• Der Schaan-Abschnitt des Liechtenstein-Wegs startet bei der Quaderer-Rüfe.

Alte Traditionen

In der «#näherdran»-Reihe wird hier der Liechtenstein-Weg in Schaan skizziert.

Auf dem 75 Kilometer langen Liechtenstein-Weg, der anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums realisiert wurde und durch alle Gemeinden führt, können auf der App «LIstory» 147 sogenannte Erlebnisstationen erkundet werden. An den Stationen, dessen Inhalte vom Liechtenstein-Institut im Auftrag von Liechtenstein Marketing er­stellt wurden, können zahlreiche Informationen zur Liechtensteiner Geschichte abgerufen werden. Bisher wurde die App schon über 9500-mal heruntergeladen, aus 179 Einreichungen zu den besten zehn Apps der Schweiz gewählt und befindet sich daher im Finale für den Master-Award der Best of Swiss Apps 2019.

Selbst gebrannter Schnaps wurde nicht getrunken

Der Schaan-Abschnitt des Liechtenstein-Wegs startet bei der Quaderer-Rüfe, wo es ums Thema Rüfen geht. «Eine Rüfe ist ein Gebirgsbach, der bei starkem Regen Wasser und Schlamm herunterspült», erklärt Martin Knöpfel. 1493 wurde der Begriff erstmals im Zusammenhang mit einer Rüfe­not erwähnt. Ab 1830 begann man, den von Rüfen ausgehenden Gefahren mit Verbauungen entgegenzuwirken. 1871 gab es das erste Rüfe-Gesetz, das weitere Schutzmassnahmen zur Folge hatte. Beim Landweibels-Huus, dessen Bezeichnung auf den ehemaligen Landweibel Ludwig Joseph Beck zurückgeht, befindet sich die nächste Station. Ein Landweibel war eine Art Polizist, der zuerst vor allem Gerichts- und Kanzleidienste unterstützte. Erst ab dem 18. Jahrhundert kamen polizeiliche Aufgaben dazu. 1808 wurde das Amt des Landweibels abgeschafft, doch erst 1932 wurde das «Fürstlich-liechtensteinische Sicherheitskorps» als Vorgänger der Landes­polizei gegründet. Heute wird das Landweibels-Huus als Galerie sowie als Veranstaltungsort genutzt, bei dem jeweils im Herbst mit der Mostpresse aus den 1930er-Jahren frischer Apfelsaft hergestellt werden kann. 1929 noch gab es rund 120 solche Mostpressen im Land, heute sind es nur noch ein paar wenige. Auch die Schnapsherstellung ist bei diesem Punkt Thema: «Den selbst gebrannten Schnaps hat man früher nicht getrunken, sondern als Allheilmittel im Haushalt und Stall verwendet», so Knöpfel.

Visualisierung des 60 Meter langen Kastells

Der Weg führt weiter zum römischen Kastell, wo sich der Augmented-Reality-Punkt von Schaan befindet. Dort kann man das Modell des 60 Meter langen römischen Kastells vor sich her projizieren. Durch die durch die App erweiterte Realität bekommt man auch Überreste des Schaaner Kastells wie zum Beispiel das historische Taufbecken aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts zu Gesicht. Die nächste Station befindet sich gleich daneben bei der Kapelle St. Peter, der ältesten Kirche des Landes. Sie wurde im 5. Jahrhundert auf den Mauern des römischen Kastells gebaut. Die heutige Kapelle St. Peter ist erst im 15. Jahrhundert entstanden. Gegenüber dem Restaurant Rössle, wo heute noch ein kleiner Grenzstein zu sehen ist, geht es um die Trennung von Schaan in zwei Dorfteile: Rund um das Kastell befand sich im Frühmittelalter die christianisierte Bevölkerung, bei der Schaaner Specki liess sich die eingewanderte alemannische Bevölkerung nieder. 1503 teilte man

die Alp Guschg dem Dorfteil St. Peter zu und die Alp Gritsch dem Dorfteil St. Lorenz. Beim «Rössle» lassen sich auch die Anfänge des Kinos ausmachen: Zwischen 1918 bis 1932 fanden dort Kinovorstellungen statt. Erst 1944 entstand in Vaduz das erste «richtige» Kino. Beim Rathaus werden die politischen Gemeinden thematisiert, die im Land 1809 entstanden sind. «Zuerst waren sie dem Staat unterstellt und hatten nicht viel zu sagen. 1864 gab es ein erstes Gemeindegesetz, durch das die Gemeinden ihre Selbstständigkeit erhielten», erklärt Martin Knöpfel.

