• Camping Bendern
    So sah es in den 1960er-Jahren auf dem «Internationalen Camping-Platz Bendern» aus.

Der Campingplatz im Unterland

47 Jahre lang pilgerten Camper aus ganz Europa nach Bendern, um dort ihre Zelte aufzuschlagen. Albert Kind, dessen Eltern durchweg den Platz führten, berichtet von damals, als Kirchenprozessionen noch an den leicht bekleideten Gästen vorbeiführten.
Bendern. 

Eigentlich ist es gar nicht so lange her und doch scheint der Campingplatz in Oberbendern allmählich in Vergessenheit zu geraten. Von 1954 bis 2001 schlugen unzählige Gäste aus dem Ausland dort ihre Zelte auf oder stellten ihre Wohnwagen ab – in der Hochsaison waren es schätzungsweise 50 bis 100 Camper auf einmal. Mit einem Standort direkt neben dem Gasthaus zum Löwen hatte man damals noch eine einmalige Aussicht auf den Rhein. Heute wird einem am selben Standort von dem Industriegebiet die Sicht versperrt. Geführt wurde der «Internationale Camping-Platz Bendern» von Felix Kind und Pia Kind-Mannhart, zusätzlich zum Gast- und Bauernbetrieb.

Mit dem Campingplatz sind unzählige Erfahrungen verknüpft, schildert ihr Sohn Albert. Der 1950er-Jahrgang ist damit aufgewachsen, dass Gäste aus allen Ländern auf der Wiese nebenan hausten. Sein Vater sei auf die Idee gekommen, dass Liechtenstein von einem Campingplatz im Unterland profitieren würde. «Er hatte viele Visionen und sich wahnsinnig dafür eingesetzt, dass in Bendern etwas läuft», erklärt Albert Kind. Allerdings habe es sowohl in der Gemeinde als auch im Land kritische Stimmen gegeben. «Wenn an Fronleichnam oder am 15. August (Mariä Aufnahme) die Prozessionen vorbeizogen, standen unsere Gäste leicht bekleidet da.»

Im deutschsprachigen Ländereck ein Knotenpunkt

Ausgezeichnet habe den Campingplatz die Überschaubarkeit und persönliche Atmosphäre, was insbesondere Familien zu schätzen wussten. Die Anmeldungen wurden in den Räumlichkeiten gegenüber vom Gasthaus erledigt, in denen die Familie Kind früher ebenfalls einen Dorfladen führte. Als Notunterkunft diente der Speisesaal oder das Tenn. «Bei uns waren die Gäste nicht einfach eine Nummer. Wir gaben einander die Hand», beschreibt Albert Kind. So hätten manche mit der «Säg­ässa» beim Rasenmähen geholfen oder ihn auf ein Bier eingeladen. Hinter dem Gasthaus befanden sich die sanitären Anlagen. Abgesehen davon waren die Camper auf sich gestellt. Wenn sie nicht immer selbst kochen wollten, hiess sie die Familie Kind jederzeit im Gasthaus willkommen.

Beworben wurde das Angebot in diversen internationalen Campingführern. Dementsprechend kamen die Kunden vorwiegend aus Frankreich, Italien oder den Niederlanden. Albert Kind kann sich auch an eine rund 50-köpfige Jugendgruppe aus England erinnern, die extra mit dem Reisebus nach Bendern reiste. Zu den Stammkunden, von denen einige 27 Jahre am Stück zurückkehrten, gehörten auch Ostschweizer und Bündner, die für ihre Auszeit einen nahe gelegenen Zufluchtsort suchten. Als «Knotenpunkt» im deutschsprachigen Ländereck bot sich Bendern zudem für eine Nacht auf der Durchreise an.

Gerade der Kontakt zu den internationalen Gästen habe Albert Kind Freude bereitet. Da er sich fünf Jahre lang im Ausland aufhielt, unterhielt er sich mit ihnen fliessend auf Englisch. Hätten die Camper nach Sehenswürdigkeiten gefragt, empfahl Kind ihnen das Schloss Vaduz. Weitere Programmvorschläge sind Ausflüge ins Schwimmbad Mühleholz oder in die Liechtensteiner Bergwelt gewesen. «Auf den Wanderwegen sieht man, wie schön unser Land ist.»

Nach dem Tod der Mutter schliesst Campingplatz

Nur indem alle in der Familie an einem Strick gezogen haben, konnte ein Gasthaus, der Dorfladen, der Bauernbetrieb und der Campingplatz unter einen Hut gebracht werden. Albert Kind war das sechste von zwölf Kindern, die tatkräftig mithalfen. 1979 übernahm er das Gasthaus von seinem Vater, der vier Jahre später verstarb. Weiterhin half der Gastronom seiner Mutter auch auf dem Campingplatz, so gut es ging. Inzwischen ist das markante Gebäude in Oberbendern nicht mehr im Familienbesitz. Aus gesundheitlichen Gründen verkaufte Albert Kind es an die Gemeinde, die es verpachtet hat.

Etwa zum selben Zeitpunkt, als «Billigflugreisen beliebter wurden», entwickelte sich der Campingplatz von einer zusätzlichen Einnahmequelle mehr zum Hobby. Andere hätten an dieser Stelle aufgehört, aber Pia Kind-Mannhart blieb am Werk. Jeden Frühling habe sie die Rückkehr der Gäste sehnsüchtig erwartet. «Solange unsere Mutter lebt, wird der Campingplatz behalten», beschlossen deshalb die Geschwister einstimmig. 2001, ein Jahr nach ihrem Tod, folgte letztlich das Aus. Die Familie sei ausgelastet gewesen. «Es kamen auch immer mehr Vorschriften dazu und es hätte investiert werden müssen», erläutert Kind.

Standortmarketing Bendern des 20. Jahrhunderts

Lange bevor Liechtenstein durch Briefkastenfirmen oder Finanzmarktskandale mediale Aufmerksamkeit im Ausland erhielt, konnten Camper aus allen möglichen Ländern das sonst oftmals übersehene Fürstentum in Bendern von einer anderen Seite erleben. Dazu meint Albert Kind: «Ich denke schon, dass die Gäste einen positiven Eindruck von Liechtenstein hatten. Viele sind immer wiedergekommen.» Heute würde sich seiner Meinung nach ein weiterer Campingplatz in Liechtenstein finanziell nicht mehr lohnen. Dennoch blickt er mit einer gewissen Nostalgie auf die erlebten 47 Jahre zurück: «Die Touristen haben für Leben in Bendern gesorgt. Es wurde viel miteinander geredet und wir haben super Feste gefeiert.» (gk)

27. Mär 2019 / 08:53
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