• Das frühere Vaduz
    Das Vaduz von früher wirkt verschlafen und Hochhäuser gab es noch nicht.  (Archiv Moritz Gassner)

Sagenhaftes – Erzähltes – Geschriebenes

Der Hauptort des Landes zeigt sich derzeit als Baustelle. Dennoch, er ist mit dem Schloss die von Touristen am meisten besuchte Gemeinde des Landes. «Für mich ist Vaduz vor allem Erinnerung», so der Sagenerzähler Herbert Hilbe.
Vaduz. 

Einzelfunde belegen die Anwesenheit von Menschen in der Frühbronzezeit. Belege für eine Siedlung fehlen bis um 1200 unserer Zeitrechnung, somit liegt die Entstehung der Siedlung noch im Dunkeln. Aufgrund von Flurnamen kann von einer Siedlung ab dem Frühmittelalter gesprochen werden. Obwohl Vaduz Gerichtsort, Verwaltungssitz sowie wichtigste Zollstätte war und 1592 das Marktrecht erhielt, gehörte der Ort kirchlich bis 1842 zu Schaan. Durch Vaduz verlief die römische Transitstrasse zum Bodensee, im Hochmittelalter ist die Reichsstrasse (Landstrasse) im Vaduzner Städtli belegt. Eine befestigte Verbindung über den Rhein wurde erst 1871 gebaut. Vordem war man auf das Fähr­wesen angewiesen.

Noch zwei Bemerkungen zu Vaduzner Flurnamen: Der Name der Gemeinde gehört mit grösster Wahrscheinlichkeit zum Rätoromanischen «avadutg» (Wasserleitung, Wasserführung). Ein weiterer Name weist indirekt auf Wasser hin. Der Name «Essla» ist den älteren Vaduznerinnen und Vaduznern noch bekannt. Es handelt sich um ein Grundstück im Vaduzner Zentrum. In unserer Jugend war die Essla der Ort, an dem man sich versammelte, bevor man weiterzog; nur, bei uns hiess es damals «Wir treffen uns auf dem Wolf-Parkplatz». Zur Essla gehörte auch das Gebäude, in welchem die Buch- und Verlagsdruckerei BVD war. Der Name ist aus ursprünglichem lateinischen INSVLA (Auland, Insel) entstanden; rtr. «isla» (Auland – Essla = Äuli, ein Übersetzungsname).

Eine letzte Bemerkung zur Mundart. Die Verkleinerungsform endet in Vaduz mit «i». Definitiv. Und wenn wir heute nicht durchs Äuli fahren oder im Städtli sind. Die Schreibweisen Äule und Städtle sind aufgrund mancher Einflüsse entstanden (etwa durch die Verwaltung und das Beamtendeutsch oder von von Wien eingesetzten Verwaltern).

Meine Erinnerung an Vaduz geht auf 1972 zurück
Erst mit zwölf Jahren, im Marianum fängt sie an. Mein dortiger Schulfreund Thomas wohnte am Widagraba, und oft nutzten wir den Nachmittag, dort unsere Hausaufgaben zu erledigen. Die zweite bleibende Erinnerung war ein Fussballspiel gegen die C-Junioren auf dem Vaduzner Fussballplatz. Ich schoss das erste Tor meiner langen Fussballer-«Karriere», nach einem Dribbling stand ich allein vor dem Vaduzner Torhüter (er hiess Karl-Heinz und wurde später Bürgermeister). Ich schob den Ball zwischen seinen Beinen ins Tor. Später dann, als ich den Unterschied zwischen Orangina und Bier kennengelernt hatte, war ich oft mit Tapiflex unterwegs. Mit ihm und anderen Kollegen war ich im «Bambi», im «Seger», im «Wolf», im «Grüneck», in der «Au» und lernte so die wirtschaftliche Seite unserer Hauptstadt kennen.

Ehe ich 1984 selbst nach Vaduz an den Schrega Weg zog, war ich drei Jahre lang Lehrling in der Landesverwaltung und weitere drei Jahre Mitarbeiter bei Ing. agr. Ernst Ospelt im Schädlerhaus. Während dieser Zeit lernte, hörte und erlebte ich vieles in und über Vaduz. Ernst Ospelt erzählte mir stundenlang von seiner Jugend, von Verwandtschaftsverhältnissen, vom Krieg und vieles mehr. Das Landwirtschaftsamt wurde auch gerne besucht. Die Wahlvaduzner Eugen Bühler und Erich Goop trugen vieles zu meinem Wissen über Vaduz bei. Selbst der häufige Gast im Amt, Kurt Schremser, gab manche Anekdote zum besten.

1984 zog ich nach Vaduz, arbeitete bei der «Wache» und wurde als Vaduzner «Gemeindepolizist ab 18 Uhr» vereidigt. Familiäre Umstände zwangen mich und meine Frau, wieder nach Triesenberg zurückzuziehen.

