• Peter Ambühl
    Peter Ambühl  (Tatjana Schnalzger)

«Wir sollten neugierig bleiben wie die Kinder»

Seit 12 Jahren arbeitet Peter Ambühl bereits als Berufsberater beim Amt für Berufsbildung und Berufsberatung (ABB) in Schaan. Eine lange Zeit, in der er viel Erfahrung sammeln konnte. Im Interview spricht er über seine Arbeit, gibt Tipps zur Berufswahl und motiviert Jugendliche, offen zu bleiben und selbst aktiv zu werden.
Vaduz. 

Herr Ambühl, wenn ein Jugendlicher zu Ihnen kommt und überhaupt nicht weiss, was er einmal werden will – wie gehen Sie vor?
Peter Ambühl: Seit vielen Jahren bewährt sich ein erstes ungezwungenes Kennenlernen. In der Regel geben Jugendliche gerne Auskunft über ihre Freizeit, über schulische Stärken und Schwierigkeiten, über Gesundheit, Familie, Haustiere, Idole und Traumberufe, über besondere Fähigkeiten, Sport- und Vereinstätigkeiten. Daraus ergeben sich meistens wertvolle Hinweise zur ersten Berufswahl. Wenn sich über das Gespräch eine Vertrauensbasis entwickelt, laden wir Jugendliche ohne bisherige konkrete berufliche Vorstellungen für einen besonderen berufsberaterischen Abklärungsmorgen ein. Gemeinsam erforschen wir ihre Interessen, Neigungen und Fähigkeiten. Die Ergebnisse des Abklärungsmorgens besprechen wir an einem dritten Gesprächstermin mit den Jugendlichen und ihren nahen Bezugspersonen, in der Regel mit deren Eltern.

In welchen Bereichen kann die Berufsberatung Hilfe anbieten?
Die Berufsberatung unterstützt bei allen Fragen zur Interessensfindung. Besondere Begabungen und Talente werden untersucht. Schulische Fähigkeiten geben Hinweise, ob eine anspruchsvolle berufliche Aufgabe ins Auge gefasst werden sollte. Jugendliche erhalten Tipps, wie sie sich in Betrieben präsentieren können und wie eine Schnupperlehre erfolgreich gestaltet wird. Die Berufsberatung vermittelt Adressen von Lehrbetrieben, die eine gewünschte Ausbildung anbieten. Gemeinsam mit den Jugendlichen werden gelegentlich auch Bewerbungsunterlagen entwickelt. Berufswahlreife erlangen bedeutet, sich einem Entwicklungsprozess zu stellen. Die Jugendlichen sind die Hauptdarsteller/innen.  Man kann sie unterstützen, motivieren, sie fördern, mahnen und manchmal auch drängen. Letztlich ist der Zeitpunkt der Berufswahlreife jedoch individuell, genauso wie die Blütezeit des Löwenzahns eine andere ist als diejenige des Hahnenfusses. Wenn Jugendliche ihre besonderen Interessen und Fähigkeiten erkennen, dann finden sie zumeist auch den richtigen Platz in der Lehre, im Studium und später im Beruf.

Auf der einen Seite sagt man Jugendlichen, dass sie an ihre Träume glauben sollen. Auf der anderen Seite muss man sie immer wieder auf den Boden der Realität zurückholen, wenn das Ziel – zumindest momentan – unerreichbar scheint. Wie viel Sensibilität ist bei dieser Thematik gefragt?
Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Wunsch und Realität sind so alt wie die Menschheit. Leider verlieren die Kinder und Jugendlichen von heute manchmal allzu schnell ihre Ideale und ihre Träume. Der reale Alltag prägt sie. Es braucht viel Fingerspitzengefühl im Beratungsprozess mit Jugendlichen und deren Eltern, wenn es darum geht, die verschiedenen Wege zum «beruflichen Glück» aufzuzeigen. Worin die besondere Lebensqualität für den Einzelnen besteht, ist sehr unterschiedlich. Der brotlose Künstler kann zuweilen glücklicher sein als der materiell gesicherte Rektor einer Universität. Nicht zu vergessen: Was im Beruf nicht zu erreichen ist, kann manchmal in der Familie, in der Freizeit beim Hobby oder in einer Vereinstätigkeit verwirklicht werden.   

Immer wieder hört man davon, dass es im handwerklichen Bereich einen Lehrlingsmangel gibt. Viele Betriebe jammern, keine geeigneten Lehrlinge mehr zu finden. Wie erklären Sie sich dies?
Dass das Handwerk goldenen Boden und damit Zukunft hat, ist mancherorts etwas in Vergessenheit geraten. Der Königsweg zum «beruflichen Glück» scheint für viele Schüler/innen und deren Eltern nach wie vor der gymnasiale. Karrieregedanken und materielle Sicherheit stehen im Vordergrund. Wichtige Vorzüge des Handwerks werden dabei  verkannt. Burnout, um ein Beispiel zu nennen, wird statistisch vergleichsweise mehr bei theoretischer als bei handwerklicher Arbeit festgestellt.

Wie kann man diesem Trend entgegenwirken? Sehen Sie eine Möglichkeit, handwerkliche Berufe für junge Menschen wieder attraktiver zu machen?
Das Bildungs- und das Wirtschaftsministerium in Liechtenstein befassen sich derzeit mit der Verbesserung der Attraktivität von handwerklichen Berufen. Verschiedene Aktivitäten zur Stärkung der beruflichen Grundbildung sind geplant und in Vorbereitung. Unter anderem wurden dieses Jahr im September die Berufs- & Bildungstage in Schaan durchgeführt.

