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«Das hier ist kein Wahlkampf»: Streit um Trump und Mamdani beim 9/11-Gedenken

25 Jahre nach den Anschlägen wird in New York über den Umgang mit dem Jahrestag gestritten. Im Zentrum stehen der Bürgermeister und der Präsident.
von Jan Klauth, New York
Politisch verfeindet: Zohran Mamdani, der Bürgermeister von New York, und Donald Trump im Oval Office. (Bild: Yuri Gripas/EPA)
Monica Iken aus New York. (Bild: Jan Klauth)
Ein Junge läuft am Andenken an 9/11 am Feuerwehrgebäude in Manhatten vorbei. (Bild: Angelina Katsanis)
Aufräumarbeiten an «Ground Zero» rund eine Woche nach dem Terrorangriff im September 2001. (Bild: Tannen Maury)

In den Tagen vor dem 11. September schaut sich Monica Iken die zahllosen Dokumentationen über den Anschlag vor 25 Jahren an, wieder und wieder – jene, die sie früher gemieden hat. Die 56‑jährige New-Yorkerin sieht, wie die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers einschlagen, Menschen panisch vor Staubwolken und Feuer fliehen. Fast verlegen erklärt Iken, warum sie hinschaut: Sie sucht immer noch nach Michael, ihrem Ehemann, der damals ums Leben kam. «Wenn ich jemanden sehe, der ihm ähnelt, denke ich sofort: Könnte er das sein?»

Iken steht auf dem Balkon ihrer Wohnung an der Upper East Side, 37 Stockwerke unter ihr pulsiert New York: die Stadt, in der sie aufwuchs, die Stadt, in der sie nach elf Monaten Ehe zur Witwe wurde. Michaels Leichnam fand man nie, ebenso wenig wie persönliche Gegenstände. Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen stellt Iken fest, dass sich etwas verändert hat – nicht ihr Kummer, der sei unverändert geblieben, betont sie. Verändert habe sich der öffentliche Diskurs über 9/11: Anders als in den 24 Jahren davor ist der Gedenktag heute politisch umkämpft.

Stets hat am Jahrestag eine Übereinkunft gegolten: Politiker dürfen erscheinen, sollen aber schweigen und das Gedenken nicht instrumentalisieren. «Dieser Tag ist für die Angehörigen da – nicht für Menschen, die ein politisches Amt verteidigen müssen. Das hier ist keine Wahlkampfveranstaltung», sagt Iken. «Wir kommen hierher, um zu trauern.»

Monica Iken aus New York. (Bild: Jan Klauth)

Ausgerechnet in diesem Jahr gerät diese Vereinbarung ins Wanken – wegen US-Präsident Donald Trump und New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Der demokratische Sozialist und praktizierende Muslim plant, an der Zeremonie am «Ground Zero» teilzunehmen. Gegen seinen Auftritt richtet sich eine Online-Petition auf Change.org, die knapp 100'000 Unterstützer gefunden hat.

Initiator Giovanni Galante – er verlor seine Frau bei den Anschlägen – argumentiert so: Bei der Gedenkfeier gehe es um geteilte amerikanische Grundwerte. Dazu zählten Respekt für die Opfer und eine klare Trennlinie zu jenen Ideologien, die solcher Gewalt den Boden bereiteten. Bei Mamdani hingegen entstehe der gegenteilige Eindruck: Er scheine diese Werte nicht zu teilen.

Konkret bemängelt Galante, der Bürgermeister habe versäumt, den antisemitischen Slogan «Globalize the Intifada» deutlich zu verurteilen. Zudem alarmiere ihn Mamdanis öffentliche Rückendeckung für Siraj Wahhaj und Aber Kawas. Der Brooklyner Imam Wahhaj wird mit radikal-islamistischen Kreisen in Verbindung gebracht; die New Yorker Lokalpolitikerin Kawas wiederum hatte die Anschläge vom 11. September auf «ein paar Leute im Kontext von US-Kapitalismus, Rassismus, weisser Vorherrschaft und Islamfeindlichkeit» zurückgeführt.

