• Sternwarte Schaan
    Peter Kaiser und Erich Walser können mit ihrem Teleskop auch lichtschwache Galaxien beobachten.  (Daniel Schwendener)

«Man muss doch die Sternbilder kennen»

Die Schaaner Sternwarte «Cassiopeia» besteht seit 1986. Was die Faszination Weltall ausmacht, erklären Erich Walser und Peter Kaiser.
Schaan. 

Es ist Nacht in Schaan. Während  Teenager im Dorfzentrum ihre Jugend feiern, stehen die Mitglieder des astronomischen Arbeitskreises in der Schaaner Sternwarte «Cassiopeia» am Teleskop und blicken ins Zeit-lose. «Früher  ging das alles noch wesentlich besser», sagt ihr Präsident Erich Walser. Denn die Lichtverschmutzung habe in den letzten Jahren leider zugenommen und das erschwere das Beobachten des Sternenhimmels. 

Schaaner Sternwarte als Werk von Jugendlichen 

Die Geschichte der Sternwarte, die sich auf dem Dach des Schaaner Hallenbades befindet, reicht zurück ins Jahr 1978. Ganz am Anfang stand ein Jugendarbeitsprojekt des Gemeinschaftszentrums Resch. Einige Jugendliche interessierten sich für Astronomie, Walser unterstützte sie mit Rat und Tat. Sie bauten gemeinsam ein Newton-Teleskop mit einem Spiegel von 15 Zentimeter Durchmesser. «Die Himmelsbeobachtungen faszinierten die Jugendlichen irgendwann so stark, dass sie einen festen Beobachtungsstandort, also eine Sternwarte, bauen wollten», erinnert sich Walser. Am 4. Oktober 1984 war es so weit. Zwölf Jugendliche im Alter zwischen vierzehn und achtzehn Jahren  packten an. Pläne wurden erarbeitet, Kosten kalkuliert und das Material eingekauft. Nach zwei Jahren mühseliger Arbeit konnte die Holzkuppel mit dem Helikopter auf ihren heutigen Standort gehievt werden. 

«Cassiopeia», der Name der Sternwarte, wurde der griechischen Mythologie entlehnt. Das auffällige Sternbild, das sogenannte «Himmels-W», ist in Mitteleuropa «zirkumpolar», also eine hier das ganze Jahr über sichtbare Himmelsregion. 

«Liechtensteiner Wetter rettete wohl unsere Ehe»

Thales von Milet wird gemeinhin als der erste abendländische Philosoph bezeichnet. Er gilt als Paradebeispiel des weltfremden Philosophen. Als er sich mit den Sternen beschäftigte und nach oben blickte, so die Legende, fiel er in einen Brunnen. Da soll ihn eine witzige und reizende thrakische Magd verspottet haben: Er begehre zwar die Dinge am Himmel zu erkennen, was ihm aber vor den Füssen liege, entgehe ihm. Auf Walser und den Vereins-Kassier Peter Kaiser trifft diese Beschreibung nicht zu. Dazu sei das Liechtensteiner Wetter einfach zu wechselhaft. «Es bestünde bei uns schon die Gefahr, dass wir uns vom nächtlichen Himmel nicht mehr lösen können. Aber wolkenverhangene Himmel haben uns da oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das hat wahrscheinlich unsere Ehen gerettet», sagt Kaiser augenzwinkernd. 

Die beiden Astronomie-Liebhaber sind pensioniert. Walser war 28 Jahre lang Leiter des Gemeinschaftszentrums Resch. Er leitete und organisierte auch astronomische Kurse für Erwachsene und Jugendliche. Angesichts der Naturwunder hat er das Staunen bis heute nicht verlernt. Kaiser machte nach einer kaufmännischen Grundausbildung ein Studium zum Stickerei-Techniker und arbeitete dann aber viele Jahre bei der Liechtensteiner Landesbank. Daneben hat er sich bis zum heutigen Tag als E-Junioren-Trainer beim FC Schaan engagiert. Doch die Freizeit war in erster Linie dazu da, den Kosmos zu ergründen. Das Interesse für Astronomie sei bei ihnen früh vorhanden gewesen. Leider habe man in der Schule kaum astronomisches Wissen gelehrt. Sie hätten sich als Autodidakten weitergebildet. «Unzählige Bücher habe ich verschlungen», sagt Kaiser. 

«Für Astrologie habe ich überhaupt nichts übrig»

1988 wurde der astronomische Arbeitskreis gegründet. Walser bot den Erwachsenen Grundkurse in Astronomie an. Viele Interessierte kamen. Kaiser war einer davon, und er erinnert sich zurück an eine lustige Anekdote: «In einem der Kurse traf ich eines Abends auf eine Bekannte. Sie war erstaunt und wollte wissen, was ich denn hier zu suchen hätte. Es war klar: Sie verwechselte den Kurs mit einer Astrologie-Einführung. Beim nächsten Mal war sie nicht mehr dabei.» 

