• Torfstecher
    Jakob Büchel, einer der letzten Torfstecher des Landes, um 1955 im Ruggeller Riet.  (Walter Wachter, Schaan (Amt für Kultur, Landesarchiv))

Als Brennholz eine Mangelware war

Lediglich acht Torfhütten im Naturschutzgebiet Ruggeller Riet erinnern noch an das ehemals lukrative Handwerk.

Vor allem jüngere Spaziergänger im Ruggeller Riet dürften sich fragen, was es dort mit den luftdurchlässigen Hütten ohne Fundament auf sich hat. Neben den «Tuarbaguger» aus Eschen sind sie die letzten Zeugen einer bescheideneren Zeit, als viele Einwohner mit Torf statt Holz feuerten. Die Nutzung der dunkelbraunen bis schwarzen Erde als Brennstoff in Liechtenstein ist erstmals 1815, in einer Beschreibung von Landvogt Josef Schuppler, urkundlich festgehalten. Darin verweist er auf einen «unerschöpflichen Vorrath von Torf» im «sumpfigen Ried», der vor allem in den Unterländer Gemeinden gestochen wurde.  
Gemäss einer Auswertung des Forstingenieurs Mario F. Broggi, nachzulesen im Jahrbuch 2019 des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, sind im Land acht Turbenhütten bis heute erhalten geblieben. Alle davon befinden sich im Ruggeller Riet. Kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs, 1947, standen dort über 100 Turbenhütten. Dass nur noch im Naturschutzgebiet der nördlichsten Gemeinde einige wenige stehen, kommt nicht von ungefähr. Denn das Turbenstechen war nicht nur wegen der Nähe zum Rhein eng mit Ruggell verbandelt, was topografisch gesehen mit seinen Mooren ideale Voraussetzungen für das Handwerk bot.

Bei der Trocknungsstelle zu «Hütten» gestapelt
Für Ruggell erwähnte Landvogt Josef Schuppler eine Holzknappheit, die sich über das 19. Jahrhundert hinweg zog. Gleichzeitig forderte die aufkommende Industrialisierung zunehmend mehr Energie. Darin erklärt sich die Hinwendung zum Torf, obwohl dadurch keine landwirtschaftliche Nutzung des Bodens mehr möglich war. Welchen Stellenwert das pflanzliche Brenngut damals hatte, unterstreicht ein Beschluss der Gemeinde Ruggell im Jahr 1888: Demzufolge erhielt jeder Bürger für sieben Jahre lang das Anrecht auf eine kleine ausgesteckte Parzelle im Riet, um für den Eigenbedarf sogenannte Turben (rechteckige Torfziegel, 25 Zentimeter lang, 15 Zentimeter breit und genauso hoch) zu stechen. Anschliessend kehrten die Grundstücke wieder in den öffentlichen Besitz zurück. 
Für das Turbenstechen musste zuerst die Oberfläche von Material wie Gras, Wurzeln, Humus und Letten befreit werden. Diese «Abrummete» landete jeweils im vorherigen Loch. Als nächstes wurde eine Schnur gespannt, um eine gerade Linie für die Spatenstiche festzulegen. Oft wurden die Torfziegel dann auf einer «Bähra» (einrädriger Stosskarren) zur Trocknungsstelle geführt, wo sie über Kreuz zu «Hütten» gestapelt wurden. Gut zwei Wochen später wurden sie in den Turbenhütten eingelagert, um über den Sommer jegliche Feuchtigkeit zu verlieren. Hierbei wurden sie leichter und schrumpften. Nur im trockenem Zustand eignete sich der Torf als Brenngut. 

Rund 4000 Turben pro Person und Tag 
«Es war für die Landwirte ein sehr willkommener Nebenverdienst», berichtet Mario F. Broggi mit Verweis auf die Erzählungen seines Schwiegervaters Alois Ritter. Die Saison begann im Mai und dauerte bis Mitte August. Folgende Zahlen belegen, wie anstrengend die Tätigkeit war: Durchnässte Turben waren gut drei Kilogramm schwer, pro Tag konnte eine Einzelperson rund 4000 Stück stechen. Insofern hatten sich die Landwirte den Most am Feierabend redlich verdient. 

Die letzten Turbenstecher waren in Ruggell tätig  
Nach dem zweiten Weltkrieg klang die Nachfrage nach Torf allmählich ab, berichtet Broggi. Grund dafür war der Einzug von Erdöl auf dem Markt, das als ökonomischeres Brenngut überzeugte. Der Heizwert von Turben, der sich mit Holz vergleichen lässt, war etwa zwei- bis dreimal geringer. 1970 gab es noch drei aktive Torfstiche im Ruggeller Riet. Die letzten Liechtensteiner Vertreter dieses Handwerks waren Jakob Büchel und Ernst Oehry. 1993 setzte Letzterer diesem Kapitel – im Alter von 81 Jahren – ein Ende. Zum Schluss machte er das Handwerk hauptsächlich noch, um es Schülern vorzuführen, und für den Eigenbedarf. In seinem Abschlussjahr fertigte Oehry, der in Nofels wohnte, ungefähr 5000 Torfziegel an. (gk)

10. Mai 2020 / 22:08
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