• Thomas Graziadei
    Interview mit Thomas Graziadei zum Thema Freiwilligendienst  (Daniel Schwendener)

«Ich habe alles, was ich brauche»

Es ist Sommer 2012, morgens um 7.15 Uhr, in einem Wohnheim für HIV-Positive und Aidskranke in Madrid. Ein Klopfzeichen und ein freundliches «Buenos Dias» dringen durch die Zimmertür: Zeit zum Aufstehen. Für Thomas Graziadei, den Freiwilligen aus Liechtenstein, beginnt ein anstrengender Tag in dem spanischen Heim, das rund eine Zugstunde ausserhalb von Madrid liegt. Für die rund 60 Bewohner ist der Ort wie ein zweites – oder manchmal auch das einzige – Zuhause.
Vaduz. 

«Meine Oma schüttelt heute noch den Kopf, weil ich meine gute und sichere Stelle bei der Swarovski AG aufgegeben habe, um im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes (EFD) ein Sozialpraktikum in Madrid zu absolvieren. Aber eine KV-Stelle war langfristig einfach nicht das Richtige für mich», erzählt Thomas Graziadei. Für den damals 28jährigen war der Zeitpunkt ideal, weil auch seine Freundin Natalija zur selben Zeit ein Praktikum in einem Madrider Architekturbüro gemacht hat. So konnten sich die beiden an den Wochenenden oft sehen.

Chance für junge Menschen
Thomas hat die Chance ergriffen und im Rahmen des Programms «Jugend in Aktion» ein Auslandspraktikum im sozialen Bereich absolviert. Diese Möglichkeit steht allen Jugendlichen von 17 bis 30 Jahren offen, die ihren Horizont erweitern und eine begleitete Erfahrung in einem anderen Land machen wollen. Die Voraussetzungen sind eine gewisse persönliche Reife und die Bereitschaft, sich für das Praktikum zu engagieren. Nicht alle Stellen sind seelisch so fordernd wie die von Thomas, der HIV-positive oder an Aids erkrankte Menschen betreut hat (siehe Infos für andere Teilnehmende). Er fand die Arbeit auf Anhieb interessant: «Berührungsängste hatte ich keine, aber da wir über die Krankengeschichten der Einzelnen nicht wirklich Bescheid wussten, habe ich im Umgang mit allen eine natürliche Vorsicht walten lassen – ganz besonders, weil ich anfangs nur gebrochen Spanisch sprach.»

Wiedersehensfreude
«Mir wurde in dieser Zeit stark bewusst, dass ich sehr zufrieden sein kann mit meinem Leben. Ich bin gesund und habe immer alles, was ich brauche. Die Heimbewohnerinnen und -bewohner ertragen ein hartes Schicksal. Viele verlassen das Heim nach einigen Monaten, manchebleiben jedoch freiwillig für immer, weil sie nicht mehr den Mut haben, mit ihrer Krankheit in der Welt draussen auf eigenen Beinen zu stehen», erzählt Thomas. Der schönste Moment sei der gewesen, als er krank war und nach einigen Tagen wieder zur Arbeit kam.«Die freudigen Gesichter der Menschen sehe ich heute noch vor  mir. Sie waren glücklich, mich wieder zu sehen. Das war ein schönes Gefühl.» Zu den vielen guten Augenblicken zählten auch die Geburtstagsfeiern im Heim. «Bei 60 Bewohnern hatte praktisch jede Woche jemand Geburtstag und es gab Kuchen mit Kerzen.»

Unbelastet und geduldig
Das Madrider Heim wird fast vollständig von freiwilligen Helfern geführt und von einem Kirchenorden unterstützt. Der Betrieb finanziert sich grösstenteils durch Spenden. «Die Voraussetzung für meine Arbeit im Heim war, dass ich selbst unbelastet war. Da die Menschen dort schon genug Sorgen hatten, habe ich während der Arbeit stets darauf geachtet, gute Laune zu verbreiten und ihnen gutes Gefühl zu vermitteln», berichtet Thomas über seine Arbeit. Das war nicht immer einfach. «Eine Dame im Rollstuhl hat mit ihrem ständigen Jammern die Geduld von uns Pflegern hart auf die Probe gestellt. Ich bin nie grob geworden, aber wenn beispielsweise alle beim Essen sassen, habe ich gelernt, ihr zielloses Jammern zu ignorieren. Gar nicht so einfach», gibt er zu. Thomas nahm nicht nur  Betreuungsaufgaben wahr, sondern hat auch im Garten oder der in der Küche geholfen – eben dort, wo gerade Not am Mann war.

Sozialer Beruf als Ziel
Seit Thomas Graziadei aus Madrid zurück ist, hat er in verschiedenen Betrieben gearbeitet. Derzeit ist er als Hilfsförster im Einsatz. Seit August 2014 besucht er die Berufsmittelschule in Vaduz, eine Abendschule, die zur Berufsmatura führt. Anschliessend will er an einer Universität den Bachelor-Titel in Sozialpädagogik machen – eine gute Voraussetzung für einen sozialen Beruf. Seine Freundin Natalija, die ihn am Wochenende ab und zu im Heim besucht hat, findet seine Entscheidung zur sozialen Ausbildung gut. Sie fasst zusammen: «Mir gefallen die Möglichkeiten, die der Freiwilligendienst bietet. Thomas hat mich während meines Architekturstudiums an der Uni Liechtenstein unterstützt. Nun will ich etwas für ihn tun.» (osa)

11. Sep 2014 / 08:45
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