• In der «Steinort Papyr Mühl» in Triesenberg stellt Hanspeter Leibold seit Jahren handgeschöpftes Papier mit mittelalterlichen Verfahren her.  (Marco Nescher)

Papier-Universum in Triesenberg

Hanspeter Leibold betreibt seit vielen Jahren eine kleine Papierfabrik in Triesenberg und stellt handgeschöpfte Papiere wie zu Zeiten des Mittelalters her. Der Ehrenpräsident der Schweizer Papierhistoriker ist Erfinder, Erzähler und Papierschöpfer in einer Person.
Triesenberg. 

Wer dieses Haus betritt, begibt sich auf eine Zeitreise: knarrende Holzdielen, ein modrig-süsslicher Geruch, überall Kalendersprüche und Weisheiten, die bis weit ins Mittelalter zurückreichen. Hanspeter Leibold hat sich im Steinort in Triesenberg seine eigene Welt erschaffen: ein Papier-Universum. 

Leibold ist 1944 in Rottweil am Neckar geboren, einer mittelalterlichen Stadt zwischen Konstanz und Stuttgart. Er absolvierte eine Grundausbildung zum Vermessungstechniker und Planer. Daneben malte er auch häufig mit Öl- und Aquarellfarben. Die Liebe zum Papier entstand schon während seiner Gymnasialzeit. Für Freunde und Familie stellte er jedes Jahr eine spezielle Weihnachtskarte her, die immer grossen Anklang fand. «Je kleiner der Künstler, desto besser muss das Papier sein», dachte er sich, und machte sich auf die Suche nach besonderem Papier. Er kaufte sich mit seinem Taschengeld teures handgeschöpftes Papier aus Frankreich von Richard de Bas. Irgendwann wurde dort der Betrieb aber eingestellt, und so fing er in der Waschküche seiner Frau an, eigenes herzustellen. 

Handgeschöpfte Papiere wie damals im Mittelalter
1977 gründete er in Triesenberg die Kunstwerkstätten Hanspeter Leibold, bestehend aus der «Steinort Papyr Mühl» und der «Offizin zum Rothen Thurm». In Triesenberg lebt der zweifache Vater und Rentner gemeinsam mit seiner Frau in einem älteren Haus im verwinkelten Steinort. Direkt daneben errichtete Leibold in den 70er-Jahren mithilfe eines Freundes einen Holzanbau nach dem Vorbild einer typischen Papiermühle in der Auvergne: seine eigene Kunstwerkstätte. Es ist eine kleine und enge, aber vielfältige Welt, in die Leibold seine Besucher eintauchen lässt. Die Luft ist feucht, überall hängen nasse Blätter oder Filz. Leibold betreibt eine Handschöpferei. Er stellt handgeschöpfte Papiere wie im Mittelalter her. Ausgelesene Leinen- und Baumwolllumpen werden aufbereitet und im sogenannten «Holländer» zerkleinert, zerfasert und gemahlen. Im Wasser schwimmen dann kleinste Partikel, aus denen später einmal Papier wird. Danach wird Blatt für Blatt mit dem Schöpfsieb aus der Bütte geschöpft, auf den Filzen abgegautscht, unter dem Spindel gepresst und unterm Dachstuhl getrocknet. Alle hergestellten Bögen tragen als Zeichen der Herkunft und Qualität teils geschützte und kostbare Wasserzeichen. Die Kosten für die Maschinen sind beträchtlich. Ein «Holländer» kostet schnell einmal 30 000 Franken. 
Einen seiner «Holländer» hat Leibold, der seinen Ideenreichtum mit handwerklichem Geschick verbindet, kurzerhand selber angefertigt: «Skizzen eines holländischen Stichs aus dem 18. Jahrhundert dienten mir als Grundlage.» Er reicht dem Besucher ein Buch, das bereits vergilbt und mit Wasserschäden versehen ist: «Massangaben stehen keine drin.» Leibold liebt das Tüfteln und Probieren. Aus diesem Grund hat er auch schon aus Jeanshosen, Hanf oder sogar Elefantenkot Papier hergestellt. «Das ist überhaupt nicht eklig. Bei der Herstellung roch es wie früher auf dem Heuboden, alles ganz natürlich», sagt er und reicht zur Prüfung mit beiden Händen eine riesige Elefanten-Notdurft.

Steinort Papyr Mühl in Triesenberg


«Etwas Humor gehört für mich immer dazu»
Leibold ist ein guter Erzähler, die Geschichten fliegen ihm förmlich zu. Im Frühling und Sommer stellt er Büttenpapier her, das mit heimischen Blumensorten vermischt ist. Ein ganz besonderes Papier. Einer seiner Kunden erzählte ihm zuletzt, wie Halsbandsittiche, ins Rheinland eingewanderte Papageienarten, ins Wohnzimmer geflogen seien, um genau diese speziellen «Bärger» Blumen aus dem Büttenpapier herauszupicken. An der Buchmesse in Mainz unterhält Leibold alle zwei Jahre einen Buchstand, bewusst am Rand einer Ausstellerreihe. Dort platziert er seinen «Eye-Catcher», wie er sagt: einen nackten Baumstamm, dessen Blattwerk aus Leibolds Kunstwerken besteht. «Das sorgt immer für Besucherandrang», sagt er, «und reichlich Lacher.» Denn der Rentner bedruckt seine Blätter mit Sprüchen und Weisheiten, die auch gerne mal «schlüpfrig» sein dürfen. Etwas Humor gehört schliesslich dazu.

