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Mord an Ann Widdecombe mit 21 Hammerschlägen: Grossbritannien ringt mit der Gewalt gegen Politiker

Die 78-Jährige starb nach einem brutalen Überfall in den eigenen vier Wänden. Der Fall verschärft die Debatte darüber, wie viel Sicherheit eine offene Demokratie verträgt.
von Maria Steinmayr
Ann Widdecombe bei einer Wahlkampagne in London. (Bild: Kirsty Wigglesworth / AP)
Die Gerichtszeichnung von Elizabeth Cook zeigt den Angeklagten Joshua Kerry, vor dem Westminster Magistrates' Court in London. (Bild: Elizabeth Cook / AP)

Die britische Politikerin Ann Widdecombe isst in ihrem Haus zu Mittag, als sie von einem Mann überrascht wird. Er fragt sie nach ihrer Bankkarte, schlägt ihr mit einem Hammer 21-mal auf den Kopf und flüchtet anschliessend mit ihrem Portemonnaie. Alles innerhalb von zwei Minuten.

Bestätigt wurde dies von Aufnahmen der Überwachungskamera, sowie von der Staatsanwaltschaft. Die Leiche der 78-Jährigen wurde am 9. Juli von ihrem Gärtner gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass sie bereits am Vortag getötet wurde. Aufgefallen war ihr Fehlen, als sie nicht zu einem geplanten Fernsehinterview erschien.

Die britische Staatsanwaltschaft CPS hat den 28-jährigen Joshua Kerry wegen Mordes an Ann Widdecombe angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Politikerin in ihrem Haus in Haytor getötet zu haben. Weshalb es zu der Tat kam, ist noch unklar. Die Ermittler prüfen auch einen möglichen politischen oder terroristischen Hintergrund. Widdecombe starb nach bisherigen Erkenntnissen an den Folgen stumpfer Gewalt.

Kerry muss sich seit dem 21. Juli 2026 vor dem Westminster Magistrates’ Court verantworten; bis zu einem Gerichtsurteil gilt die Unschuldsvermutung. Er war am 11. Juli in South Yorkshire festgenommen worden, mehr als 400 Kilometer von Widdecombes Wohnort entfernt.

Die Ermordung der 78-jährigen Widdecombe sorgte in Grossbritannien für grosses Entsetzen. Innenministerin Shabana Mahmood sprach von einem «dunklen Tag für das politische Leben». Parlamentsmitglied Richard Tice sagte: «Wir alle sind erschüttert, traurig und verzweifelt über den Verlust unserer Ann.» Die frühere Gefängnisministerin war über Jahrzehnte eine prominente Stimme. Nach Jahren als Unterhausabgeordnete zog sie für Nigel Farages Brexit-Partei ins Europäische Parlament ein und setzte sich dort für den EU-Austritt Grossbritanniens ein.

Später war sie Sprecherin der Nachfolgepartei Reform UK. Die zum Katholizismus übergetretene Politikerin vertrat zudem ultrakonservative Ansichten. So forderte sie die Wiedereinführung der Todesstrafe, und wandte sich gegen Abtreibung, die gleichgeschlechtliche Ehe und eine Ausweitung der Rechte von LGBTQ+-Personen.

Politische Gewalt in Grossbritannien

Widdecombes Tod verstärkte die Sorge über Gewalt gegen politisch bekannte Personen in Grossbritannien. Betroffen sind Politikerinnen und Politiker unterschiedlicher Parteien.

Der langjährige konservative Abgeordnete Sir David Amess wurde am 15. Oktober 2021 während einer Bürgersprechstunde in einer Kirche in Leigh-on-Sea erstochen. Der 69-jährige Brexit-Befürworter war für seine sozialkonservativen Positionen sowie sein Engagement für den Tierschutz bekannt. Die Polizei nahm am Tatort einen 25-jährigen Mann fest und stufte den Angriff als Terroranschlag mit islamistisch-extremistischem Hintergrund ein.

Der Mord löste unter britischen Abgeordneten eine Debatte darüber aus, wie sie bei öffentlich zugänglichen Sprechstunden, besser geschützt werden können. Die damalige Innenministerin Priti Patel kündigte zusätzliche Schutzmassnahmen an. Amess war nach der Labour-Abgeordneten Jo Cox bereits der zweite britische Parlamentarier innerhalb von gut fünf Jahren, der bei einem solchen Treffen getötet wurde.

Die 41-jährige Labour-Abgeordnete Jo Cox wurde am 16. Juni 2016, eine Woche vor dem Brexit-Referendum, in Birstall in West Yorkshire ermordet. Die Brexit-Gegnerin war auf dem Weg zu einer Bürgersprechstunde, als Thomas Mair sie erschoss und mehrfach mit einem Messer auf sie einstach. Mair wurde im November 2016 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht wertete die Tat als politisch motivierten Angriff im Zeichen rechtsextremer und nationalsozialistischer Überzeugungen.

Cox sass seit 2015 im Unterhaus und engagierte sich besonders für Geflüchtete, internationale humanitäre Hilfe und den Verbleib Grossbritanniens in der EU.

Die Gerichtszeichnung von Elizabeth Cook zeigt den Angeklagten Joshua Kerry, vor dem Westminster Magistrates' Court in London. (Bild: Elizabeth Cook / AP)

Das Dilemma einer offenen Demokratie

So unterschiedlich die Fälle sind, führen sie zu derselben Frage: Wie offen kann eine Demokratie bleiben, wenn Politiker bei jedem öffentlichen Auftritt um ihr Leben fürchten müssen?

Nach schweren Angriffen folgen meist Trauerbekundungen und neue Sicherheitsmassnahmen. In Grossbritannien wurde der Schutz ausgebaut. Doch mehr Sicherheit kann Politikerinnen und Politiker von den Menschen abschirmen, die sie vertreten, denn Bürgersprechstunden und öffentliche Auftritte gehören zu einer offenen Demokratie.

Der Fall Widdecombe erweitert diese Debatte. Sie war nicht mehr im Amt und wurde in ihrem eigenen Haus angegriffen. Sollte sich ein politisches Motiv bestätigen, würde dies zeigen, dass die Gefährdung nicht zwingend mit dem Ende des Mandats verschwindet.

Damit stellt sich nicht nur die Frage nach dem Schutz, sondern auch die nach dem Umgang mit politischer Gegnerschaft. Widdecombes Ansichten können scharf kritisiert werden, ohne die Gewalt gegen sie zu relativieren. Gleichzeitig darf ihr Tod nicht dazu führen, ihre politische Vergangenheit zu beschönigen. Demokratische Prinzipien gelten für alle Menschen, auch für die, deren Überzeugungen viele ablehnen.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/ann-widdecombe-tot-im-eigenen-haus-grossbritannien-erschuettert-art-747065

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