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«Die Natur ist etwas anderes»: Angela Merkel wird zum Museumsstück

Seit Mittwoch ist das Porträt der deutschen Altkanzlerin im Berliner Bode-Museum zu sehen. Was denken die Betrachter? Ein Augenschein vor Ort.
von Hansjörg Friedrich Müller, Berlin
Vor dem Ansturm der Selfie-Touristen fertigt eine professionelle Fotografin Bilder des neuen Merkel-Porträts an. (Bild: Fotos: H. F. Müller)
Jérémie Queyras’ Merkel-Porträt ist seit Mittwoch im Berliner Bode-Museum zu sehen.

Angela Merkel lässt ausstellen, und zwar sich selbst: Seit Mittwoch kann das Porträt der deutschen Altkanzlerin im Berliner Bode-Museum von jedermann begutachtet werden; bereits am Dienstagabend haben Merkel, 71, und Jérémie Queyras, der 28-jährige Künstler, das Werk vor einem kleinen Kreis handverlesener Journalisten sowie Wegbegleitern aus Merkels Amtszeit enthüllt. Im Oktober soll es seinem endgültigen Bestimmungsort zugeführt werden, dem Kanzleramt, wo es das vorerst letzte in einer Reihe sein wird, die mit Konrad Adenauer beginnt.

Frage am Mittwochmorgen an die Frau hinter dem Billetschalter: Ob der Andrang grösser sei als sonst? «Nö», kommt es berlinerisch-knapp zurück. Im ersten Stock, wo das Porträt seine temporäre Heimat gefunden hat, ist allerdings deutlich mehr los als in den meisten anderen Sälen.

Angst vor «Wutbürgern» mit Säure und Farbbeuteln

Herr Fankhänel, ein Wärter, bewacht den Eingang zum Merkel-Saal. Wer eine Tasche mitbringt, muss den Inhalt vorzeigen. «Wutbürger», so der Torwächter, könnten sonst Farbbeutel oder Säure einschmuggeln. Auch sechs Jahre nach ihrem Rückzug aus der Politik regt Merkel einige ihrer Landsleute noch immer furchtbar auf. Fankhänel nicht: Er sei «normal kritisch, im demokratischen Rahmen, nicht mit Verschwörungstheorien».

Seine auffällige Hornbrille scheint zu signalisieren, dass der Wärter selbst künstlerisch interessiert sein könnte, und tatsächlich: Fankhänels Antwort auf die Frage, wie er das Porträt finde, zeugt nicht nur von einer gewissen Kennerschaft, sondern auch von Originalität. «Ich hätte ’ne Grisaille witziger gefunden», sagt er, also eine Darstellung ausschliesslich in Grau, Schwarz und Weiss. Nach einem fragenden Blick des Korrespondenten löst Fankhänel auf: «Du hast den Farbfilm vergessen», Nina Hagens Lied aus DDR-Zeiten, das Merkel bei ihrem Abschied als Kanzlerin spielen liess.

Im Saal das Bild: Merkel im blauen Blazer, den Betrachter fest im Blick, aber auch ein wenig müde wirkend, die eine Hand abgestützt, die andere herunterhängend. Es sei mutig, sich so zu zeigen, sagt Christian Quellmalz, ein Mann mittleren Alters mit markantem Kinnbart. Und warum? «Weil man sieht, dass es anstrengend war.»

Jérémie Queyras’ Merkel-Porträt ist seit Mittwoch im Berliner Bode-Museum zu sehen.

«Wutbürger» sucht man im Bode-Museum zumindest an diesem Mittwochmorgen vergebens. Quellmalz’ Blick auf die Altkanzlerin ist jedenfalls so ausgewogen, als entstammte er der Feder eines milde gestimmten Leitartiklers: «Jetzt kommen die schweren Jahre, und dafür haben wir vielleicht nicht genug vorgesorgt», sagt er. Andererseits sei Merkel gerade in Krisen immer effektiv gewesen.

Auch Uneitelkeit attestiert er ihr, ein Urteil, das derart häufig über Merkel zu hören ist, dass es schon fast zum Klischee erstarrt ist. Aber ist wirklich so uneitel, wer sein Porträt im Museum ausstellen lässt? «Doch, doch», entgegnet Quellmalz, der Bürgerfreundlichkeit und Pragmatismus in Merkels Geste sehen will: Andernfalls, so meint er, hätten interessierte Besucher den Tag der Offenen Tür im Kanzleramt abwarten müssen.

Sie machen schon Selfies wie vor einem Klassiker

Merkel hat lange damit gewartet, sich malen zu lassen, länger jedenfalls als die meisten ihrer Vorgänger. Queyras, ein Deutsch-Franzose, soll bereits als 22-Jähriger an die eben erst aus dem Amt geschiedene Altkanzlerin herangetreten und schliesslich, nach Jahren des Wartens, von dieser aus hunderten Bewerbern ausgewählt worden sein; Ende 2025 begann er mit den Arbeiten, die rund zwei Dutzend Sitzungen erfordert haben sollen.

Zumindest dem Verhalten der Besucher nach zu urteilen, ist dabei ein moderner Klassiker entstanden: Wie vor vielen berühmten Werken der Kunstgeschichte werden vor allem Selfies gemacht, anstatt dass das Bild eingehender betrachtet würde. Eine ältere Dame lässt sich von Quellmalz fotografieren und macht dabei mit den Händen die Raute, eine Geste, die durch Merkel berühmt wurde. Die Umstehenden schmunzeln wissend.

Ihre Urteile fallen aus wie so oft, wenn Laien über Kunst befragt werden: «gelungen», «ausdrucksstark», «treffend». Eine Rentnerin aber hebt sich durch ihre Meinung von den anderen ab, und daher soll sie das Schlusswort haben: «Der Künstler hat einen Eindruck, aber die Natur ist etwas anderes.»

Artikel: http://www.vaterland.li/international/angela-merkel-im-museum-was-denken-die-betrachter-ueber-ihr-portraet-art-742672

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