• Balzers
    Früher diskutierten die Mälsner beim «Bröggle»-Brunnen über «Gott und die Welt».

Wie aus Rivalen eine Gemeinde wurde

Streit in der Schule, am Funken und während Gemeinderatswahlen prägten den Wettkampf mit Balzers. Trotz Eigenheiten haben sich die «Dummköpfe» und «Deppen» zu einer Gemeinde zusammengerauft, wie Anton Bürzle erzählt.

Wer über die Rheinbrücke in Liechtensteins südlichste Gemeinde einfährt, sieht zuerst die blaue Ortstafel «Balzers». Wenige Meter dahinter, im Gagoz-Kreisel, folgt bei der ersten Ausfahrt ein weisser Wegweiser nach «Mäls», der für Anton Bürzle («Seppa-Tone») so wichtig ist. Aufgrund des Zusammenwachsens erscheint Mäls nicht mehr als Dorf im politischen Sinn, sondern lebt nur noch aus der Geschichte heraus. Ursprünglich trennte das versumpfte Riet die beiden Siedlungen. Heute ziehen viele Einwohner die geographische Grenze durch den Hügel, auf dem die Burg Gutenberg thront.

Anton Bürzle, Präsident der Operette Balzers und Vizepräsident des Kultur-Treffs Gutenberg, wohnt seit 69 Jahren, also sein Leben lang in Mäls und zieht die Linie etwas weiter östlich, beim zugedeckten «Krottabach». Er erinnert sich noch an jugendliche Streitereien mit den Balzner Altersgenossen, die um den Burghügel herum, auf dem Pausen- oder Studentenplatz stattfanden: «Wenn wir Fussball spielten, hiess es Balzers gegen Mäls.» Die Jungs hätten auch Streiche wie «Fenstergiggela» gespielt – hierbei machten sie Knöpfe in einen Faden, befestigten diesen mit Reissnägeln am Fenster und sorgten mit Schwingungen für «ein ekliges Geräusch» im Haus. Wer von den genervten Bewohnern erwischt wurde, erhielt tags darauf von den Lehrern eine Strafe.

Funken als Phallussymbol des eigenen Dorfgebiets

Am ausgeprägtesten zeigt sich die Rivalität zwischen den beiden Siedlungen in der Funkentradition. Bis heute messen sich die beiden Funkengenossenschaften daran, wer die «Bördele» (dürre Prügel) zum schönsten, höchsten sowie den am längsten brennenden Funken schichtet. «Ist einmal einer umgefallen, musste man den Spott bis zum nächsten Funkensonntag erdulden», erzählt Anton Bürzle. Als er aufwuchs, gab es noch keine Funkenzünfte. Stattdessen stellten sich die Schulabgänger (Funkenmeister) dem Wettkampf und lehrten der nachfolgenden Klasse (Vize) das Handwerk. Waren die Herbstferien vorbei, sammelten die Buben so viel Holz wie möglich und brachten es auf die Waldstrasse. Im Winter wurde es mit dem Schlitten oder vom Leiterwagen zum Funkenplatz transportiert. Aufgebaut wurde einen Tag vor dem Funkensonntag, wobei einige Eltern mithalfen. Anschliessend versuchte man den jeweils anderen Funken frühzeitig anzuzünden. Trotz Nachtwachen seien diese Nacht- und Nebelaktionen zum Teil erfolgreich gewesen. Sobald der eigene Funken brannte, erwartete die jungen Funkenmeister ein Fest: «Es gab ein Abendessen und einige erlebten ihr erstes Räuschlein.»

Toni Bürzle in Vaduz

Anton Bürzle wohnt seit 69 Jahren in Mäls

In Bürzles Jugendzeit wurden die Funken nicht mit Christbäumen, sondern Maisstroh angezündet. Als Silomais gebräuchlicher wurde, bestand diese Möglichkeit nicht mehr. Die jungen Funkenmeister fingen an, die Haustüren abzuklappern. «Bei den Spendensammlungen ist es schon vorgekommen, dass die Buben eine Strasse über die Grenze gegangen sind», weiss der Mälsner. Inzwischen erhalten beide Funken einen Geldbetrag von der Gemeinde, weshalb nicht mehr gesammelt wird.

