• 500 Jahre alt: das Biedermann-Haus in Schellenberg
    500 Jahre alt: das Biedermann-Haus in Schellenberg

Zeitmaschine im Holzgewand

Das Biedermann-Haus ist weit mehr als ein schmuckes Holzhaus mit Gärtchen. Als «Bäuerliches Wohnmuseum» versetzt es Besucher ins ländliche Liechtenstein um 1900. Seine eigene Geschichte beginnt deutlich eher – heuer vor genau 500 Jahren.

So viel Betriebsamkeit erlebt das altehrwürdige Biedermann-Haus in Schellenberg auch nicht alle Tage. Gross und Klein wuselten in den Nachmittagsstunden des Ostersonntags durch das seit 1993 unter Denkmalschutz stehende Gebäude, der Blick wach, um anlässlich des «Osterhasensuchspiels» auch ja eine gute Figur abzugeben. 

Aufzustöbern galt es Gegenstände aus vergangenen Zeiten, die im Leben der Menschen einst eine wichtige Rolle spielten, heute teilweise aber kaum noch bekannt sind. Auf diese Weise sollten die Besucher nicht nur einen Streifzug durch das Holzhaus unternehmen, in dem seit 1994 ein vom Liechtensteinischen Landesmuseum geführtes «Bäuerliches Wohnmuseum» untergebracht ist. «Wir hoffen, den Menschen auch das eine oder andere Aha-Erlebnis beschert zu haben», sagt Sabina Braun, Verantwortliche für Bildung und Vermittlung des Landesmuseums.

Ein Haus mit «bewegter» Geschichte
Die österliche Entdeckungsreise stellte nicht nur den Auftakt in die neue Saison dar. Mit ihr fiel auch der Startschuss für eine bis in den Herbst andauernde Veranstaltungsserie, die das 500-jährige Bestehen des 1518 erbauten Biedermann-Hauses würdigen soll. 500 Jahre, die sich durch eine im Wortsinn «bewegte» Geschichte auszeichnen. Schliesslich wechselte das Gebäude seinen Standort innerhalb von Schellenberg im Laufe der Zeit mehrere Male: nachgewiesenermassen 1687, 1793/94 und 1992/93.
Der kurios anmutende Umstand hat seinen Grund zumindest in den ersten beiden Fällen im mittelalterlichen Recht. Als sogenannte Fahrhabe gehörte ein Haus einst nicht dem Grundbesitzer, sondern dem Pächter. Zog dieser weiter, baute er es ab und an anderer Stelle wieder auf. So sei es für Schellenberg wohl bis Ende des 18. Jahrhunderts noch der Fall gewesen, erklärt Sabina Braun.

Heimat der Familie Biedermann ab 1814
Eine für das Bauwerk besonders identitätsstiftende Phase sollte der «Umzug» 1793/94 einläuten. Am neuen Standort «Under Platta» erhielt es nicht nur die Plakette mit der Hausnummer 12, die noch heute über dem Eingang angebracht ist. Dort zog 1814 – nach erfolgtem Kauf – auch die Familie Biedermann ein, der das Haus seinen heutigen Namen verdankt. Bis zum Auszug des letzten Bewohners im Jahr 1964 nannten insgesamt fünf Generationen den Holzbau ihr Heim. Berührungspunkte blieben noch weit darüber hinaus bestehen, beispielsweise in Form der Räucherkammer im Kamin, die von Familienmitgliedern weiterhin rege verwendet wurde. «Diese partielle Weiternutzung», erklärt Braun, «hat dazu beigetragen, das Haus zu erhalten.»

Dennoch drohte dem Gebäude aufgrund eines geplanten Neubaus Ende der 1980er-Jahre der Abbruch. Dass es nie dazu kam, lag nicht zuletzt am grossen Einsatz von Hansjörg Frommelt, damals wie heute Leiter der Abteilung Archäologie beim Amt für Kultur, und Norbert Hasler, zu jener Zeit Direktor des Landesmuseums, erzählt Sabina Braun. «Beide haben sich sehr für den Erhalt des Biedermann-Hauses engagiert.» Und sie zeigten darüber hinaus auch eine neue Nutzungsmöglichkeit auf: die Schaffung eines «Bäuerlichen Wohnmuseums», eingebettet in einen authentischen, historischen Kontext.

Unterstützung durch Land und Gemeinde
Nach und nach fand die Idee eine breite Gefolgschaft. Die Zusicherungen des Landes, das Projekt finanziell zu unterstützen und der Gemeinde, ein attraktiv gelegenes Grundstück zur Verfügung zu stellen, ebneten schliesslich den Weg für die letzte Reise des Biedermann-Hauses. Dachziegel für Dachziegel, Balken für Balken, Brett für Brett und Stein für Stein wurde das Gebäude im Sommer 1992 abgetragen. Anschliessend wurden die einzelnen Elemente saniert. Von Dezember 1992 bis Oktober 1993 wurde das Haus schliesslich an seinem heutigen Standort – Im Dorf 62 – wieder aufgebaut. Die auf einer einfachen Systematik beruhende Holzblockbauweise des Hauses und die Nummerierung der einzelnen Holzbalken erleichterte den Arbeitern ihre Aufgabe dabei enorm.

Bewusstsein für die eigenen Wurzeln schaffen
Was den Besuchern dort seit der Eröffnung des Museums 1994 geboten wird, ist indes nicht ein Einblick ins Leben der Familie Biedermann während ihrer letzten Jahre im generationsübergreifenden Zuhause. Vielmehr soll ihnen das ländliche Leben in Liechtenstein um 1900 in generellerer Form vor Augen geführt werden. Die Innenausstattung stammt daher vornehmlich aus der Sammlung des Landesmuseums. Einige modernere Gebäudeteile wie die Waschküche oder der Stallkomplex wurden bewusst rückgebaut. Andere, zwischenzeitlich verschwundene Elemente wie die typischen unechten Butzenscheibenfenster wurden reintegriert. Der Holzbaukörper und die Raumaufteilung vermitteln darüber hinaus einen Eindruck davon, wie im 16. Jahrhundert im Alpenraum gebaut wurde.

In seiner Gesamtheit ist das Biedermann-Haus etwas, das in Liechtenstein seinesgleichen sucht, wie Sabina Braun herausstreicht: «Ein Haus, das die Identifikation mit der eigenen Geschichte ermöglicht.» Und sie unmittelbar erfahrbar macht. Dass die Menschen diese nonverbale Einladung annehmen, ist nach ihrem Dafürhalten von grosser Wichtigkeit: «Es muss uns bewusst sein, von wo wir herkommen. Immerhin bildet das, was war, die Basis dessen, was wir heute sind.» Vor allem die jüngeren Semester hat sie dabei im Auge. Für ältere Menschen, sagt Braun, sei die im Museum angedeutete Zeit oftmals noch nicht so weit weg. «Das Biedermann-Haus soll sie auch anderen näher bringen.»

Authentische Kälte
Für eine erste klitzekleine Ahnung reicht da sogar schon ein Blick auf die Öffnungszeiten. Besuche (an jedem ersten und letzten Sonntag des Monats von 14 bis 17 Uhr) sind nur von April bis Oktober möglich. «In den Wintermonaten», erklärt Braun, «ist es im Hausinneren aufgrund der authentischen Isolierung mit Moos und Flechten viel zu kalt.» Selbst zu den Randöffnungszeiten müsse noch kräftig eingefeuert werden – während neben der Kälte auch die Geräusche von draussen beinahe ungehindert die Holzwände passieren. Das ist Geschichte erleben. Mit allen Sinnen. (bo)

03. Apr 2018 / 09:39
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