«Johann der Gute» war 71 Jahre lang im Amt

Der nächste Punkt befindet sich kurz vor der Druckerei Gutenberg, wo das «Liechtensteiner Volksblatt» früher gedruckt wurde. Die erste liechtensteinische Landeszeitung entstand 1863 als Folge der Einführung der Pressefreiheit im Land. Bei dieser Station sind auf der App Fotos der ersten Zeitungen zu sehen wie auch Fotos aus früheren Zeitungsredaktionen. Das Denkmal bei der Kirche, dem nächsten Punkt, weist auf Fürst Johann II. hin, der mit 71 Jahren im Amt einer der am längsten regierenden Staatsoberhäupter der Welt war. Der auch «der Gute» genannte Fürst unterstützte das Land immer wieder mit grossen Summen und beteiligte sich auch am Bau von Kirchen. Kulturell geht es beim TAK weiter, wo es um die Theatergeschichte des Landes geht. Im ehemaligen Vereinshaus baute Intendant Alois Büchel 1970 die erste Kleinkunstbühne auf. 2003 kam der Schlösslekeller in Vaduz dazu. Doch die Theatergeschichte des Landes begann schon viel früher, nämlich mit der Gewährung der Vereinsfreiheit 1862, als in Triesen die erste Theatergesellschaft gegründet wurde und erste Freilichtspiele stattfanden.

Leichenzüge gab es bis in die 1960er-Jahre

Die nächste Station liegt mitten im Friedhof bei der Gedenk­tafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, die in Liechten­stein wohnten. Der Erste Weltkrieg hatte nämlich auch Auswirkungen auf Liechtenstein, wie zum Beispiel Versorgungsengpässe. Da das Land wegen der Zollunion mit Österreich-Ungarn von den Alliierten als feindlicher Staat betrachtet wurde, durfte auch die Schweiz keine Waren mehr ins Land liefern. «Dem Staat drohte ein Bankrott und der einzige Ausweg war die Zuwendung zur Schweiz», erklärt Martin Knöpfel. Auch der Friedhof wird thematisiert, der in Schaan trotz Neubau der Kirche an der alten Stelle blieb. Spannend dabei ist auch der Aspekt, dass eine Kremierung im Land bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil 1963 verboten war und dass vor der Beerdigung bis in die 1960er-Jahre ein Leichenzug zum Friedhof stattfand. Nicht weit vom Friedhof entfernt steht das Bierhüsle als Zeugnis der Liechtensteiner Brautradition. «1880 eröffnete Karl Rudolf Quaderer das Bierhüsle als Gasthaus mit Bierwirtschaft, dank dem das Quaderer-Bier seinen Durchbruch schaffte», erklärt Knöpfel. 1917 gab Quaderer wegen des Ersten Weltkriegs die Brauerei auf, seit 2017 wird im Bierhüsle im kleinen Stil jedoch wieder gebraut.

Schülerin erzählt von Kleidervorschriften

Vom Bierhüsle aus geht der Weg langsam hoch Richtung Planken mit einer Station beim Bürgerheim, wo ab dem 19. Jahr­hundert die Hilfsbedürftigen der Gemeinde versorgt wurden. Erst als die hiesige Armut Mitte des 20. Jahrhunderts zurückging, nahm auch die Bedeutung der Bürgerheime ab. Später stand dort vermehrt die Alternpflege im Vordergrund. Etwas weiter den Hügel hinauf trifft man auf das Kloster St. Elisabeth, das 1935 von den Anbeterinnen des Blutes Christi errichtet wurde. «Während des Zweiten Weltkriegs wurde versucht, dort ein Mädchengymnasium aufzubauen», so Knöpfel. Doch erst 1946 entstand im Kloster eine höhere Töchterschule, die bis 1977 betrieben wurde. 1973 ging die Schule in eine private Realschule über, jedoch zuerst nur für Mädchen. 1994 übernahm der Staat den kompletten Schulbetrieb. In einem Audiobeitrag auf der App ist eine ehemalige Schülerin zu hören, die von ihrer Schulzeit im St. Elisabeth erzählt. Beispielsweise war es lange Zeit verboten, Hosen zu tragen.

Auf dem Weg zum Gamanderhof steht die zweite Industrialisierungswelle im Zentrum, in der Betriebe wie Ivoclar-Vivadent, Hilti, Hilcona, Presta oder Oerlikon entstanden sind. «Im Jahr 2000 wurde 70-mal mehr exportiert als 1950», sagt Knöpfel zur starken Entwicklung der Industrie. Nach dem Gamanderhof folgt der letzte Punkt auf Schaaner Boden. Dieser befindet sich im Wald Richtung Planken beim Plank­ner Kappile. Bei diesem legten die Trauerzüge von Planken nach Schaan jeweils einen Stopp ein. Planken hat erst seit 2009 einen eigenen Friedhof. (mk)

22. Okt 2019 / 21:43
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