• Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung über den Holocaust sprechen können. Das Jüdische Museum Hohenems A thematisiert dies in einer neuen Ausstellung.
    Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung über den Holocaust sprechen können. Das Jüdische Museum Hohenems A thematisiert dies in einer neuen Ausstellung.  (Jüdisches Museum Hohenems)

Bald keine Zeitzeugen des Holocaust mehr

Das Jüdische Museum Hohenems A beschäftigt sich in einer neuen Ausstellung mit dem Ende der Zeitzeugenschaft des Holocaust: Nur noch wenige Überlebende können aus eigener Erfahrung berichten. Übrig bleiben Bild- und Tondokumente.
Hohenems A. 

Die Frage, wie man mit dem näher rückenden Ableben der letzten Überlebenden des NS-Regimes umgehen solle, stelle sich seit 20 Jahren, hiess es bei der Präsentation der Ausstellung vor den Medien. "Das Leben ist endlich. Die letzten Überlebenden treten von der öffentlichen Bühne ab und der Moment kommt näher, dass sie nicht mehr da sind", so Direktor Hanno Loewy.

Übrig bleiben Zeugendokumente. In der Ausstellung wird nun ihre Entstehung und gesellschaftliche Rolle im Laufe der Zeit hinterfragt. Ausgangspunkt ist ein bisher nie gezeigter Einblick in die Video-Sammlung des Museums. Es gehe darum, Fragen zu stellen und zu zeigen, dass "Erzählungen immer geformt" seien, hiess es dazu.

Aufzeichnungen in voller Länge

Bereits in den 1940er-Jahren begann man damit, die Erzählungen von Zeitzeugen des NS-Regimes sowie von Überlebenden der Konzentrationslager aufzuzeichnen und für die Nachwelt in Film und Ton festzuhalten.

In der Ausstellung wird der gesamte Prozess gezeigt, der zu diesen Zeitzeugeninterviews führte. Dazu stellt das Jüdische Museum die Aufzeichnungen den Besuchern in voller Länge zur Verfügung, oft über zwei Stunden Material, inklusive aller Unterbrechungen, Zwischentöne, Interviewer-Nachfragen, Licht- oder Bandausfällen.

Die Besucherinnen und Besucher erhielten damit einen Blick hinter die Kulissen dieser oft wie in einer dramaturgischen Szenerie erstellten Dokumentationen. Die Sichtweise darauf verändere sich: Jeder erinnere sich anders, zeitliche Folgen kämen durcheinander, Geschehnisse würden verdrängt oder ausgelassen.

In der Ausstellung wird weiter in einem historischen Abriss die Rolle untersucht, welche die Interviews gesellschaftlich spielten. Die Selbstdarstellung der Zeugen, der historische Kontext und die Reaktion der Gesellschaft darauf beeinflussten sich gegenseitig.

So widmeten sich viele Menschen in den 1950er-Jahren dem Wiederaufbau, die Zeitzeugen erhielten kaum Raum oder wurden für politische Zwecke missbraucht, während sie in den 1960er-Jahren Gewicht als Gerichtszeugen in den Nazi-Prozessen bekamen, aber auch angezweifelt wurden.

Übersättigung und neue Fragen

Für die 1970er-Jahre stelle man dagegen eine Art Übersättigung der auf die Zukunft ausgerichteten Gesellschaft fest, aber auch ein Brodeln unter der Oberfläche. In den 1980er-Jahren stellten dann die Kinder der Nachkriegsgeneration neue Fragen.

In den 1990er-Jahren kamen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion neue Opfergruppen und Fragestellungen dazu, auch falsche Zeugen nutzten die gewachsenen medialen Plattformen. Man stelle sich damit auch als Institution die Frage, "was passiert, wenn in Zukunft die Zeitzeugen als Korrektiv nicht mehr da sind", hiess es zur Ausstellung.

Die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft" ist in Hohenems bis zum 13. April 2020 zu sehen. Sie soll danach in München und Berlin gezeigt werden. (sda/apa)

11. Nov 2019 / 15:03
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