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Als Gott auf der Anklagebank sass

Ein Schicksalsschlag kann sich auf jedem Lebensweg ereignen. Gerade in der globalen Coronapandemie wird den Menschen diese fundamentale Wahrheit wieder bewusst. Es sterben geliebte Angehörige, Arbeiter bangen um ihren Job, andere vereinsamen in der auferlegten Quarantäne. Betroffen sind gleichermassen Menschen mit guten wie schlechten Taten und Werken. Die simple Frage «Warum ich?» beschäftigt uns seit dem Menschheitsbeginn.
(Bild: pd)

In östlichen Kulturkreisen fanden die Religionen eine Antwort im angesammelten Karma, das in vergangene Leben zurückreicht. Im Abendland hingegen ist seit jeher um die Theodizee – also um die Frage nach Gottes Gerechtig­keit – gerungen worden: «Wie kann Gott trotz seiner Güte und Allmacht Leiden zulassen?» Hiob, der rechtschaffen und untadelig war, gilt in der westlichen Geschichte als Sinnbild unverdienten Leids. Noch heute spricht man von einer «Hiobsbotschaft», wenn das Unglück plötzlich ins Leben einbricht. Im ­biblischen Buch Hiob avanciert der Gottesfürchtige zum Ankläger Gottes. Gott macht es ihm nicht leicht.

Zu Beginn des Buchs prahlt Gott vor Satan mit Hiobs Redlichkeit. Satan, selber ein Geschöpf Gottes, verweist darauf, dass Hiob nur gottesfürchtig genannt werden darf, weil das Tun seiner Hände von Gott gesegnet sei. Das schreit nach einer Herausforderung. Satan darf über Hiob walten, um dessen Rechtschaffenheit zu erproben. Die Wette gilt. Gottes einzige Bedingung: «Schone sein Leben!» Daraufhin macht Satan das, was er am besten kann, nämlich Hiobs Leben zur Tortur.

Verschiedene Stämme rauben die grosse Viehmenge des wohlhabenden Mannes und erschlagen seine Knechte. Um der Zerstörung sicherzugehen, lässt Satan auf den restlichen Besitz Feuer fallen. Hiobs Kinder erschlägt er, indem er eine Behausung auf sie einstürzen lässt. Der Gottesfürchtige ist in einer leidigen Situation, doch: «Bei alldem sündigte Hiob nicht und äusserte nichts Ungehöriges gegen Gott.» Der Satan schreitet, gewissenhaft in seinem Handwerk, fort und verabreicht Hiob ein Geschwür von den Fusssohlen bis zum Scheitel. Der Leidende wünscht sich – typisch für jemanden, der in einer aussichtslosen Situation steckt – niemals geboren ­worden zu sein. Sein Schicksal bedauert er: «Was mich erschreckte, das kam über mich, wovor mir bangte, das kam auf mich zu», spricht er zu seinen drei Freunden, die ihn in seiner Misere besuchen. Als sie ihn erblicken, weinen sie vor Schock und zerreissen sich die Gewänder. Die wohlmeinenden Freunde tadeln und verspotten Hiob ob seiner Frömmigkeit und raten, Gott zu verfluchen. Es folgt Gegenrede auf Gegenrede.

Um den Besitz und die Kinder gebracht, schwer erkrankt, von den Freunden gescholten. Was bleibt Hiob übrig, ausser Gott, verständlicherweise, auf die Anklagebank zu stellen? Und – überraschenderweise nimmt der Allmächtige auf dieser Platz. Gott fordert von Hiob: «Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich.» Und in Gottes Fragen, die unaufhörlich niederprasseln, widerspiegelt sich dessen Grösse und Hiobs Nichtigkeit. Gott ist ausser sich: Wie könne man angesichts der Grösse seiner Schöpfung an ihm zweifeln? Er prahlt mit dem Seeungeheuer Leviatan, das ­Flammen speit und über den anderen Tieren steht. Vor diesen schrecklichen Bildern bleibt Hiob nur übrig, zu schlucken: «Sieh, ich bin zu gering. Was kann ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund.» Hiob kann Gott nicht belehren.

Wie soll man diese Ungerechtigkeit verstehen? Auf den ersten Blick scheint Gott blind gegenüber dem Leiden Hiobs, dem Leiden der Menschen, zu sein. Das mögen auch die Menschen sagen, deren Angehörige sterben, die um ihren Job bangen oder in der auferlegten Quarantäne vereinsamen.