Für Astrologie hat Kaiser nichts übrig. «Humbug» sei das. Aber er wolle eigentlich niemandem «an den Karren fahren», fügt er schnell hinzu. Walser meint dazu kurz und knapp: «Jedem halt das Seine.» Ja, sie hätten beim astronomischen Arbeitskreis auch Leute dabei, die den Kosmos unter anderem von der philosophischen Seite betrachteten. Das sei auch wichtig. Grundsätzlich gehe es ihnen aber um eine naturwissenschaftliche Herangehensweise. «Wir versuchen die Himmelsmechanik und den Sternenhimmel zu erklären, und zwar mit Mathematik und Physik. Wie enstehen die Sterne? Warum leuchten sie? Wie entwickeln sie sich?» 

Monatlich bietet der astronomische Arbeitskreis Führungen an, die auf der Homepage angekündigt werden. Öffentliche und private. Unzählige Schulklassen nutzten in den vergangenen Jahrzehnten die Möglichkeit, sich in die Astronomie einführen zu lassen. 

Die Astronomie sei sehr facettenreich, sagt Kaiser, der den Grossteil dieser Führungen übernimmt. Wer aber zu tief in die Thematik eintauche, laufe Gefahr, dass ein jugendliches Publikum schnell mal abschalte. «Das Thema kann eben auch sautrocken sein. Man darf nicht den Fehler machen und monologisieren. Man muss die Schüler bei ihrem Vorwissen abholen», sagt er. 

Von Liechtenstein über Bern nach Chicago 

Manch ein Schüler wurde für sein gesamtes Leben geprägt. Reto Trappitsch ist einer von ihnen. Kaiser hat ihn über Jahre hinweg als Mentor betreut. «Mir war gleich klar, dass er eine ganz besondere Begabung hat», sagt er. Sein Zögling Trappitsch ging dann nach der Matura an die Uni Bern und studierte dort Astrophysik. Abgeschlossen hat er mit «magna cum laude». Ihm wurde die Möglichkeit geboten, an der Universität von Chicago zu doktorieren. Heute ist er ein renommierter Wissenschaftler und führt am Lawrence Livermore National Laboratory eine eigene Abteilung. Der Werdegang seines berühmtesten Schülers macht Kaiser bis heute stolz. Der Kontakt bestehe nach wie vor. 

Wenn der Tag plötzlich zur Nacht wird

Astronomische Höhepunkte gab es im Leben der beiden Hobby-Astronomen viele. Aber eines überragte alle. Am 11. August 1999 schob sich der Mond vor die Sonne, eine totale Sonnenfinsternis entstand. Kaiser fuhr damals nach Augsburg,  Walser blieb in Schaan. «Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an dieses Erlebnis zurückdenke. In Augsburg herrschte eineinhalb Minuten lang komplette Dunkelheit. Die Vögel verstummten. «Ein Wahnsinnserlebnis», erinnert sich Kaiser. Auch in Liechtenstein wurde der Tag zur Nacht. Aber hier wurde die Sonne «nur» zu 97 Prozent verdunkelt, sagt er. Das sei ein riesiger Unterschied. Aktuell beschäftigt die weltweiten Astronomen der Nachweis sogenannter Exo-Planeten (extrasolare Planeten). Gemeint ist ein Planet, der sich nicht in unserem Sonnensystem befindet, sondern um eine andere Sonne in unserer Galaxie kreist. 1995 lieferte man erstmals den Beweis für die Existenz eines solchen Planeten. In den Folgejahren wurden viele weitere entdeckt. Nun versucht die Wissenschaft, die Atmosphäre dieser Planeten zu messen, um Hinweise zu erhalten, ob es ausserirdisches Leben gibt oder nicht. «Eine Wahnsinnsstory», sagt Kaiser, «die wir intensiv verfolgen.»

Verständnis für die Astronomie fördern

Walser interessiert sich auch für prähistorische Astronomie. Astronomische Ereignisse habe man in Liechtenstein bereits vor 4500 Jahren vorausgesehen. In Schaan soll sich auf Fanola ein Steinkreis befunden haben, der wahrscheinlich einen frühen astronomischen Kalender darstellte. Noch heute sind in unserem Kulturkreis solche Steinsetzungen erhalten.  «Astronomie gehört zu den ältesten Wissenschaften der Menschheit. Der Schaaner Steinkreis, der wahrscheinlich ein keltisches Erbe war, half den Menschen, den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat zu finden und er sagte den Anbruch der Jahreszeiten voraus. Die Menschen waren damals hinsichtlich des astronomischen Verständnisses weiter als so manch heutiger Zeitgenosse», glaubt Walser. Rekonstruiert werden könne der Steinkreis von Schaan leider nicht mehr. Der grosse Zentralstein wurde als Gedenkstein für den Rheineinbruch 1927 verwendet. Er wurde unter Mühen von der Fanola aus zum Bildhauer Gottfried Hilti transportiert und später mit angebrachter Inschrift zum Standort am Rhein gebracht. 

Der astronomische Arbeitskreis will die Faszination Weltall unters Volk bringen. «Man muss doch die Sternbilder kennen, den Kosmos, der uns umgibt», meint Kaiser. «Wer weiss denn heute noch, dass ein orange leuchtender Stern am Sterben ist, und ein blauer nur so vor Leben strotzt?» Wahrscheinlich nur ganz wenige. (rpm)

23. Okt 2019 / 22:46
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