Angriffe auf Synagogen und Hisbollah-Fahnen

Auch mehrere Republikaner haben die Petition unterzeichnet – Politiker, die mit Mamdani im Clinch liegen. Einer von ihnen ist Bruce Blakeman, der auf Long Island um das Gouverneursamt kämpft. Sie erkennen ein Muster der Verharmlosung islamistischer Positionen – in jenem Milieu, dem Mamdani seinen Aufstieg verdankt, dem linken Flügel der Democratic Socialists of America (DSA).

Ein Junge läuft am Andenken an 9/11 am Feuerwehrgebäude in Manhatten vorbei. (Bild: Angelina Katsanis)

Nirgendwo zeigt sich diese Entwicklung deutlicher als in New York selbst. Synagogen geraten häufiger ins Visier von Angriffen, auf Kundgebungen tauchen zunehmend Hisbollah-Fahnen auf, und die Polizeistatistik verzeichnet für dieses Jahr einen Rekord bei antijüdischen Gewalttaten. Mamdani selbst hat das zwar verurteilt – trotzdem bleibt bei seinen Kritikern der Vorwurf, sein Lager habe kein klares Verhältnis zum militanten Islamismus gefunden.

Für Daisy Khan wiederholt sich hier ein altbekanntes Muster. Seit fast einem Vierteljahrhundert drehe sich die Debatte um dieselbe Grundfrage: Dürfen Muslime als vollwertige Amerikaner gelten? «Im Kern läuft es darauf hinaus, Muslime aus dem öffentlichen Leben zu drängen», sagt die Islamwissenschafterin. Die antisemitische Gewaltwelle bestreitet sie nicht – ein reales, wachsendes Problem, das sie einräumt. Doch die muslimische Mehrheit dafür verantwortlich zu machen, weist sie zurück: Diese stehe fest zu Demokratie und Säkularität.

Keine Redezeit für den US-Präsidenten

Auch der Präsident geriet in die Kritik, den Gedenktag instrumentalisiert zu haben. Im Vorjahr hatte Trump am Pentagon einen Kranz niedergelegt, eine Rede gehalten und angekündigt, dem kurz zuvor ermordeten Aktivisten Charlie Kirk die Medal of Freedom zu verleihen – für viele Beobachter ein unpassender Moment. In diesem Jahr, berichtet die «New York Times», habe Trump ursprünglich selbst an der Zeremonie in Ground Zero teilnehmen wollen, sei davon aber abgerückt, nachdem ihm die Organisatoren keine Redezeit zugesagt hätten. Das Weisse Haus dementiert diese Schilderung.

«Wer denkt, den Familien läge daran, wer beim Gedenken auftritt – der irrt», sagt Iken. Viel wichtiger sei, wie man mit dem Anschlag umgehe und was man daraus lerne. Sorge bereitet der Witwe der Blick auf die nachwachsende Generation, die auf TikTok ungeprüft Videos und Verschwörungstheorien konsumiert. Sie spricht von «Gehirnwäsche» und setzt sich für einen verpflichtenden Unterricht zum Gedenken an den 11. September ein.

Aufräumarbeiten an «Ground Zero» rund eine Woche nach dem Terrorangriff im September 2001. (Bild: Tannen Maury)

Und dieser könnte bald um einen weiteren Aspekt ergänzt werden. Diese Woche kündigte Bürgermeister Mamdani die Freigabe von zehntausenden Dokumenten an, die beweisen sollen, dass die Stadtverwaltung das Ausmass der Luftbelastung mit Asbest und anderen Giftstoffen vertuscht hat. Die NGO Health Watch hatte auf Herausgabe geklagt.

Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörden starben mehr als 9400 Menschen an Krebs und anderen Krankheiten, verursacht durch Staub und Rauch beim Einsturz des World Trade Centers – mehr als dreimal so viele Todesopfer wie bei den Anschlägen selbst. Die Menschen damals seien krank geworden, weil die Verantwortlichen «sie belogen haben und ihnen sagten, es sei sicher, die giftige Luft einzuatmen», so Mamdani.

Es ist das nächste Kapitel in einer Aufarbeitung, die noch lange dauern wird. Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen zeigt sich, wie wenig die Stadt mit 9/11 abgeschlossen hat.

Artikel: http://www.vaterland.li/international/911-gedenken-in-new-york-streit-um-trump-und-mamdani-art-758012

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