Beide Siedlungen hatten ihren eigenen Treffpunkt

Ähnliche Wettkämpfe bestehen zwischen den beiden Alpgenossenschaften Gapfahl-Güschgle (Mäls) und Guschgfiel-Matta (Balzers). Hier geht es darum, wer das höhere Gras hat und länger Weiden kann. Für eine weitere Trennung sorgte früher, dass beide Siedlungen ihre eigenen Treffpunkte hatten. In Mäls sassen die Männer beim «Bröggle»-Brunnen auf der Treppe zum Geschäft der Familie Willi, um unweit von der Kapelle St. Peter über «Gott und die Welt» zu diskutieren. Daraus entwickelte sich das «Tuppenegg» (wört. «Deppen-Ecke»). Die Balzner trafen sich nach Feierabend gegenüber dem Hotel Post, woraus der «Lappeplatz» (wört. «Dummkopfplatz») entstand. Beide Bezeichnungen sind weniger abwertend als scherzhaft gemeint. Anders als der Vorwurf «beschmissen Klein Mels», den sich der Weiler mindestens seit dem Jahr 1760 (erster schriftlicher Nachweis) aus dem Sarganserland von der angrenzenden Gemeinde Mels anhören muss.

Die einen Römer, die anderen Kelten

«In Balzers bläst der Föhn stärker als in Mäls, da wir durch den Fläscherberg geschützt sind. Wenn es zur kalten Jahreszeit in Balzers regnet, kann es oberhalb der Mariahilf-Kapelle schneien», nennt Bürzle das Wetter als weiteren Unterschied. Eine Grenze lässt sich auch etymologisch zwischen den beiden Siedlungen erkennen. So dürfte «Palazoles» (Balzers) aus dem Lateinischen («kleine Pfalz») herzuleiten sein. Mäls deutet hingegen auf keltische Einflüsse hin. Durch eine Reform im Jahr 1808, ausgelöst durch die Aufnahme in den Rheinbund, wurden in Liechtenstein die politischen Gemeinden im heutigen Sinne geschaffen, womit die von Fürst Johann I. beauftragten Beamten beide Gebiete zur Gemeinde Balzers zusammenfassten.

Die Mälsner erfülle es laut Bürzle mit stolz, dass sich das Schloss, die Kirche und die Primarschule auf ihrem Gebiet befinden. Mit der Gerätebauanstalt Balzers (heute Oerlikon), die sich ebenfalls auf dieser Seite befindet, sorge man für eine florierende Wirtschaft. Ein Balzner würde auf solche Aussagen wohl schnippisch antworten, dass Mäls überhaupt nicht existiere und sich das eigentliche Industriegebiet, zu dem die Inficon gehört, bei ihnen befinde. Der Weg zur Landstrasse gen Triesen führte durch Balzers und im Gegenzug mussten sie die Mälsner Rheinbrücke überqueren, wollten sie nach Trübbach.

Knapper Boden und Vereine schweissen zusammen

Seine Generation habe die Rivalitäten von ihren Eltern übernommen. Für Bürzle mache diese klare Abgrenzung heute jedoch keinen Sinn mehr. «Wir sind zu einer offenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die starke Wurzeln verbindet», schildert er und weist darauf hin, dass die Gemeinde statistisch gesehen die treusten Einwohner des Landes hat. Bodenknappheit und vererbte Grundstücke hätten zu einer Annäherung geführt, sodass sich Balzner nach Mäls wagten und umgekehrt genauso. Zudem sei die Bevölkerung mobiler geworden, richte sich globaler aus.

Eine wichtige Rolle nahm auch das Aufkommen von Vereinen ein. Über den Chor (1930), dem Fussballclub (1932) oder die Pfadfinder (1938) hätten Balzner und Mälsner zueinander gefunden. «Wenn wir als Junioren auswärts gegen Vaduz spielten, mussten wir mit dem Fahrrad hin. Einen Mannschaftsbus gab es noch nicht. Wir waren schon kaputt, bevor wir überhaupt auf dem Fussballplatz gestanden sind», berichtet Bürzle. Mittlerweile habe sich ein einziges Zentrum um den Burghügel herum entwickelt, wo sämtliche Einwohner aufeinandertreffen. Und auch Balzner dürften dem Mälsner zustimmen, wenn er wehmütig äussert: «Die urchigen Beizen von früher sind verloren gegangen. Solche Treffpunkte fehlen mittlerweile. Wenn du am Nachmittag ein Bier oder Kaffee trinken willst, musst du fast schon aus der Gemeinde raus, weil hier nichts geöffnet hat.» (gk)

14. Apr 2019 / 21:00
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