Sagen aus Vaduz? Es gibt eine stattliche Anzahl davon
Ausser dem Lochgass-Schimmel fällt den meisten nicht mehr viel ein. Doch hat Vaduz eine stattliche Anzahl an Sagen (entgegen anderen Meinungen aus dem Bürgermeisteramt). Aber auch Erzählungen, fast sagenhaft, finden sich zahlreich. Dabei schliesse ich die vielen Anekdoten rund um das Grosse Haus aus. Auch die Landesbeschreiber lasse ich aussen vor, denn sie hatten über die Bevölkerung nicht viel Positives zu berichten. Mit einem Wort: Die Vaduzner waren Gotteri.

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Bleiben wir beim Thema: Über die folgende Sage kann man streiten. Es steckt hinter ihr wohl eine blosse Anekdote, aber sie schuf eine Sagengestalt: Das Äulitier. In Vaduz ging früher das Äulitier um. Vor allem nachts hatten Spätheimkehrer ständig Angst vor dem Äulitier. E erschien entweder als schwarzer Hund oder als schwarzer Bock. Ein junger Vaduzner hatte einen sehr strengen Vater. Wenn nun der Sohn beabsichtigte, abends noch etwas zu unternehmen, legte er ein Holzstück ins Bett und zog diesem die Schlafmütze an, damit der Vater bei seiner nächtlichen Kontrolle sein Verschwinden nicht bemerkte. Bei einer solchen Gelegenheit, als sich der Sohn mitten in der Nacht auf den Heimweg machte, ging er seinen gewohnten Weg vom Äuli, das damals noch Aulandschaft und mit hohem Schilf bewachsen war, nach Hause. Da raschelte es plötzlich hinter ihm. Er drehte sich um und sah ein grosses schwarzes Tier mit feurigen Augen vor sich stehen. Rasch versuchte der Bursche, auf die Landstrasse zu gelangen. Er erhöhte das Tempo und schliesslich rannte er, aber das Untier folgte ihm unerbittlich. Als er schon auf die Leiter an seinem Fenster sprang, packte ihn das Äulitier an den Hosenbeinen. Zu schreien getraute sich der Bursche wegen seines Vaters nicht. Also drehte er sich um und wollte so dem Untier entgegentreten. Er staunte nicht schlecht, als er sah, dass sein eigener Hund vor Freude am Hosenbein zog.

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Ein Schloss, vor allem ein im Wald verstecktes, muss zu einer Sage führen. An Maria Himmelfahrt gingen einige Mädchen zum Beerensammeln in den Wald. Auf ihrem Weg kamen sie an der Ruine von Schloss Schalun vorbei. Da sahen sie plötzlich in ihrer Nähe zwei herumirrende Ritter, die ihnen zuriefen und sie heranwinkten. Die Mädchen erschraken ganz fürchterlich und rannten, so schnell sie konnten, weg. Als sie sich umschauten, war der ganze Spuk verschwunden. Zu Hause erzählten die Mädchen ihr Erlebnis und die Leute waren überzeugt, dass die ehemaligen Bewohner von Schloss Schalun wegen ihrer wüsten und schändlichen Taten als Raubritter an Maria Himmelfahrt vernichtet worden seien. Seither müssen zwei ihrer Ritter alljährlich an diesem Tag geisten.

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Vor allem die Alpen bergen so manche Sage. Die Alpzeit dauerte für die Küher und Hirten lange. Sie waren der Natur ausgesetzt und mancher Gefahr ausgesetzt: Junge Vaduzner Burschen unternahmen eine Wanderung ins Malbuntal. In der Alphütte auf Pradamee übernachteten sie. Sie waren müde von der Wanderung, legten sich früh in die Betten und schliefen tief. Nachts hörten sie Geräusche, doch jeder dachte, das sei wohl einer der Kameraden. Sie wurden aber trotzdem mit der Zeit hellwach. Leise schlichen sie sich aus dem Bett. Sie sahen, wie Bütze am Arbeiten waren. Beruhigt gingen sie wieder ins Bett. Am Morgen fanden sie den Hauptraum blitzblank geputzt vor. Butter und Käse waren fertig und standen in Gestellen bereit, nichts wies darauf hin, dass hier gearbeitet worden war.

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Die Pestzeit, eine grausame Zeit, nicht nur in Liechtenstein: In Vaduz blieben nach der Pestzeit gerade noch elf Menschen am Leben. Diese versammelten sich, so sagt man, in einem Haus im Altabach, um zu beraten, wie es jetzt weitergehen solle. (hh)

 

Nachweise: Zu lesen und zu hören (im Buchhandel und in den Bibliotheken):

Hilbe, Herbert; Susanne Smajic (Illustration): Liechtensteiner Sagen, neu erzählt. Triesen, van Eck Verlag, 2011.
Hilbe, Herbert; Kirchmayr, Jakob (Zeichnungen): Sagenwelt Liechtenstein. Triesen, van Eck Verlag, 2017.
«Wia ma bi üüs red»: Eine Tonsammlung der liechtensteinischen Ortsmundarten. Hrsg. Dr. Roman Banzer. Triesen, 1998.

Internet: www.sagen.li, www.sagen.at

05. Okt 2018 / 18:53
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