Sie sind nun schon 12 Jahre als Berufsberater tätig. Was sind die grössten Herausforderungen, denen sie sich im Alltag stellen müssen?
Bildung ist eine sehr lebendige Angelegenheit. Der sich schnell verändernden Wirtschaftswelt entsprechend erreichen laufend neue berufliche Bezeichnungen den Bildungsmarkt. Berufliche Namensgebungen ändern schon fast so schnell wie Smartphone-Generationen. Sich à jour zu halten, ist sehr anspruchsvoll. Wer kennt bereits den neuen Beruf «Fachmann/-frau Bewegungs- und Gesundheitsförderung»?

Was war Ihr schwierigster «Fall», den Sie erfolgreich betreuen konnten?
Ich berate mit Schwerpunkt Ratsuchende, die sich unfallbedingt oder wegen Krankheit beruflich neu orientieren. Wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen eine Ausbildung oder einen Beruf aufgeben muss, bin ich als Mensch und Berater sehr gefordert. Die dann notwendig werdende Zusammenarbeit mit verschiedenen Amtsstellen und Institutionen ist für die Berufsberatung und für die Ratsuchenden anspruchsvoll. Wenn jemand beispielsweise nach erlittener Querschnittlähmung bei aller körperlicher Herausforderung den Optimismus nicht verliert, sich sogar den Humor erhält, eine den neuen  Voraussetzungen entsprechende Arbeit entdeckt und in ihr glücklich wird, dann ist das wahrlich ein Anlass zur Freude.

Was sind die grössten Fehler, die Jugendliche bei der Lehrstellensuche machen?
Schwierig wird es, wenn sich Jugendliche allzu sehr bedienen lassen, wenn sie sich nicht als aktive Hauptperson im Zentrum ihrer Berufswahl verstehen. Jugendliche, die sich hinter ihren Eltern und Lehrkräften verstecken, die nicht selbstständig ihre Fühler in der Berufs- und Arbeitswelt ausstrecken wollen, werden von Ausbildern als unreif erkannt und zurückgewiesen. Jugendliche sollten sich bei Bewerbungsverfahren mutig in ihrer ganz individuellen Art präsentieren. Sie müssen sich der Berufswelt offen stellen und dabei Tätigkeiten in verschiedenen Berufen über Schnupperlehren vergleichen.  

Was für Tipps können Sie bezüglich der Berufswahl mit auf den Weg geben? Ab wann sollten sich junge Menschen mit dem Thema beschäftigen?
Die Berufswahl begleitet uns ein Leben lang. Schon als ganz kleines Kind mimen wir die Friseurin, die Lehrerin, den Lastwagenchauffeur, die Tierärztin. Im Jugendalter wird die erste Berufs- und Studienwahl zentral. Förderlich ist es, wenn die Heranwachsenden nebst der Entwicklung ihres persönlichen Welt- und Menschenbildes und nebst erster Liebe und Partnerschaft sich offen und unbeschwert für den Einstieg in die Berufs- und Arbeitswelt zeigen. Eltern, Lehrkräfte und Berufsberatende sind zur begleitenden Unterstützung aufgefordert. Nach abgeschlossener Erstausbildung befassen sich junge Erwachsene mit Fragen zur Weiterbildung und zur Karriere. Die meisten über fünfzigjährigen Menschen haben heutzutage mehrere Berufe erlernt. Die rasante technologische Entwicklung wirkt sich ständig auf unsere berufliche Arbeit aus. Selbst im Pensionsalter sind die Menschen noch mit Berufswahlfragen befasst. Sie begeben sich, weil sie noch immer gesund sind, in spannende neue Tätigkeitsfelder. Wir sollten neugierig bleiben wie die Kinder. Wenn wir uns für den dauernden Wandel in unserer Welt interessieren, werden wir ganz beiläufig in neue berufliche Wege gelenkt. Für einen offenen Menschen ist der Wandel in der Berufs- und Arbeitswelt keine Last. Er freut sich über die damit verbundenen Herausforderungen. Die Berufswahl stellt sich dem offenen Menschen immer wieder neu.

Raten Sie den Jugendlichen manchmal auch zu einem Zwischenjahr? Wie lässt sich ein solches sinnvoll nutzen?
Ein Zwischenjahr nach abgeschlossener Pflichtschule kann höchst sinnvoll sein, vor allem dann, wenn die beruflichen Ziele noch vage sind, wenn noch immer schulische Lücken für das Erreichen eines bestimmten Ausbildungsziels bestehen oder wenn kurzfristig kein Lehrstellenangebot  im gewählten «Traumberuf» vorhanden ist. Ein Zwischenjahr wird auch als ein Brückenangebot bezeichnet, als eine Brücke zwischen der Pflichtschule und der beruflichen Ausbildung. Zu den sogenannten Brückenangeboten zählen unter anderem: Freiwilliges 10. Schuljahr, Vorlehre, Berufsvorbereitungsjahr, Freiwilliges Soziales Jahr, Handelsschule, Gestalterischer Vorkurs oder ein Fremdsprachaufenthalt. (ne)

 

15. Sep 2015 / 10:59
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