Die Antwort eines Theologen
Hiob, die wohl tragischste Geschichte im westlichen Kulturkreis, ist ein philosophischer Knackpunkt. Gott ist allwissend und allmächtig, wie er gegenüber Hiob darlegt. Wieso trifft es den Rechtschaffenden so hart? Eine Antwort darauf zu finden, ist schwierig. Die Buddhisten wie die Hindus erachten die Welt als kausalen Zusammenhang. Jedem Ereignis liegt eine Ursache zugrunde. Zufälle haben keinen Platz, auch nicht im Schicksal. Durch das kosmische Prinzip des Karmas widerfährt dem Gutem Gutes und dem Schlechten Schlechtes. Wenn einem guten Menschen Schlechtes widerfährt, liegt das am angesammelten Karma aus den vergangenen Leben. Auch im Alten Testament gab es zunächst ein ähnliches Prinzip: den Tun-Ergehens-Zusammenhang. Menschen glaubten, dass sie durch gute Taten von Gott begünstigt werden. «Das Buch Hiob nimmt hier eine Korrektur vor», so der Theologe Günther Boss. Demnach erhält die Freiheit Spielraum. Die phantasievolle Geschichte, in denen Gott und Satan plastisch auftreten, ist demnach sehr lebensnah. Man kann auch grundlos ins Leiden geraten.

«In der Theologie gibt es keine überzeugende Rechtfertigung Gottes, wir können seine Entscheidungen nicht rational begründen», sagt der Theologe Günther Boss. Dass deswegen der Gottesglaube unsinnig sei, widerspricht der Geschichte von Hiob. «Hiob lebt in einer lebendigen Gottesbeziehung. Er ist kein Atheist oder Existentialist, der sagt, er könne nicht an Gott glauben, weil Leid existiert», sagt Boss. «Mich fasziniert an ihm, dass er den Gottesglauben nicht aufgibt, obwohl seine Freunde sagen, verfluche eben Gott.» Hiobs Glaube mündet in zwei Wegen. Zum einen hat Hiob die Möglichkeit, ein Zwiegespräch mit Gott zu führen und mit ihm sozusagen vor Gericht zu ziehen. «Der Gerichtsgedanke ist für mich nicht düster. Denn so habe auch ich die Möglichkeit, den Schöpfer zu konfrontieren, Fragen zu stellen. In meinem Alter erlebte ich einige Schicksalsschläge und bin mit dem Tod von Verwandten konfrontiert.» Die Vorstellung, dass Gott beim Himmelstor mit aufgeschlagenem Buch auf den Verstorbenen wartet, um mit einem Verzeichnis wie ein Buchhalter zu richten, sei unangemessen. «Diesen Buchhalter-Gott sollten wir verabschieden. Besser ist die Vorstellung einer echten Begegnung mit dem Schöpfer, die auch Fragen zulässt.»

Zum anderen bleibt ein moralischer Lebenswandel dennoch sinnvoll. «Gott weist zwar Hiob zurecht, doch stellt er sich auf seine Seite und nimmt ihn in Schutz gegen die Einflüsterungen seiner Freunde», so Boss. Dementsprechend wird die Rahmenhandlung auch aufgelöst. Durch Gottes Rede bleibt Hiob auf dem rechten Pfad und wird dementsprechend belohnt. Hiob arbeitet hart. Daraufhin verdoppelt Gott oder das Schicksal seinen Besitz. Im hohen Alter hat Hiob zehn Kinder.

Das Christentum hat die Frage des Leidens über Hiob hinaus vertieft. Jesus ist laut den Evangelien ein wandernder Heiler. Beispielsweise schenkt er einem Blindgeborenen das Augenlicht. Seine Jünger wollen dazwischentreten, mit dem Argument, dass die Blindheit die Strafe Gottes für das Handeln der Eltern sei. Jesus widerspricht dem und sagt: «Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.» Im christlichen Verständnis fordert das unschuldige Leiden zur Empathie heraus. Nächstenliebe heisst auch, sinnloses Leiden wahrzunehmen und zu überwinden helfen.

«Der Mensch hat zunächst ein ambivalentes Gottesbild», sagt Boss. Viele Naturreligionen kennen einen ewigen Kampf zwischen einem guten und einem bösen Prinzip. Anders die Schöpfungsaussagen in der Bibel: Gott hat alles zwischen Himmel und Erde geschaffen. Der Satan ist bloss ein Geschöpf Gottes, aber kein zweiter Gott. Am Ende des ersten Schöpfungsberichtes heisst es sogar: «Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.»

Die Theodizee-Frage ist dadurch allerdings nicht beantwortet, sondern sogar verstärkt: Wenn Gott Schöpfer von allem ist, ist er in gewisser Weise auch Schöpfer des Übels und der Leiden. Das sinnlose Leiden bleibt für uns eine offene Frage. In einer christlichen Perspektive wird man sagen können: Jesus ist selber den Weg durch Leiden und Kreuz gegangen. Das Leiden ist Gott zufolge demnach nicht äusserlich, auch wenn das die Geschichte von Hiob auf den ersten Blick vermuten lässt.

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