Steinort Papyr Mühl in Triesenberg


Liebesbeziehung zwischen Papier und Schöpfer
In der hauseigenen Druckerei, wo er die Karten erstellt, läuft kein Motor. Alle Maschinen, teils aus dem 19. und 20. Jahrhundert, sind von Hand angetrieben. Jedes einzelne Blatt wird in Handanlage einzeln abgezogen, sei es in den Tiegeln, in den Ausdruckpressen, den Lithografiepres­sen oder den Tiefdruckpressen. Der Rentner wirkt wach. In seinen Augen sieht man Funken der Begeisterung, wenn er seine Sätze spricht. Ihm gehe es bei der Arbeit nie um den Profit, sondern um den «ideellen Wert», wie er sagt. Er habe den «Mammon schon mit Füssen getreten». Man glaubt es ihm. 
Die Hauskatze, die Leibold liebevoll nur «Papiertiger» nennt,  schnurrt und streicht während des Gesprächs ab und an um die Füsse. Leibold trägt ein Gedicht mit dem Titel «Papier und ich» vor, welches ein befreundeter Lyriker für ihn verfasst hat und das nun an einer Wand in der Werkstätte prangt: «Du hast mich ergriffen,/ wie mit vielen Händen gepackt/ wie mit tausend Fäden gebunden/überwältigt/von dir, Papier.» Er schaut kurz hoch und fährt fort: «Ich brauche dich,/wie Salz, Brot und Wein,/wie täglich Trank und Essen/abhängig/von dir, Papier.»  Das Papier und sein Schöpfer Leibold führen längst eine Liebesbeziehung: «Ich gesteh von dir,/dass du mich erfüllst,/meine Gedanken durchdringst,/meinen Geist nährst,/dass wir uns lieben,/wir, ich und Papier.» Er habe den Eindruck, dass sich diese Liebesbeziehung im Alter sogar noch verstärkt habe. Seine Frau könne diese Liebe glücklicherweise mit ihm teilen, habe ihm unzählige Nebenarbeiten immer abgenommen. Dafür sei er dankbar. Jedes Papier habe einen eigenen Charakter. 
Er nimmt zwei verschiedene Papiere von einem Stapel und wedelt sie heftig hin und her: «Man  kann lautes und leises Papier herstellen. Haptik und Ton sind wichtige Kriterien.» Papierherstellung ist eine sehr sinnliche Sache.

Steinort Papyr Mühl in Triesenberg


ZDF schon zu Gast in «Bärger» Papiermühle
Früher habe er überall in Europa diese historischen Maschinen gesucht und für seine Leidenschaft viel Geld investiert. Heute werde ihm das Meiste zugetragen, weil die Leute nun wüssten, dass er sich für die Papierherstellung interessiere. «Das ist dann wohl die Ironie des Schicksals. Wer mit der Papierherstellung beginnt, wäre froh, Maschinen günstig erwerben zu können, doch wer sich bereits einen Namen gemacht hat, dem werden die teuren Geräte zugetragen», sagt Leibold mit einem Augenzwinkern. Seinen Ruf hat er sich in all den Jahren erarbeitet. Regelmässige Messen in Mainz und anderen Regionen, Fernsehstationen, die über die Papiermühle in Triesenberg informierten, einige Zeitungsartikel in deutschsprachigen Medien, die über sein Lebenswerk berichteten. «Einmal war das ZDF bei mir zu Gast. Vier Tage blieben sie, um Filmaufnahmen zu machen. Die Sendezeit betrug dann fünf Minuten», erzählt Leibold mit seinem ganz eigenen Schalk. 
Langweilig wird ihm nie. Als Ehrenpräsident der Schweizer Papierhistoriker nimmt er an Konferenzen und Treffen teil und ist als Experte für historische Herstellungstechniken von Papier ein gefragter Ansprechpartner. Papierhistoriker würden rückwärts und vorwärts forschen: Woher stammt Papier, wann und von wem wurde es angefertigt? Gleichzeitig stellten sie die Frage nach der Zukunft des Materials. Während moderne Datenspeicher alle paar Jahre wieder veralten und mit der Zeit gar nicht mehr verwendet werden können, überdauert Papier eine halbe Ewigkeit. 
 Auch über die eigene Zukunft hat er bereits nachgedacht: «Einen Nachfolger, der dieses Lebenswerk weiterführen wird, habe ich nicht.» Nach Leibold wird es keine «Steinort Papyr Mühl» mehr geben. Vieles wird dann ins Schweizerische Museum für Papier, Schrift und Druck in Basel überführt», sagt er. Er nimmt die Dinge gelassen und hat ein eigenes Verhältnis zur Zeit. Leibold schliesst die Türe seiner Werkstätte und verabschiedet sich mit dem alten Gruss der Papierschöpfer: «Mit Gunst von wegen’s Handwerk!» (rpm)

29. Jun 2019 / 13:00
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