich seit Montag in verschiedenen Städten, wo die ersten der gut 2000 festgenommenen Plünderer vor Instant-Gerichte kommen. In Lille (Nordfrankreich) kam etwa ein 23-jähriger Gärtner namens Thomas vor den Kadi. Er war mit Ohrhörern, Ladegeräten und einer Smartwatch gestellt worden. «Ich bedaure alles, das passt nicht zu mir», sagte er.

Sullivan (28), ein junger Mann mit Migrationshintergrund, der vom Existenzminimum und ohne festen Wohnsitz lebt, obwohl er Familienvater ist, war mit einem Brecheisen gefasst worden. Auch er sagte: «Das passt nicht zu mir.» Jedes politische Motiv, ja auch nur die Beteiligung an einer Kundgebung, stellte er in Abrede. Drei Maghrebiner gaben an, sie hätte nicht gewusst, dass die Multimedia-Geräte, mit denen sie erwischt wurden, einer Plünderung entstammten. Er habe sie auf der Strasse gefunden, behauptete Mohammed, um zu beteuern: «Es tut mir leid».

Die andere Hälfte der Wahrheit

Viele Festgenommene scheinen das Ausmass ihrer Tat erst vor Gericht zu erfassen. Sie hatten einen Teil des Diebesgutes in aller Offenheit und noch am gleichen Abend im Internet zu verkaufen versucht; dass sie dabei eine leichte Beute der Polizeifahnder wurden, scheint ihnen nicht einmal in den Sinn gekommen zu sein.

Niemand stellt in Frankreich in Abrede, dass viele Plünderer Migranten sind. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Viele der zahllosen Besitzerinnen und -besitzer der ausgeraubten Schuh-, Schmuck oder Elektronikläden haben selbst Migrationshintergrund.

Schwer abzuschätzen ist wegen der Präsenz der Ultralinken, wie hoch der Anteil der Migrantenjugend an den «casseurs», den polizeifeindlichen Schlägern, tatsächlich ist. Ein gewisser Bryan stand am Montag in Lille vor Gericht, weil er einen Feuerwerkskörper auf einen Polizisten abgeschossen hatte. «Ich wusste nicht, dass dies als Waffe gilt», sagte er, und beteuerte, er habe den Mörser auf niemanden speziell gerichtet und ihn «nur zur Neugier» gezündet. Dem 23-Jährigen droht eine mehrjährige Haftstrafe.

In den Sozialen Medien rufen einzelne Banlieue-Jugendliche bereits zu einem neuen «Aktionstag» am kommenden Samstag auf. «Ha ha, am Samstag kommen wir wieder nach Paris», grinst ein «jeune» mit Kapuze in die Videokamera.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/chaoten-und-randalierer-drohen-am-samstag-kommen-wir-wieder-nach-paris-art-768111

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